Freischreiben Die Wahrheit über Grundschulmausis

Carina Ziegler (23) klärt die Vorurteile über "Grundschulmausis" auf. Foto: privat

Mandalas malen, Kinderlieder singen und im Erzählkreis sitzen: Das Leben einer Grundschullehrerin muss schön sein. Carina Ziegler (23) ist „Grundschulmausi“, hat Grundschullehramt an der Universität Regensburg studiert und ihr erstes Staatsexamen bereits hinter sich. Bevor sie im September in ihr erstes Schuljahr als Referendarin startet, klärt sie über Vorurteile auf.

Wie sehr ich die Frage hasse: „Was studierst du denn?“ Bei der Antwort „Lehramt“ kommt meistens noch die Reaktion: „Ach, cool“, und dann die vernichtende Frage: „Welches Lehramt?“ Sobald ich antworte, ernte ich ein abfälliges „Achso…“. Denn die meisten Leute haben folgendes Bild von Grundschullehrerinnen und auch schon Grundschullehramtsstudentinnen im Kopf: Sie müssen sich um nichts kümmern, weil es in der Klasse einen Blumendienst, Tafeldienst, Austeildienst, Pausendienst und sogar Hatschi-Dienst (derjenige sagt stellvertretend für die ganze Klasse „Gesundheit“, wenn jemand niest) gibt.

Zahlenraum bis 100 und das Abc zu zehn Melodien singen

Ich weiß nicht, wie oft ich den Leuten schon erklären musste, dass ich im Studium NICHT dasselbe lerne, was ich die Grundschulkinder später lehren soll. Anscheinend geht es um, dass wir „Grundschulmausis“, wie wir genannt werden, Kurse wie „Das Abc zu zehn verschiedenen Melodien singen“, „Plus und Minus – Zahlenraum bis 100“ oder „Reh, Fuchs und Hase: Wir lernen die Tiere des Waldes kennen“ besuchen. Tatsächlich konnte ich das Alphabet schon, bevor ich mit dem Studium begonnen habe, ebenso wie rechnen (sogar über den Zahlenraum bis 100 hinaus!) und ich weiß, welche Tiere in unseren Wäldern leben. Was sollte ein Grundschulmausi also dann studieren? Vielleicht belegen wir ja ein Einführungs- und Aufbaumodul im Laminieren? Ja, laminieren ist wichtig! Wir Grundschulmausis laminieren alles und jeden! Außerdem haben Grundschulmausis immer Buntstifte dabei. Minimum zehn Farben. Und ihre Lieblingsbeschäftigung ist es, Fleißkärtchen zu basteln.

Sie müssen motiviert sein, sonst hast du ein Problem

Ja, Grundschulmausis laminieren oft. Und ja, wir basteln viel. Wir basteln kindgerechtes Unterrichtsmaterial, das ist unser Job. Und damit unsere Bastelarbeiten nicht umsonst waren, laminieren wir sie, damit wir nicht jedes Jahr das gleiche Unterrichtsmaterial wieder basteln müssen. Eigentlich könnte man uns also schlau nennen. Tatsächlich machen die meisten von uns unserem Namen alle Ehre: Wir sind nicht die härtesten Gangster an der Uni und ja, wir schreiben in den Vorlesungen gerne mal mit Stabilos oder benutzen Glitzerstifte und wir ordnen unsere Sachen nach Farben sortiert ab. Wichtige Sachen stecken wir manchmal sogar in Klarsichtfolien. Dass wir alle zusammen kleine, unscheinbare Mausis sind, ist aber definitiv nicht richtig. Dann hätten wir uns wohl kaum für ein Studium entschieden, bei dem man später den ganzen Tag lang vor einer Klasse steht und redet und auch gerne mal etwas lauter werden soll, oder? Wir sind es nicht, die auf Stempel mit „Toll gemacht!“ oder „Das musst du noch üben“ abfahren, das sind unsere Schüler. Ihnen muss der Unterricht gefallen, sie müssen motiviert sein, ansonsten hast du in deinem Job echt ein Problem. Wir studieren übrigens zwei Hauptfächer, einmal Grundschulpädagogik und ein eigens gewähltes: Mathe, Deutsch, Bio, Religion – wir können fast alles wählen. Dieses Fach studieren wir auf Bachelor-Niveau und sitzen mit den Bachelor-Studenten in den Kursen. Dazu kommen noch der erziehungswissenschaftliche Teil, den alle Lehramtsstudenten machen müssen, und drei Didaktikfächer, die wir auch selber wählen können. Und fünf Schulpraktika im Laufe des Studiums. Wir schreiben Hausarbeiten, halten Referate und haben Klausuren, für die wir richtig lernen müssen – nicht malen oder singen. Außerdem kommen wir in den Genuss der Staatsexamensprüfung am Ende des Studiums, in der alle Inhalte des Studiums (und noch weit darüber hinaus) abgefragt werden.

Highlife nach dem Referendariat? Klar!

Andere Studenten sparen sich das und schreiben ihre 30-seitige Bachelorarbeit. Wir schreiben kurz vor dem Examen unsere 120-seitige Zulassungsarbeit. Danach steigen wir nicht voll ins Berufsleben ein, sondern gehen noch zwei Jahre ins Referendariat, wo wir uns dann vielleicht mit unserem eigenen Gehalt über Wasser halten können. Vielleicht. Aber wenn wir fertig sind, haben wir Highlife? Klar! Unterricht bereitet sich von selber vor und nach, nach korrigierten Hausaufgaben und Proben hat noch nie jemand gefragt und Zeugnisse schreiben macht kaum Arbeit.

Wir gestalten unsere Materialien gerne bunt – zu unserem Vorteil

Wir sind alle ein wenig Kind geblieben und lassen uns davon inspirieren. Sind das nicht die wichtigsten Voraussetzungen, um Grundschullehrerin zu werden? Klar haben wir schüchterne Mausis unter uns – aber in jedem Studiengang gibt es ein paar Freaks. Wir gestalten unsere Materialien gerne bunt und übersichtlich (übrigens nicht alle von uns), aber das ist nur zu unserem eigenen Vorteil. Genauso könnte man sagen, dass jeder Mathe-Student seinen Taschenrechner liebt, jeder Germanistik-Student den ganzen Tag Goethe liest und jeder Psychologie-Student nur versucht, deine Gedanken zu lesen. Ich kenne alle drei Typen und nichts davon ist wahr. Manchmal ärgere ich mich, von anderen als Student des Mandalamalens und 123-Rechnens wahrgenommen zu werden, obwohl wir genau so viel leisten wie andere in anderen Studiengängen. Nach neun Semestern und der Aussicht auf das Referendariat können wir aber mittlerweile über diese Klischees lachen. Wir leihen gerne unsere Bastelscheren und Klebestifte an unsere Kommilitonen aus, stehen darüber und machen selbst Witze über BWL-, Informatik- und Jurastudenten – und natürlich über uns Grundschulmausis.

 

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