Freischreiben Eine Kurzgeschichte über Trennungsschmerz

Eine dunkle Wolke schiebt sich träge vor die Sonne. Foto: Freepik

Die Morgensonne erwärmte meine mit Sommersprossen übersäte Nasenspitze, die ich den Strahlen mit geschlossenen Augen entgegenstreckte.

Kühler Wind fuhr mir mit einem Stoß durch die braunen Haare und jagte angenehme Schauer meine Wirbelsäule hinab und wieder den Nacken hoch. Die Blätter raschelten sanft über mir. Als ich meine Augen wieder öffnete, konnte ich mich nicht von deren saftigen Grün abwenden, und meinte, ihre glatte Oberfläche bereits unter meinen Fingerspitzen zu spüren.

Ein seliges Lächeln schleicht sich auf meine Lippen

Angespornt von dem Bedürfnis, etwas zu berühren, streckte ich meine linke Hand nach dem hüfthohen Gras am Wegesrand aus. Durch meine Berührung perlte das Wasser auf den rauen Grashalmen ab und benetzte meine trockene Haut. Zufrieden rieb ich das Element zwischen meinen Fingerspitzen, während sich ein seliges Lächeln auf meine spröden, rötlichen Lippen schlich. Das Sehnen nach mehr trieb meinen seichten Blick weiter über meine Umgebung hinweg, wo er erneut von puterrotem Mohn, strahlend gelben Sonnenblumen und schneeweißen Gänseblümchen gesättigt wurde. Die Vögel zwitscherten ihre Melodien, während ihre Federkleider golden, silbern und kupfern in den Sonnenstrahlen glänzten und schimmerten. Der süße Duft eines Rosenbusches kitzelte meine Nase und forderte meine Aufmerksamkeit. Entspannt ließ ich die Arme baumeln.

Keuchend fiel ich auf die Knie

Eine dunkle Wolke schob sich träge vor die Sonne. Beengend kroch die Kälte bis zu meinem Herzen. Dort blieb sie. Ein plötzlicher, stechender Schmerz schoss in jedes Glied meines Körpers. Nach Luft japsend spuckte ich Blut, ich sah Blut, ich roch Blut. Keuchend fiel ich auf die Knie. Blut tropfte von meinem Kinn, zeichnete mein weißes Hemd in spritzigen Flecken weinrot. Ein bitteres Lachen entfloh meiner rauen Kehle, als ich erblindet ins pure Nichts griff, verzweifelt und dem Wahnsinn nahe.

Verlassen hast du mich.
Brauchen tust du mich nicht.
Brauchen tue ich dich nicht.
Verlassen werde ich dich.

Ich ballte meine Hände zu Fäusten, grub meine Fingernägel tief in meine Handflächen und stemmte sie anschließend entschlossen auf meine Knie. Blut spuckend richtete ich mich auf, so gut es ging, wehrte mich gegen jeden Muskel, der anderes verlangte und stand anschließend wackelig auf meinen zwei Beinen.

Zittrig machte ich meinen ersten Schritt

Rot war alles, was ich sah und klimperndes Plätschern alles, was ich hörte. Mein Husten wurde weniger und ebbte anschließend ab. Ruhe setzte ein, die Fesseln lösten sich, das Dürsten nach Kälte ersetzte das Dürsten nach Wärme. Zittrig machte ich meinen ersten Schritt, dann meinen zweiten. Bis ich anfing, normal zu gehen.

Ich brauchte keine Blumen, keine Wärme, keine Geschenke, keine besonderen Düfte. Alles, was ich brauche, bin ich. Ich und meine Rottöne. Ich und meine Kälte. Mein Rauschen in den Ohren. Den Geschmack von Blut auf meinen Geschmacksknospen. Den kupfrigen Geruch in meiner Nase.

Abschied werde ich nehmen, von dir und deinem falschen Herz. Nur meins brauche ich, und nur meins wird frisch bleiben.

Freistunde-Logo

Hinweis: Dieser Text stammt aus der Freistunde, der Kinder-, Jugend- und Schulredaktion der Mediengruppe Attenkofer. Für die Freistunde schreiben auch LeserInnen, die Freischreiben-AutorInnen. Mehr zur Freistunde unter freistunde.bayern.

Weitere Artikel

 
 
 

0 Kommentare

Kommentieren

null

loading