Freischreiben Johanna Graßl über den Roman „Der Traumhändler“

„Der Traumhändler“ von Augusto Cury, Allegria Verlag, Länge: 320 Seiten, ISBN: 978-3548745923. Foto: Allegria Verlag

Der Roman „Der Traumhändler“ des brasilianischen Autors Augusto Cury ist ein einzigartiges Buch, das in Erinnerung bleibt. Einerseits rechnet es so herausfordernd mit dem ab, was wir oft für selbstverständlich halten, dass ich es 2013, als es erschienen ist, erstmal nach wenigen Seiten wieder weglegte, bis ich es kürzlich wiederentdeckte und lieben lernte.

Dieses Mal war ich offensichtlich bereit, mich in die darin geschaffene Welt entführen zu lassen, aber auch, um mich einzulassen auf die Reflexionsreise über das eigene Leben, die Curys Erzählung unumgänglich auslöst. Andererseits ist Curys Schreibweise zugleich so humorvoll, einfühlsam und einprägsam, dass die Geschichte bei diesem zweiten Leseversuch von Beginn an sanft in mein Inneres hinein zu schweben schien.

Die Erzählung steigt ein, als der Soziologie-Professor Julio Lampert aus einer langanhaltenden Depression heraus vorhat, sich von einem Hochhausdach in einer großen, anonymen Stadt zu stürzen und dabei schaulustige Blicke auf sich zieht. Völlig unerwartet erscheint ein ihm unbekannter Mann auf dem Hochhausdach, dem es durch sein erstaunliches Auftreten in einer beinahe skurrilen Szene gelingt, Julio so abzulenken, dass er schließlich von seinem Selbstmordvorhaben absieht. Julio wird von da an zum Ich-Erzähler der weiteren Geschichte über den Mann, wegen dem er noch lebt. Dieser hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Menschen an ihre vergessenen und begrabenen Träume zu erinnern. Schon bald sammelt sich eine vielseitige Gruppe von Menschen um den Traumhändler, die auf ganz unterschiedliche Weise an den gesellschaftlichen Standards und Erwartungen gescheitert sind: Manche sind dem Alkohol verfallen, andere einfach einsam, manche ertrinken in Selbstzweifeln und Sorgen, und wieder andere sind verarmt oder emotional am Ende. Auf einem dann beginnenden ziellosen, ungewissen Abenteuer mit dem Traumhändler entdecken sie ganz andere Facetten ihrer selbst, schließen unerwartete Freundschaften und versuchen eine ganz neue Lebensform, die der Essenz des Seins vielleicht mehr entspricht als ihr bisheriger Alltag.

Zum Umdenken bewegen

Der Traumhändler ist zugleich aktiv Handelnder und sensibler Philosoph und entwirft eine manchmal zu einfach und vielleicht unrealistisch erscheinende Utopie eines harmonischen, friedlichen und erfüllten Zusammenlebens. In der Erzählung gelingt es ihm, die Menschen, denen er begegnet, zum Umdenken zu bewegen und mitzureißen, indem er einen scharfen Blick und viel Verständnis für die Verletzungen ihrer Vergangenheit hat und jede und jeden Einzelnen bedingungslos ernst nimmt.

Zugleich schafft er es, die Menschen mit der Leichtigkeit, die ihn selbst zu tragen scheint, zu umfangen und auf der Straße zum Singen und Tanzen zu bringen, aber auch zum Meditieren, zum Mitfühlen und zum Aufeinander-Zugehen.

Beim Lesen mag man sich am Anfang des Buches innerlich ein wenig wehren, die Ideen für naiv und nicht umsetzbar halten. Bis man sich dabei ertappt, die Leute, die man in der Straßenbahn oder im Supermarkt trifft, plötzlich mit anderen Augen zu betrachten, ihnen gegenüber vielleicht etwas achtsamer zu sein, und merkt, dass man im Alltag plötzlich Gedanken Wirklichkeit werden lassen will, von denen man gestern noch geglaubt hätte, dass sie sowieso nicht gehen.

Ganz egal also, ob die Geschichte des „Traumhändlers“ genau so funktionieren könnte oder nicht, ihre Stärke ist es, die Aufmerksamkeit der Leser auf sich selbst und andere neu zu fokussieren und Perspektivenwechsel zu schaffen, die uns unser Leben neu hinterfragen lassen. Auf diese Weise schenkt Curys Roman Lesern Träume zurück, die ein Stück weit die Welt verändern können, und wurde so, zumindest für mich, zur Selbsterfüllung seines Titels.

 
 

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