Freischreiben Kurzgeschichte: "Das Treffen"

Steffis Kurzgeschichte "Das Treffen" spielt in der Kirschblütenzeit. Foto: Pixabay

Jedes Jahr besuchen meine Eltern und ich Anfang Mai das Kirschblütenfest im Park. Kleine Stände werden aufgebaut. Es gibt Zuckerwatte, Pizza, Eis und andere Köstlichkeiten zu kaufen, während man den Anblick der Bäume genießen kann. Es sieht immer wunderschön aus, wenn sie in voller Blüte stehen. Deshalb schießen auch viele Leute Erinnerungsfotos oder Bilder für ihren Instagram-Account. So auch jetzt.

Meine Eltern und ich steigen in den Bus, der rappelvoll ist, aber uns direkt zum Fest bringt. Eigentlich ist es stets ein großes Vergnügen, doch ein Streit mit meinen Eltern hat meine Freude heute getrübt. Ich wollte dieses Jahr mit meinen Freundinnen hingehen. Schließlich bin ich kein Kleinkind mehr. Aber Mum hat darauf bestanden, dass wir als Familie gehen. Und wenn Mum auf etwas besteht, kann man einen Handstand machen und dabei Cola durch die Nase trinken – sie ist nicht mehr davon abzubringen. Daher habe ich mich entschieden, ihren Tag zu verderben, weil sie mir meinen vermiest hat. So habe ich einen griesgrämigen Gesichtsausdruck aufgesetzt und meine Kopfhörer in die Ohren gesteckt. Auch etwas, das meine Mum nicht leiden kann, aber dieses Mal lässt sie mich gewähren.

Als wir endlich aus dem stickigen Bus aussteigen, kommen uns schon Oma und Opa entgegen. Die beiden feiern jedes Jahr an diesem Tag ihren Hochzeitstag. Zweiundfünfzig Jahre sind es heuer. Oma nimmt mich fest in den Arm, dann lassen wir uns von der Masse mitschieben. Ich bin immer noch so wütend, dass ich hinter ihnen gehe und desinteressiert wirke. An einem Stand mit Seifen in Form von Kirschblüten bleibt Mum entzückt stehen. Ich sehe mich bemüht gelangweilt um, während die Musik in meinen Ohren dröhnt. Da fällt mein Blick auf eine Bank, auf der ein Junge ganz alleine sitzt.

Ich wende mich zunächst ab, doch als er nach ein paar Minuten immer noch dasitzt, gehe ich aus einem Impuls heraus zu ihm. Ich lasse mich neben ihn fallen, doch er blickt nur stur geradeaus. Ich ziehe meine Kopfhörer heraus, stecke sie in die Tasche und spreche ihn an: „Hey!“ Ich hatte noch nie ein Problem, auf Leute zuzugehen und sie einfach anzuquatschen, besonders wenn sie in meinem Alter sind. Er antwortet nicht. „Wartest du auf deine Eltern?“ Wieder keine Antwort. Das ist ja mal ein harter Brocken! Da er recht gepflegt aussieht, bohre ich weiter nach: „Hast du schon die Zuckerwatten probiert? Ich weiß nicht was die da reintun, aber sie schmecken viel besser als auf dem Stadtfest.“ Keine Reaktion. Also schaue ich in die Richtung, in die er die ganze Zeit starrt und plötzlich durchzuckt mich ein kleiner Stich. Vor uns steht ein besonderes Prachtexemplar von einem Baum mit prachtvollen rosafarbenen Blüten. Einzelne Blätter werden vom Wind heruntergeweht und es hat mit den perfekt fallenden Sonnenstrahlen etwas Monumentales. „Wunderschön“, murmle ich und endlich sieht der Junge zu mir herüber. Ich erschrecke innerlich, als ich ihn ansehe, denn so traurige Augen habe ich noch nie gesehen. Plötzlich spüre ich auch die drückende Trauer, die von ihm ausgeht, und unbehaglich blicke ich auf meine Füße. Als hätte sich um uns eine Blase gebildet, werden plötzlich die Geräusche um uns herum leiser, als er sagt: „Solche besinnlichen Augenblicke sollte jeder viel mehr zu schätzen wissen. Erst wenn sie vergangen sind, begreift man, wie wichtig sie waren.“ Auch wenn ich verstehe, was er sagt, finde ich ihn trotzdem sehr komisch. Da ich nicht recht weiß, was ich darauf antworten soll, sage ich schlicht: „Ja.“ „Du bist mit deinen Eltern hier?“ Erstaunt nicke ich, betrachte ihn, wie er sich in seinen Gedanken zu verlieren scheint. „Du solltest nicht mehr böse auf sie sein.“ „Woher …“ „Eines Tages werden sie nicht mehr da sein und du wirst dich für jeden Streit hassen.“

Ich fühle mich unwohl. Ich spüre, dass er etwas Schreckliches erlebt haben muss, doch ich will es gar nicht wissen. Ich bin kurz davor, aufzustehen, als er weiterredet: „Es ist immer wieder erstaunlich, wie friedlich die Menschen bei solchen Veranstaltungen sind. Weißt du, ich hatte mit vielen egoistischen Menschen zu tun. Das Schlimmste ist, dass sie nicht merken, wie sehr sie andere damit verletzen. Eigentlich sollte man sich doch unterstützen, oder nicht? Auf den anderen eingehen, sich in ihn hineinversetzen. Alles, was man tut, fällt doch auf einen zurück? Viele denken nicht mehr eigenständig nach, sondern tun, was die Masse vorschreibt.“ Ich erkenne, dass er feuchte Augen hat.

Ungewollt treffen mich seine Worte tief und nehmen meiner Wut das Feuer. Mum liebt uns und ich weiß, dass es für sie eine große Freude ist, wenn wir jedes Jahr auf das Kirschblütenfest gehen, einen Fisch essen und den Hochzeitstag ihrer Eltern feiern. Ich schäme mich plötzlich für mein blödes Verhalten. Ich sehe meine Freundinnen jeden Tag in der Schule, aber irgendwann werden die Umstände anders sein und ich werde nicht mehr mit meinen Eltern herkommen. Denn alles hat einen Anfang und ein Ende, auch das Leben. So verrückt es klingt, mit diesen Gedanken überkommt mich plötzlich eine Angst. Angst vor der Veränderung, dass bald alles zu Ende sein könnte.

„Angst ist ein schlechter Begleiter“, höre ich seine Stimme neben mir. „Wir haben nur ein Leben.“ „Ich werde mich bei ihnen entschuldigen!“ Ich drehe mich zur Seite, doch der Platz neben mir ist leer. Verwundert blicke ich umher, kneife mich in den Arm, ich habe mir das Ganze doch nicht eingebildet?! Da höre ich meine Mum rufen und mit neuem Schwung stehe ich auf.

 

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