Freischreiben Zur Fortsetzung: "Das Treffen" - Teil 2

Schnellen Schrittes geht der Junge auf seinen Meister zu, wobei er beinahe mit einem Losverkäufer zusammengestoßen wäre. Nur langsam gewöhnt er sich an die Tatsache, dass ihn niemand sehen kann, solange er es nicht will. Er ist da und doch wieder nicht.

Er hasst diese Art von Aufträgen. Zu sehr erinnern sie ihn an sein eigenes Schicksal. Vor zwei Monaten hatte sich sein Leben von einem auf den anderen Moment verändert. Einen Schicksalsschlag später hatte er sich an dem Ort befunden, der ihn zur Unsterblichkeit verdammte. An jenem schicksalshaften Tag hatte er mit seinen Eltern aufgrund eines Streits zwischen ihnen einen Autounfall gehabt. In der Zwischenwelt angekommen, hatte man ihm erklärt, dass jeder, der am 31. Dezember genau um Mitternacht geboren wurde und starb, hier landet. Ein Meister wurde ihm an die Seite gestellt, der ihn durch verschiedene Aufträge begleiten sollte, welche sich alle darum drehten, Gutes zu tun. In der Zwischenwelt laufen die Fäden aller Menschen zusammen. Das Mädchen war eine Übungsaufgabe gewesen. Er hatte gewusst, dass sich der Streit mit ihren Eltern  gesteigert hätte und es zu immer mehr Zerwürfnissen gekommen wäre, was zu einem einsamen Leben mit vielen Fehlern auf beiden Seiten geführt hätte.

Neid und Traurigkeit durchfließen ihn jetzt. Im Gegensatz zu ihr würde er seine Schuld nie mehr begleichen können.

„Alles was man tut hat seinen Preis“, war einer der ersten Sätze seines Meisters gewesen. „Und alles passiert nicht ohne Grund. Manchmal auch, um uns zu testen. Du musst hinterfragen, stark bleiben, denn andere werden immer versuchen, dich negativ zu beeinflussen. Nicht jeder Mensch ist gleich und wenn du dich offenbarst, bist du ihrem Wesen ausgeliefert.“

Er braucht gar nicht in das Gesicht seines Meisters zu sehen, um zu wissen, dass er sich wieder viel zu viel hatte gehen lassen. Er macht sich auf eine Standpauke gefasst, denn eigentlich soll er seine eigenen Emotionen nicht so stark einfließen lassen, aber er hasst Egoismus. Das hatte ihn schon bei seinen Freunden früher gestört. Er sollte sich ihren Wünschen beugen, doch umgekehrt wurde immer ein Gegenargument gefunden. Zu seiner Überraschung sagt sein Meister kein Wort. Beinahe vergnügt beäugt er eine Popcornmaschine.

So betrachten sie die lachenden Menschen, wobei der Junge sich nach einiger Zeit fragt, wann sie endlich aufbrechen würden, als der Meister ihm eine Hand auf die Schulter legt und fragt: „Weißt du, warum die Menschen den Tod so fürchten, mein Junge? Der Meister spricht oft von diesem Thema, denn er konnte den Tod eines jeden vorhersehen. „Weil er grausam ist?“, antwortet er bitter. So sehr er es versucht, sich an die aktuelle Situation zu gewöhnen, in ihm brodelt noch immer eine gewisse Wut. Dass er alleine hier ist, Gutes für andere tun soll, wo doch er selbst nur sehr wenig davon von anderen erfahren hatte.

„Weil er stärker ist als sie. Das Einzige, das sie nicht kontrollieren können, aber gleichzeitig etwas, das alle Menschen gleich macht. Jeder muss da durch. Er ist eine Gefahr vor der man davonlaufen will.“ Der Junge verdreht innerlich die Augen, jedoch weiß er, dass alles, was sein Meister sagt, stimmt. Der Meister hat ihm bisher noch nichts über sich selbst verraten. Der Junge vermutet aber, dass er schon sehr, sehr lange in der Zwischenwelt lebt. Andererseits hat er noch nie einen so schlauen Menschen getroffen. Der Meister weiß über jedes Thema etwas, als wäre er allwissend.

„Der Mensch macht sich oft größer als er eigentlich ist. Will herrschen und alles sein Eigen nennen. Was zählt heute? Geld, Macht und Kontrolle. Sinnlose Kriege werden ausgetragen, die zahlreiche Leben fordern. Viele müssen leiden, weil ein paar einzelne kontrollieren wollen. Oder sie setzen das Mittel der Manipulation ein. Drehen alles so, wie sie es wollen, während jene, seiner Meinung nach Schwache, Weg und Verstand verlieren.“

Er hört seinem Meister einfach zu. Er ist es gewohnt, dass dessen Gedanken oft hin- und herspringen. Häufig mischt sich dieser Tiefsinn hinein. „Warum ändern wir das dann nicht?“, fragt der Junge zum ersten Mal. Der Meister atmet tief ein, bevor er antwortet: „Weil wir nicht die Kraft dazu haben. Es bräuchte viele mehr …“ „Aber …“ „Ich erzähle dir nun etwas, das eigentlich für einen späteren Zeitpunkt bestimmt ist. Die Menschen sind mit dem Universum verbunden. Jede starke, böse Tat schwächt diese Verbindung, bis sie eines Tages abreißt. So schwindet auch unser Einfluss auf sie. So schwer es ist - wir sind gezwungen, diese Schicksale loszulassen. Daher müssen alle von uns, auch wenn wir keine große Anzahl sind, so viele Menschen auf den richtigen Weg bringen, wie wir können und sie unterstützen. Dass ihre Zukunft freudiger sein wird.“

Im Kopf des Jungen fliegen die Gedanken wie ein Gummiball hin und her. Vergnügt sagt der Meister: „Wenn ich könnte, würde ich nur zu gerne ein Eis essen … na ja, wir sollten aufbrechen, der nächste Auftrag wartet bereits.“

 

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