Freischreiben Kurzgeschichte: Pure Anarchie

Emily Hettlers Kurgeschichte handelt vom Chaos rund ums Abitur. Foto: ccvision.de

Unglaublich! Sogar aus dem gebildetsten und diszipliniertesten Schüler kann sich innerhalb eines Tages ein Wilder entwickeln. Sobald ich aus dem Fenster blicke, sehe ich sie. Wie ein Bienenschwarm huschen sie in ihren gelben Abi-T-Shirts auf dem überfüllten Schulhof hin und her – vollgepackt mit Wasserpistolen, Spraydosen und Farbbomben. Der Platz gleicht einer riesigen Müllhalde voller Pappbecher, Wasserflaschen und nasser, kreischender Schüler. Das Chaos regiert. Ich schüttle den Kopf, schiebe mir die Brille auf die Nase und wende mich wieder den Schulaufgaben zu, die ich korrigieren muss.

31 Punkte, das ist eine Zwei minus. 15 Punkte, eine Fünf. Ah, diese Arbeit ist von Lena. Natürlich wieder volle Punktzahl, eine glatte Eins. Normalerweise würde ich jetzt vor Stolz strahlen, aber da fällt mir ein, dass ich sie ja vorher unter den Chaoten entdeckt habe. Ein paar meiner Kollegen habe ich auch schon in dem Haufen von Schülern gesehen. Einen haben sie von oben bis unten in Klopapier eingewickelt, den anderen mit Haarfärbespray verziert und dem Rektor haben sie sogar ein „Kick mich“-Schild auf den Rücken geklebt. Dieser Abi-Streich sollte wirklich verboten werden. Das ist nur noch pure Anarchie. Genau deswegen distanziere ich mich von meinen Schülern. Sie sollen mich als Autoritätsperson sehen. Härte ist nötig. Nur so kann ich die Klasse zusammenhalten, ordnen und strukturieren. Dafür braucht es eben einen Anführer und der bin ich! Vertraue auf das System, vertraue auf die Rangordnung – das ist meine Devise. Aber dieser Abi-Streich ist das komplette Gegenteil davon.

Ein Wasserballon klatscht gegen mein Fenster. Ein Fünftklässler wird mit dem Kopf voraus in einen Eimer getaucht. Unerträglich laute Musik hämmert erbarmungslos aus den Lautsprechern. Die Lehrer stehen ratlos daneben. Mädchen kreischen. Ein weiterer Ballon fliegt gegen mein Fenster. Es reicht! So kann man doch nicht korrigieren! Wutentbrannt schieße ich aus meinem Bürostuhl, laufe die Treppe hinunter ins Erdgeschoss und reiße die Tür zum Hof auf.

Alles schlägt mir wie eine Sturmböe entgegen. Der Lärm, die Menschenmenge, der Gestank. Es ist, als hätte jemand Kopfhörer von meinen Ohren genommen, sodass aus den dumpfen Basstönen laute tiefe Schläge werden, die meinen Körper durch und durch zittern lassen, begleitet von Elektrogedudel. Sofort reißt mich die Meute mit, schleudert mich hin und her, trampelt auf meine Füße, bringt mich zum Stolpern. Ich falle auf den nassen Boden. Meine Brille rutscht mir von der Nase und schlägt auf dem Pflaster auf.

Nein! Ohne sie bin ich blind wie ein Maulwurf. Unbeholfen taste ich nach ihr, bekomme aber nur eine Handvoll Scherben zu fassen, die schmerzvoll in meine Haut schneiden. Ich will schimpfen, ich will schreien, ich will Verweise verteilen, doch niemanden scheint es auch nur ansatzweise zu stören, dass ich mit hochrotem Kopf auf dem Boden herumtobe. Neben mir sehe ich verschwommene Farbflecken vorbeifliegen und der vibrierende Untergrund gibt die Schwingungen an mich weiter, sodass mein Hirn hin und her geschüttelt wird.

Plötzlich ertönt ein schrilles Pfeifen neben mir und ich springe erschrocken auf. Unbeholfen versuche ich, mich auf den Beinen zu halten, doch dabei stoße ich immer wieder gegen andere Menschen. „Bitte, lass den Albtraum ein Ende haben“, bete ich zu einer höheren Macht. Da fällt mein Blick auf etwas, das vage wie ein Lautsprecher aussieht. In meinem Kopf beginnt es zu rattern: Wo ein Lautsprecher ist, ist bekanntlich auch ein Stecker und den kann man ausstecken. Ein neuer Hoffnungsschimmer entbrennt in mir und ich kämpfe mich durch die Menschen hin zu dem großen verschwommenen Ding.

Von der Seite klatscht mir etwas gegen den Arm. Als ich an mir herunterschaue, bin ich gelb. Na toll, jetzt sehe ich genauso aus wie diese Wilden. Denen werde ich es zeigen! Ich bin die Autorität! Mein Ziel immer noch vor Augen, quetsche ich mich weiter durch die Menge. Wasser spritzt von der Seite auf mich, doch nichts kann mich aufhalten. Der Bass hämmert schmerzvoll in meiner Brust. Weiter! Immer weiter! Da vorne ist schon der Lautsprecher. Plötzlich schwappt eine Welle aus Menschen heran, reißt mich mit sich, dreht mich im Kreis. Und noch eine. Und noch eine. Wie eine Boje auf dem Meer werde ich durch die Leute getrieben. Einmal hierüber, einmal herüber. Ich kann mein Ziel schon längst nicht mehr sehen. Wütend versuche ich mich zu wehren, doch die Wellen sind zu stark. Also lasse ich meine Muskeln erschlaffen, gebe mich der größeren Kraft hin. Es hat doch sowieso keinen Sinn mehr.

Ich bin Teil eines großen Ganzen, mittendrin in einer lebendigen, pulsierenden Masse, wie ein Fisch in einem bunten Schwarm.

Trillerpfeifen kreischen wie Möwen über mir. Wasser läuft über meine Zehen in meine Schuhe. Wann war ich eigentlich das letzte Mal am Meer? Immer schneller werde ich hin und her gespült. Meine Füße spüren keinen Untergrund mehr. Ich schwebe und langsam wird die Boje unter Wasser gezogen. Schwerelos treibe ich in der Menge. Wo mein Körper aufhört und ein neuer beginnt, spüre ich nicht mehr. Es fühlt sich so an, als wären alle miteinander verschmolzen. Da sind so viele Menschen, doch es macht mir nichts aus. In mir macht sich ein Gefühl breit, ein ganz anderes als die Abscheu von vorher. Ich bin Teil eines großen Ganzen, mittendrin in einer lebendigen, pulsierenden Masse, wie ein Fisch in einem bunten Schwarm. Ein Schwarm ohne einen richtigen Anführer. Immer gibt ein anderer die Richtung an, ständig wird gewechselt und trotzdem fühle ich mich sicher. So ist es besser, als allein im Ozean zu treiben.

Kann Gemeinschaft auch auf diese Weise funktionieren? Braucht es überhaupt einen festen Anführer oder sollte sich jeder einmal einbringen und den Ton angeben dürfen? Und wieso bin ich eigentlich hier? Was wollte ich gleich nochmal? Keine Ahnung, ich habe es vergessen. Ich bleibe einfach noch ein bisschen hier und lasse mich treiben. Musik durchströmt meinen Körper, doch diesmal ist es angenehm. Wie ein Rhythmus, nach welchem die Welle fließt. Auch der Wassereimer, den ich plötzlich über den Kopf geschüttet bekomme, macht mir nichts aus. Die Abkühlung kommt gerade recht. Ich treibe weiter, alles huscht an mir vorbei. Die Zeit bleibt stehen.

Als ich plötzlich wieder vor der Tür stehe, durch die ich auf den überfüllten Pausenhof gekommen bin, weiß ich nicht einmal, wie lange ich draußen gewesen bin. Wie ferngesteuert laufe ich die Treppe hoch, zurück in mein Büro. Dort greife ich nach meiner Ersatzbrille und schaue in den Spiegel. Ein durchnässtes, mit Farbe bekleckertes, ein Fuß in Klopapier eingewickeltes, zerzaustes, mit Aufklebern beklebtes, zerrupftes, breit grinsendes Ich starrt mich daraus an.

 
 

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