Alle starren sie mich an, als ob ich noch nie hier gewesen wäre. Dabei habe ich diesen Ort schon unzählige Male besucht. Sie können sich nur nicht an mich erinnern. Doch das ist normal hier im Pflegeheim für Demenz. Ich komme so oft her, wie ich kann. Teilweise verbringe ich ganze Nachmittage hier auf einem klapprigen Holzstuhl an der Seite meines Opas Winnie. Noch vor zwei Jahren lebte er mit Oma Annegret in einem kleinen Vorstadthaus mit Teich. Doch dann – nach Omas Tod – begann er, erste Symptome zu zeigen. Zuerst ging er immer ohne Schlüssel aus dem Haus, dann vergaß er die Familientreffen und auch der Teich verdreckte durch die mangelnde Pflege immer mehr. Aber erst als wir Opa eines Nachts um drei Uhr von einem Autobahnparkplatz 50 Kilometer weit weg abholen mussten, nachdem er dort der Polizei aufgefallen war, war uns klar, dass etwas nicht stimmte. Die Diagnose des Arztes hat uns alle hart getroffen. Wir mussten die Entscheidung zu Opas eigenem Schutz treffen und ihn ins Pflegeheim schicken.So sitze ich also hier und halte seine Hand. Sie fühlt sich dünn und knochig an, als ich mit dem Finger sanft darüber streiche. Schon lange wirkt Winnie immer schwächer und blasser. Opa starrt aus dem Fenster auf das Vergissmeinnicht, das ich ihm vor langer Zeit mitgebracht habe. Es ist verwelkt, da niemand daran denkt, es zu gießen. Aber dennoch hält es tapfer die Stellung vor dem Fenster. Opa hatte es früher geliebt, draußen im Garten zu sein. Genauso wie ich es geliebt habe, ihm zuzuhören, wenn er von Blumen erzählte. Einmal hat er gesagt: „Wenn du jemanden hast, der dir so am Herzen liegt, dass er dich nie vergessen soll, schenk ihm ein Vergissmeinnicht und er wird immer an dich denken.“ In dieser Blume liegt meine Hoffnung, dass Opa sich einmal wieder an alles erinnern wird. Ein Wunder, für das ich alles geben würde.
Opa dreht den Kopf zu mir. Seine grauen Augen sehen mich an. Sie haben immer noch etwas von dem neugierigen Funkeln der früheren Zeiten. Wie immer erzähle ich ihm, wie es mir so geht, was gerade zu Hause los ist und alles Interessante, was mir passiert ist.Opa nickt nur ab und zu, wenn ich eine Pause mache. Er hat nicht viel zu erzählen, außer das, was in der vergangenen halben Stunde passiert ist. Dennoch will er immer, dass ich weiter erzähle. Er schätzt Gesellschaft sehr, weil er fast nur allein ist. Meine Eltern sind zu beschäftigt, um ihn zu besuchen. So ist er fast den ganzen Tag einsam.Die Tür öffnet sich und ein anderer Heimbewohner steckt den Kopf ins Zimmer. „Tut mir leid, hab’ mich wohl in der Zimmernummer geirrt“, entschuldigt er sich und schließt die Tür wieder. Ich sehe auf die Uhr. Die Stunden sind schon wieder so schnell vergangen. Es ist Zeit zu gehen. Das merkt auch Opa. Er greift nach meinem Arm und sieht mich bettelnd an. In seinem Zimmer wirkt er plötzlich verloren. Es bricht mir jedes Mal das Herz, ihn wieder in der Einsamkeit zurückzulassen, doch ich muss nach Hause. Mit sanfter Gewalt löse ich mich aus seinem Griff, drücke ihm noch einen Kuss auf die Wange, und verlasse das Zimmer. „Grüß Annegret von mir!“, ruft er mir nach – wie jedes Mal. Auf dem Fensterbrett steht immer noch das Vergissmeinnicht, als ich eine Woche später das Zimmer betrete. Nun ist es verblüht. Die Hoffnung darauf, dass die kleine Blume doch Wunder bei Winnie wirkt, ist gestorben. Genauso wie Opa.