Freischreiben Etwas anderer Urlaub: Laura Wallner über ihr Praktikum in der Pflege

Anstelle einer Reise hat Laura Wallner in ihrem diesjährigen Urlaub ein Praktikum in der Pflege gemacht. Foto: privat

Laura Wallner (19) aus Landau an der Isar liebt es zu reisen. Doch wegen Corona war das in diesem Jahr nur eingeschränkt möglich. Deshalb hat sie ihre freien Tage anders genutzt und ein Praktikum in der Pflege gemacht. Was sie davon mitnimmt.

Wo würdest du gerne Urlaub machen? Diese Frage stelle ich gern anderen, weil ich das Reisen liebe und am liebsten überall einmal hin möchte. In diesem Jahr sind meine Urlaubspläne wegen Corona allerdings geplatzt. In den Nachrichten wurden nicht die beliebtesten Urlaubsländer gezeigt, sondern es ging um die Zahl der Covid-19-Fälle, um unser Gesundheitssystem und vor allem um den Pflegenotstand. Schon länger ist der Fachkräftemangel in der Pflege ein Thema, das mit der Pandemie noch präsenter wurde. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, in meinem diesjährigen Urlaub auf eine andere Art Neues kennenzulernen: durch ein freiwilliges Praktikum im AWO-Seniorenzentrum in Landau an der Isar.

Pflege betrifft uns alle

In meinem einwöchigen Praktikum habe ich viel erleben dürfen (siehe Kasten rechts) – sowohl die positiven als auch die negativen Seiten des Alltags als Pfleger und Betreuer. Vor einiger Zeit haben Berufstätige in dieser Branche eine Prämie ausgezahlt bekommen. Diese wertschätzt zwar ihre Arbeit, auf lange Sicht ist es mit dieser Einmalzahlung aber nicht getan. Ich finde, Pflegekräfte sollten dauerhaft ein höheres Gehalt bekommen. Schließlich betrifft uns ihre Arbeit alle irgendwann einmal. Denn wir alle werden älter und sind dann auf Pflege angewiesen. Außerdem hat jeder eine (Ur-)Oma und einen (Ur-)Opa, der eine Kurzzeitpflege vielleicht schon mal in Anspruch genommen hat oder vielleicht sogar in einem Seniorenheim lebt.

Meine Oma war zum Beispiel nach einer Operation sieben Wochen im AWO-Seniorenzentrum Landau, da meine Familie und ich als Berufstätige die Rundum-Betreuung nicht bewerkstelligen konnten. Und das geht vielen so. Deshalb sollte ein höheres Gehalt für Pflegekräfte eine Herzensangelegenheit von uns allen sein.

Den Tod im Hinterkopf

Die Arbeit in der Pflege und Betreuung ist außerdem eine doppelte Belastung: Der Beruf ist körperlich anspruchsvoll, weil man den ganzen Tag auf den Füßen ist und die Bewohner tagtäglich vom Bett in den Rollstuhl oder in die Dusche hebt. So habe ich selbst miterlebt, dass es unglaublich schwierig ist, einer Person, die sich alleine nicht mehr aufrichten kann, beim Anziehen zu helfen.

Andererseits beansprucht der Beruf extrem die Psyche, da Pfleger oft eine enge Bindung zu Heimbewohnern aufbauen und der Tod ein alltäglicher Begleiter ist – wenn auch nur im Hinterkopf. Eine Mitarbeiterin aus der Betreuung hat mir zum Beispiel erzählt, dass sie sogar in ihrem Urlaub ins Heim kommt, um Bewohner zu besuchen, die sich in einem schlechten Zustand befinden.

Die eigene Gesundheit schätzen

Mein Praktikum hat mir gezeigt, wie unglaublich wichtig das Pflegepersonal für unsere Gesellschaft ist. Ich kann nur jedem empfehlen, selbst ein Praktikum zu machen, um sich das vor Augen zu führen. Ich habe in dieser Woche einen Arbeitsalltag erlebt, der ganz anders ist als meiner. Denn ich mache eine Ausbildung zur Fremdsprachen-Industriekauffrau. Deshalb würde ich es befürworten, dass man in allen Schulen ein mindestens einwöchiges verpflichtendes Sozialpraktikum einführt. Schüler würden dadurch lernen, ihre eigene Gesundheit, die oft selbstverständlich erscheint, wieder zu schätzen. Und sie würden lernen, älteren Menschen und vor allem auch den Angestellten in dieser Branche Respekt entgegenzubringen. Vielleicht bekommen Pflegekräfte dann irgendwann endlich das, was sie verdienen: ein faires Gehalt und mehr Ansehen.

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