Buchtipp Johanna Graßl über den Roman "Der schönste Grund, Briefe zu schreiben"

Johanna Grassl über den Roman "Der schönste Grund, Briefe zu schreiben". Foto: privat

Johanna Graßl (23) stellt den Roman „Der schönste Grund, Briefe zu schreiben“ von Ángeles Doñate vor.

Wann hast du das letzte Mal einen Brief geschrieben? Erinnerst du dich noch daran? Bei den meisten von uns ist es wahrscheinlich schon eine Weile her. Der Roman „Der schönste Grund, Briefe zu schreiben“ von Ángeles Doñate (2016) erinnert einfühlsam und sanftmütig an die Kraft dieser fast vergessenen Kunst des Briefeschreibens.

In dem kleinen spanischen Dorf Porvenir droht die Schließung des örtlichen Postamts, das eine lange Tradition hat. Für die Briefträgerin Sara, eine alleinerziehende Mutter, bedeutet das die Versetzung. Schon ihr ganzes Leben hat sie in diesem Dorf verbracht und mit dem Ende des Postamts steht für sie eine tiefgreifende Entwurzelung bevor.

Eine unverhoffte Wendung

Saras ausweglose Situation ändert sich, als sich ihre Nachbarin Rosa, eine charakterstarke, beeindruckende alte Dame einmischt. Sie will an ihrem Lebensabend einen Fehler ihrer Jugend wieder gut machen und beschließt, einen Brief zu schreiben. Dabei hat sie die Idee, eine Briefkette loszutreten. Sie will so den Umsatz des Postamts steigern und die Chancen erhöhen, dass Saras Stelle erhalten bleibt. Aus den unterschiedlichsten Gründen entschließen sich diejenigen, die dadurch nach und nach Briefe erhalten, die Kette fortzuführen: Manche aus Solidarität mit Sara, andere, weil sie jemandem etwas schreiben möchten, dass sie schon immer loswerden wollten und in der Briefkette die Gelegenheit dazu erkennen. Wieder andere verschicken Briefe aus reiner Langeweile oder Neugier. So unterschiedlich wie ihre Motivationen sind auch die Persönlichkeiten der Schreibenden: Da ist zum Beispiel Alma, die den Ansprüchen ihrer Eltern niemals gerecht werden kann. Sie macht sich auf die Suche nach sich selbst und zieht sich im Haus ihrer Großmutter zurück. Dann gibt es noch Alex, der von der großen weiten Welt träumt. Durch die Krankheit seines Vaters, den er pflegt, ist er aber an das Dorf gefesselt und kann seinen Traum vielleicht nie erfüllen.

Authentisch und lebendig

Der Autorin gelingt es, die unterschiedlichen Persönlichkeiten und ihre verschiedenen Geschichten durch die Themen und Wortwahl in den Briefen authentisch und lebendig werden zu lassen. Das Potenzial von Briefen, das wir in schnelllebigen, oberflächlichen Zeiten schon fast vergessen haben, wird im Roman hautnah erlebbar: die ungeahnte Nähe, die zwischen Schreibendem und Lesendem entsteht.

Briefe bieten Raum, über sich und die Tiefen der eigenen Seele zu reflektieren, sich zu erklären und seine Gedanken mit jemandem zu teilen. So fühlt man als Leser des Romans mit allen Persönlichkeiten mit und kann sie alle, egal wie unterschiedlich ihre Lebenswelten, ihre Werte und Charaktere sind, auf ihre Weise verstehen.

Der Roman macht dem Leser bewusst, dass wir alle, genau wie die Figuren im Roman, Gründe haben für das, wie wir sind und was wir tun – mögen sie von außen noch so seltsam erscheinen. Gleichzeitig zeigt er aber auch, dass wir alle ähnliche Erfahrungen mit Schmerz teilen. Außerdem sehnen wir uns alle danach, verstanden zu werden.

Insgesamt ist der Roman von Ángeles Doñate ein feinfühliges Plädoyer dafür, sich vor allem für zwei Dinge Zeit zu nehmen: für die Menschen, die einem begegnen und ans Herz wachsen, und für seine Träume. Und das klappt zum Beispiel am besten beim Schreiben von Briefen.

„Der schönste Grund, Briefe zu schreiben“ von Ángeles Doñate, Knaur-Verlag.

 

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