Freischreiben Kraft und Ausdauer: Johannes Herpich über das Rudern

Johannes rudert meist im Einerboot. Foto: privat

Kraft und Ausdauer: Johannes Herpich (16) aus Parkstetten im Landkreis Straubing-Bogen rudert seit seiner Kindheit und nimmt regelmäßig an Wettkämpfen teil. Was die Sportart so besonders macht.

Erlangen, die letzte Ruderregatta der Saison 2019. Ich bereite mich gerade auf den Langstreckentest vor. Nach kurzem Warmlaufen folgen noch einige Dehnübungen, dann bespreche ich mit dem Trainer den bevorstehenden Test.

Rudern ist eine spezielle Sportart: Es gibt verschiedene Bootsarten und Rudertechniken. Beim „Skullen“ hat jeder Sportler zwei Ruder. Beim „Riemen“ hat jeder nur eines. Diese Technik funktioniert also nur im Mannschaftsboot, da je ein Ruder links, das andere rechts ins Wasser taucht. Bei den Bootsklassen unterscheidet man zwischen Einer, Zweier, Vierer und Achter, wobei es zum Beispiel beim Vierer die Skullvariante (Doppelvierer), und die Riemenvariante (Vierer) gibt. Im Vierer rudern immer vier Leute, im Achter acht. Ich bin aber die meiste Zeit alleine im Einer unterwegs – mit zwei Rudern natürlich.

Eine Stunde vor dem Start: Ich trage mein Boot auf der Schulter und die „Skulls“ in der Hand und begebe mich zum Steg. Wie immer ist er überfüllt. Nach kurzer Wartezeit bin ich an der Reihe. Ich befestige die „Skulls“ an der Halterung und lasse die Ruder ins Wasser gleiten. Endlich kann ich ablegen. Mit ruhigen Schlägen rudere ich in Richtung Start.

Das Ziel des Trainings

Die Regatten, also die Wettbewerbe und die damit einhergehenden Rennen, sind jede Saison das Ziel meines Trainings. Es gibt viele verschiedene Regatten – vom 500-Meter-Sprint bis zur 12 000-Meter-Langstrecke und sogar darüber hinaus. Normalerweise starten die Sportler in einem Feld und alle gleichzeitig. In einem so langen Rennen wie heute, das über sechs Kilometer geht, wird einfach alle 45 Sekunden ein Starter losgeschickt.

Ich habe noch Zeit. Trotzdem will ich warm bleiben und rudere am Start noch ein paar Schläge. Zugegeben: Ich bin ein bisschen aufgeregt, doch da ich schon viele Jahre dabei bin, legt sich die Nervosität. Gespannt warte ich auf den Ton und die rote Fahne, das Startsignal der Schiedsrichter. Vom Rand aus ruft mir der Trainer noch letzte Anweisungen zu. Dann geht alles blitzschnell. Das Signal ertönt. Die Anspannung ist vorbei. Das Rennen startet. Ich rolle mit dem Sitz nach vorne und setze meine „Skulls“ ins Wasser. Während des Schlags rolle ich nach hinten. Am Schluss kommt der Endzug. In dem nehme ich die Ruder aus dem Wasser. Ich will so schnell wie möglich sein. Deshalb mache ich ungefähr eine halbe Stunde lang alle zwei Sekunden einen Schlag.

Um mich auf solche Rennen vorzubereiten, trainiere ich mehrmals die Woche. Normalerweise fahre ich dazu mit meinem Vater samt Hänger und Boot zur gewohnten Ablegestelle an der Donau auf Höhe des Flugplatzes Wallmühle. Dort bestreite ich meist Zwölf-Kilometer-Einheiten. Während der Übungen trainiere ich mit Schlagzahl 22, also 22 Schlägen pro Minute, vor allem die Technik.

Brennende Muskeln

Die erste Hälfte des Rennens ist noch vergleichsweise einfach. Aber im zweiten Teil schmerzen meine Gliedmaßen und meine Muskeln brennen. Doch ich mache weiter, gebe nicht auf, denn meine Gegner nahen schon heran. Endlich sehe ich das Ziel vor mir. Es ist in greifbarer Nähe. Ich beginne den Endspurt, verbrauche meine letzte Kraft. Die Schläge werden schneller und kürzer. Das Signal ertönt. Das Rennen ist vorbei. Erst mal entspannen. Fünf Minuten später trete ich die beschwerliche Fahrt zurück zum Steg an.

Die Rudersaison geht von März bis November. Um auch im Winter trainieren zu können, gibt es den „Ruder-Ergometer“. Dieses Sportgerät simuliert die Bewegungsabläufe in einem Ruderboot an Land. Dazu kommt im Winter Langlaufen als weiteres Training. Ich lege wieder an. Wir verladen die Boote und machen sie für die Heimfahrt fertig. Dann unterhalte ich mich noch mit meinen Gegnern, die nach dem Rennen eher Freunde sind. Wir klatschen ein und freuen uns auf kommende Treffen. Ein Gemeinschaftsgefühl kommt hoch, vom Konkurrenzdenken fehlt jede Spur. Stattdessen teilen wir nach jedem Wettkampf viele unvergessliche Momente, schließlich sitzen wir alle im gleichen Boot.

Das ist ein Grund, warum das Rudern ein so besonderer Sport ist: Rudern verbindet. Auf den zahlreichen Regatten prallen viele Menschen aus unterschiedlichen Vereinen aus Deutschland aufeinander. So kommt man als Straubinger auch mit Sachsen oder Schwaben zusammen. Auch aus sportlicher Sicht ist Rudern besonders: Es vereint Kraft und Ausdauer – eine gute Kombination.

 

Rudern international

Auch im Rudern gibt es eine Weltmeisterschaft, bei der die deutschen Sportler bisher sehr erfolgreich waren. So hat der Deutschland-Achter 2019 in Linz gewonnen. Und auch im Einer, der zweitwichtigsten Bootsklasse nach dem Achter, konnte die deutsche Nationalmannschaft dank Oliver Zeidler den ersten Platz verbuchen. Rudern ist besonders in England Tradition und deshalb sehr angesehen. So ist die dortige Königsfamilie gut mit dem Sport vertraut. Rudern ist außerdem das Aushängeschild der Eliteuniversitäten Cambridge und Oxford.

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