Freischreiben Lena Eibl verbringt eine Woche in einer "Rainbow Community" in Kolumbien

Mitten in der Natur: In dieser Hütte lebt die "Rainbow Community", der sich Lena Eibl für eine Woche angeschlossen hat. Foto: privat

Einfach mal abschalten und dem Alltag entfliehen – das hat Lena Eibl (20) aus Straubing in einer „Rainbow Community“ in Kolumbien ausprobiert. Was sie von dort mit nach Hause nimmt.

Ich weiß weder, wie spät es ist, noch wann ich das letzte Mal geduscht habe. Weil ich mein Handy seit fünf Tagen nicht mehr in der Hand hatte, habe ich mein Zeitgefühl völlig verloren. Ich sitze in einer Leinenhose im hohen Gras an einem Berghang zwischen Bananenpalmen und Zuckerrohr-Pflanzen. Ab und zu höre ich den Wind an mir vorbei tanzen oder einen gedämpften Vogelschrei. Ansonsten ist es still.

Mitten in der Natur

Das letzte Mal, dass ich eine Person gesehen habe, ist ein paar Stunden her. Das liegt daran, dass ich einfach gerade keinen sehen möchte. Ich will einfach den Moment genießen - genauso, wie er ist. Mein Blick wandert immer wieder zu neuen Motiven. Vor mir erstrecken sich endlose Hügel und ein kleiner Bach. In der Ferne entdecke ich eine Kuhherde und, wenn ich ganz nach rechts schaue und meine Augen zusammenkneife, kann ich ein paar hundert Meter weiter ein Zelt zwischen den unzähligen Bäumen entdecken. Der einzige Hinweis dafür, dass ich nicht alleine auf der Welt bin.

In solchen ruhigen Momenten wie gerade vergesse ich alles um mich herum. Ich lebe genau im Hier und Jetzt, lebe so, wie man eigentlich immer leben sollte, aber meist hat man so viele andere Sorgen, die einem im Kopf herumirren, dass man vergisst, den Moment wahrzunehmen und zu genießen. Alle Sorgen und negative Gedanken sind gerade entweder weit weg oder scheinen nur halb so wild zu sein.

Das ist ein Gefühl, das ich bis jetzt noch nie erlebt habe. Ich denke keine Minute über Dinge nach, die gerade in der Welt passieren. Ich denke nur daran, wie wundervoll die Natur ist und wie wundervoll sich das Leben anfühlen kann.

Zu diesem Zeitpunkt befinde ich mich in einer "Rainbow Community" im Süden von Kolumbien, vier Stunden Fußweg vom nächsten Dorf entfernt. Nur durch Zufall hat mir ein Belgier den Tipp mit der Community gegeben. Denn diese Art von Communities sind eigentlich sehr selten, da es hauptsächlich sogenannte "Rainbow Gatherings" gibt, die jedes Jahr in einem anderen Land veranstaltet werden. Dort kommen für ein paar Wochen Menschen aus allen Kulturen zusammen und philosophieren, leben und nehmen Abstand von der modernen Gesellschaft.

Der Gesellschaft entfliehen

Der Ort, an dem ich gerade bin, ist ein sogenanntes "Crystal Land". Hier haben sich ein paar der Community-Teilnehmer fest angesiedelt und wollen dauerhaft der Gesellschaft entfliehen.

Ich werde aus meiner Träumerei gerissen. Die anderen rufen mich. Abendessen ist fertig. Ich setze mich zu ihnen in den Kreis um die Feuerstelle. Immer mehr Menschen kommen und setzen sich dazu. Ab und zu kommt jemand zu mir her und umarmt mich. Dieser Geste stehe ich seit dem ersten Tag kritisch gegenüber. Wieso sollte ich ständig Menschen umarmen, die ich kaum kenne?

Die Community versucht, überall Liebe und Akzeptanz zu zeigen, was leider nur bedingt funktioniert. In meinen Augen kann ich niemanden tief in sein Herzen schließen, wenn mir diese Person eigentlich fremd ist. Es gibt gewisse Regeln in der Community, die einschließen, dass jeder jedem hilft, wenn Hilfe benötigt wird und dass alle liebevoll miteinander umgehen. Es wird immer von Zusammenhalt und einer Einheit gesprochen, aber jedes Mal wieder kommen neue Diskussionen und Unstimmigkeiten auf.

Streit um das Essen

Ein großer Diskussionspunkt ist dabei das Essen: Da die Community hauptsächlich auf Spendenbasis lebt, gibt es meist nur gerade mal so viel, dass jeder satt wird und auch das ist nicht immer garantiert. Deshalb wird genau darauf geachtet, dass in einer Art ersten Runde alle gleich viel bekommen. Ob man dann davon satt wird, ist mehr oder weniger das Problem von einem selber. Ab und zu kommt es auch mal vor, dass sich jemand selber etwas nimmt. Das ist aber nicht erlaubt und artet in großen Diskussionen aus.

Egal, wie wunderbar das Leben in der Community sein mag, man verbringt ziemlich viel Zeit mit sinnlosen Diskussionen. Jedes Mal wieder wird darauf hingewiesen, dass wir alle zusammengehören und uns ausreden lassen sollen, was nicht immer so einfach ist. Trotzdem sitze ich oft mit den anderen stundenlang am Lagerfeuer und wir reden und philosophieren über die Welt, alle eng zusammengerückt, weil es in der Nacht ziemlich kalt wird.

Obwohl ich der festen Überzeugung bin, dass diese Art von Gemeinschaft nicht so funktionieren kann, wie sie es möchte, habe ich mich schon lange nicht mehr so wohl und frei von negativen Gedanken gefühlt. Der Bezug zur Natur, den ich dort erfahren durfte, war einmalig. Ich hoffe sehr, dass ich diese Art der Zuneigung für unseren Lebensraum bald wieder erfahren darf.

Einfach mal abschalten und dem Alltag entfliehen - das hat Lena Eibl (20) aus Straubing in einer "Rainbow Community" in Kolumbien ausprobiert. Was sie von dort mit nach Hause nimmt.

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