Freischreiben Eine Kurzgeschichte aus zwei Perspektiven: "Zwei Menschen, vier Gesichter"

Die Autorinnen der Geschichte: Magdalena Wutz (links) und Anne Oy. Foto: privat

Andy

Es ist so kalt, dass mein Atem Kringel in die Luft malt und die Kälte ein Brennen in meinem Rachen auslöst. Ich ziehe meine Jacke bis zum Kinn zu und bin erleichtert, als der nächste Zug vor mir zum Stehen kommt. Mit schwarzem Gummi umrandete Türen öffnen sich. Dann trete ich ein und angenehme Wärme umgibt mich. Ich löse meine Fahrkarte, bevor ich mich auf den letzten freien Platz setze, der sich neben einem Geschäftsmann befindet, dessen Anzug ungefähr so viel gekostet haben muss wie der Kleinwagen meiner Eltern. Das Sakko ist von irgendeiner Nobelmarke. Goldene geschwungene Schnörkel ziehen sich durch das quadratische Logo. Aus der Hosentasche lugt ein Autoschlüssel hervor. Der dazugehörige Wagen muss noch teurer sein als das Edel-Outfit. Ich strecke meine Beine vorsichtig aus, um dem alten Herren mit seinen kaum mehr vorhandenen grauen Haaren mir gegenüber nicht einen Stoß gegen seinen Krückstock zu verpassen. Doch er scheint mich gar nicht wahrzunehmen. Sein Blick ist auf das Getümmel draußen gerichtet. Neben ihm liegt eine Tasche, aus der eine Packung Salbeitee herausschaut. Ich wende den Blick ab, schaue während der Fahrt abwechselnd aufs Handy, dann auf den Salbeitee. Als der Zug hält und sich die Türen öffnen, bin ich der Erste, der aufsteht und in die Kälte hinaustritt.

Fynn

Bevor sich die Bustüren quietschend schließen, schiebe ich mich gerade noch so hindurch. Außer Atem lasse ich mich auf einen freien Sitzplatz fallen. Plötzlich taucht ein allzu bekanntes Gesicht unter den vielen Leuten im Bus auf. Es ist Katrina. Mit ihr habe ich drei Monate lang eine ziemlich sinnlose Beziehung geführt. Wir sind nur für unser Ansehen zusammen gewesen und es hat null Komma null zwischen uns gefunkt. Ich spüre ihren bohrenden Blick im Rücken. Seufzend ziehe ich mein Smartphone aus der Hosentasche und sehe mir erneut Andys Instagram-Profil an. Andy, den ich über Instagram kennengelernt habe und der mir die Welt bedeutet. Ein Jahr mit zahlreichen Chats bis in die Nacht und Telefonaten, über deren Rechnung sich meine Eltern täglich streiten. Er sieht wirklich perfekt aus mit seinen honigblonden Locken. Mein Account spiegelt nicht gerade haargenau mein reales Abbild wider. Meine Nase sieht auf den Fotos kleiner und hundertmal besser aus als in Wirklichkeit. Ich folge nur wenigen Leuten auf Instagram. Auch sonst bin ich nicht so viel auf der Plattform aktiv. Erleichtert atme ich aus, als endlich der Bahnhof in Sicht ist. Rücksichtslos schiebe ich mich durch das Gedränge an Gleis drei. Der Zug kommt genau in diesem Augenblick zum Stehen und die Bremsen geben einen unangenehm Laut von sich.

Andy

Draußen schlägt mir eisiger Wind entgegen und ich blinzle gegen die feinen Eiskristalle an, die vom Himmel fallen. Ich vergrabe meine Hände in den Taschen und sehe mich um. Viele Menschen. Gesichter, die ich noch nie gesehen habe. Vielleicht ist er auch schon hier. Ich lehne mich gegen eine Betonsäule und ziehe mein Handy heraus, um Instagram zu checken. 225 Likes. 10 neue Abonnenten. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Kurz bevor ich zum Zug gegangen bin, habe ich ein neues Bild hochgeladen, das ich vorher mit einer Foto-App bearbeitet habe. Mein Gesicht erkenne ich selbst nicht wieder, aber ich weiß, dass ich für diese Art von Bild die meisten Likes bekomme. Und das ist im Prinzip alles, was mich interessiert.

Fynn

Suchend sehe ich mich nach Andy um. In der Ferne mache ich eine Betonsäule aus und einen Typen meines Alters, der lässig daran lehnt. Mit abgewetzten Turnschuhen und sichtlich breiten Schultern, welche sich deutlich unter der Jacke abzeichnen. Moment mal, das könnte Andy sein! „Hey, Andy!“

Andy

Ich lasse vor Schreck beinahe mein Smartphone fallen. Zum Glück kann ich es noch auffangen und unauffällig in meiner Jackentasche verschwinden lassen. Ich schaue auf und blicke in ein Gesicht, auf dem ein unsicheres Lächeln liegt, das genauso schnell verschwindet wie meines. Es erstirbt wie eine Flamme im Wind. Grüne Augen mustern mich und auch ich kann nicht verhindern, dass mein Blick über den schlaksigen Körper des Typen wandert. Ich runzle die Stirn. „Fynn?“ Der Blick in den grünen Augen wird weicher. Fynns ovales Gesicht ist von dunkelbraunen Locken umrandet, gleichzeitig wirken die Nase etwas zu groß und die Augen ungleich.

Fynn

Das soll Andy sein? Ich glaube es ja nicht! Das mit blonden Locken umrandete, rundliche Gesicht weist Pickel auf und um seine rechte Augenbraue ist deutlich eine Narbe zu erkennen. Das wirkt sich nicht gerade vorteilhaft auf sein Aussehen aus. Das passt überhaupt nicht zu Andys Darstellung auf Instagram.

Andy

Ich setze einen undurchdringlichen Gesichtsausdruck auf und verenge meine Augen. Auf Fynns Stirn bilden sich Furchen, während sich im selben Moment Verwirrtheit in seinen Augen widerspiegelt. Ich malme mit den Zähnen und drehe mich wortlos um. Fynns Bilder auf Instagram haben nicht im Geringsten mit der Person zu tun, die gerade vor mir steht. Weil ich nicht weiß, was ich tun soll, setze ich mich auf die letzte freie Bank, ziehe meinen E-Reader aus der Jackentasche und rufe das E-Book auf, welches ich zuletzt gelesen habe. Sebastian Fitzek – Der Insasse. Es scheint, als hätte sich zwischen mir und Fynn eine Barriere aufgebaut. Ein Schweigen, das sich schlimmer anfühlt, als hätte ich mit dem Finger auf ihn gezeigt und gelacht.

Fynn

Fassungslos sehe ich Andy nach. Er lässt mich einfach stehen. Sag mal, geht‘s noch?! Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, was ich jetzt tun soll. Mir bleibt nichts anderes übrig, als zu versuchen, dieses missglückte Treffen irgendwie zu retten.

Andy

Ich versuche, mich voll und ganz auf die Geschichte zu konzentrieren, aber ich spüre Fynns Seitenblick. Ich ziehe meine Ärmel weiter nach vorne und richte mein Augenmerk auf den zweiten Satz von Kapitel vier. Auf einmal spüre ich, wie das alte Holz etwas nachgibt und sich eine Person ans andere Ende der Bank setzt. Ich schaue unauffällig hinüber und erkenne die wirren Locken sofort wieder: Fynn. Ich erstarre kurz, dann muss ich ein Schnauben unterdrücken und widme mich wieder meinem E-Reader. Dieses Treffen ist eine Vollkatastrophe.

Fynn

Ich setze mich zu Andy auf die Bank und hole ebenfalls meinen E-Reader aus der Tasche. Neugierig linse ich zu meinem Internetfreund hinüber. „Das kann doch nicht wahr sein! Ist das nicht Fitzeks neustes Werk ‚Der Insasse‘?“, platzt es aus mir heraus. Ertappt halte ich mir die Hand vor den Mund.

Andy

Ich drehe meinen Kopf und schaue auf seinen E-Reader. Kapitel vier. Dieselben Buchstaben, dieselben Sätze. Sebastian Fitzek – Der Insasse. Meine Lippen verziehen sich zu einem Lächeln. Dieses verkorkste Treffen scheint noch merkwürdiger zu werden. Aber im Gegensatz zu vorher ist es jetzt merkwürdig gut. Ich schalte meinen E-Reader aus und schiebe ihn in meine Jackentasche. Wenn ich mir die Mühe gemacht hätte, Fynn kennenzulernen, hätte ich seinen Büchergeschmack früher herausgefunden. Ich bin froh, dass sich dieses verfahrene Treffen jetzt in eine andere Richtung bewegt. Ich hole tief Luft und sage: „Ich kenne ein gutes Café in der Nähe.“

Fynn

Ich erwidere überrascht: „Das klingt echt gut, Andy!“ Unsere Verabredung scheint ja doch noch eine gute Wendung zu nehmen! Lächelnd folge ich ihm auf dem Weg in das Café.

Hintergrund zur Geschichte: Ein Zufall brachte Magdalena und Anne zusammen: Magdalena hat Annes Artikel über Kalligraphie in der Freistunde gelesen und sie schließlich übers Internet kontaktiert. Nach einem Telefonat und einem Treffen haben sich beide auf Anhieb gut verstanden. Schließlich wollten sie gemeinsam eine Geschichte schreiben, Treffpunkt: ein Café in Straubing. Anfangs war die Geschichte nicht für die Freischreiben-Seite gedacht. Doch nachdem Menschen den beiden im Café beim Diskutieren über Wörter und Sätze ein Lächeln zugeworfen haben, fassten Magdalena und Anne den Entschluss, sie zu veröffentlichen. „Ich hoffe, diese Geschichte findet einen Weg zu euch“, wünscht sich Magdalena.

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