Freischreiben Kurzgeschichte: "Nie wieder"

Nie wieder – eine Kurzgeschichte von Anne Oy.
Nie wieder – eine Kurzgeschichte von Anne Oy. Foto: Hans Klaus Techt/dpa

Regentropfen perlen an meinem Gesicht herunter. Ich renne in meinen durchnässten Hotpants über das Sonnenblumenfeld. Besser gesagt das Sonnenblumenchaos. Der Teil des Feldes, der schon von mir durchpflügt worden ist, sieht ziemlich wild aus.

Regen vermischt sich mit meinen Tränen. Hoffentlich überleben meine Hörgeräte diesen Starkregen! Die Wimperntusche ist sicher schon verlaufen und ich sehe bestimmt aus wie ein Gespenst. Seinen stechenden Blick spüre ich im Rücken, bevor ich ihn überhaupt kommen sehen kann. Ich seufze, als meine Hörgeräte ausgehen. Der Regen muss sie gekillt haben. Scheiße! Aber das ist im Augenblick mein kleinstes Problem.

Was willst du?!

Er, Jonas, berührt meine Schulter. Abrupt drehe ich mich um und hätte ihn dabei fast umgeworfen. Schön wäre es gewesen … „Was willst du?!“, gebärde ich ruppig und sehe in Jonas‘ Augen. Grau, das sich mit einem Hauch von Grün und Gelb vermischt. „Ich …“, er deutet auf sich und weiter kommt er nicht. „Habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt? Ich will dich nie wiedersehen!“, fahren meine Hände fort und ich drehe mich um. Jetzt kann er gebärden, was er will, ich kann Jonas jetzt nicht sehen und hören schon gar nicht.

Wir sind Vergangenheit

Wie weh hat er mir getan? Wie tief haben seine Worte in mein Herz geschnitten? Ich renne weiter. Es ist nicht mehr weit, ich kann schon das Ende des Blumenmeeres erblicken. Wenn Jonas das nicht getan hätte, wären wir jetzt glücklich. Hier, im Sonnenblumenfeld. Wie romantisch. Bitter lache ich auf. Doch Jonas und Merle sind Vergangenheit. Er wird nie wieder in mein Leben treten. Nie wieder!

Jonas hat mich eingeholt, keuchend und nach Atem ringend steht er vor mir. „Merle, du kannst doch jetzt nicht weglaufen. Ich kann dir alles erklären, wirklich.“ Bei der Gebärde für „wirklich“ sehen seine Augen mich so flehend an, dass ich fast meinen Widerstand aufgeben würde. Für „wirklich“ streckt man Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger aus, die anderen klappt man ein und legt alle drei Finger auf sein Herz.

Doch meines ist nicht mehr ganz, und daran ist allein Jonas Schuld. Widerstrebend sehe ich ihn ein letztes Mal an und füge ein hastiges „Ich hasse dich!“ hinzu. Dabei führe ich das Wort „hassen“ so schwungvoll wie nur möglich aus. Hassen gebärdet man, indem man eine Hand spreizt und in einen Bogen vom Kinn nach unten führt. Wie gerne wäre ich jetzt woanders, Hauptsache, weit weg von Jonas.

Wütend stapfe ich durch dieses blöde Feld. Sonnenblumen stehen mir im Weg und der Boden ist so aufgeweicht, dass man fast darin versinkt. Ich riskiere einen schnellen Blick zurück und sehe, dass Jonas aufgibt und in die andere Richtung geht. Erleichtert atme ich auf.

Nie wieder möchte ich ...

Nie wieder möchte ich so naiv sein. Nie wieder möchte ich jemandem mein ganzes Vertrauen schenken, nur um dann mit völlig zertrampelten Herzen dazustehen. Nie wieder Jonas. Jonas, mit dem ich so gut lachen konnte. Jonas, der mich so liebt, wie ich bin. Geliebt hat, verbessere ich mich. Jonas, mit dem das Leben nicht immer in diesem eintönigen Grau, sondern auch bunt war. Jonas hat mir Mut gegeben. Mut, durchzuhalten. Mut, ich selbst zu sein. So wie ich bin. Merle, die schwerhörig ist. Merle, die zerspringt vor Glück oder an Schmerz und Traurigkeit zu zerbrechen droht. Ich habe langsam gelernt, wer ich bin. Wie ich bin. Ich bin dankbar für Jonas. Dankbar, dass ich all das von ihm lernen durfte.

Es wird gut werden, irgendwie

Trotz allem werde ich ihn nie wieder ansehen wollen. Nie wieder werde ich seine Merle sein. Nie wieder werde ich Teil seines Lebens sein, so wie er ein Teil meines war. Nie wieder. Die Sonne scheint durch die Blätter der Sonnenblumen und wärmt mein nasses Gesicht. Irgendwie muss ich wieder Hoffnung schöpfen. Hoffnung auf ein Leben voller Vertrauen.

Aber wie kann mein gebrochenes Vertrauen wieder ganz werden? Wie? Kann die Zeit einfach all die Scherben zusammenkitten? Ist das möglich? Ich laufe weiter, mit der Gewissheit, dass alles gut werden wird. Irgendwie.

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