Freischreiben Die Chancen des Internets für Gehörlose

Dienste wie Skype ermöglichen Gehörlosen das Telefonieren. Foto: Freepik

Neue Medien und das Internet bringen Chancen, aber auch Grenzen für gehörlose Menschen. Autorin Merle Mursch fordert daher: Wir müssen alle etwas mehr zuhören, ohne uns dabei auf die eigenen Ohren zu verlassen.

Unerreichbare Welten: Wir träumen von ihnen, wenn wir uns Marvel-Filme anschauen oder erkennen, dass Jeff Bezos in den circa fünf Sekunden, die man braucht, um zu diesem Punkt des Artikels zu kommen, etwa 18 000 Dollar verdient hat. Gehörlose Personen denken an eine unerreichbare Welt, wenn es um die Kommunikation der hörenden Mehrheitsgesellschaft geht. Welche Probleme, Herausforderungen und Möglichkeiten bietet unsere moderne Gesellschaft gehörlosen Personen und warum sollten hörende Menschen allgemein mehr zuhören?

Chewbacca, wenn wir mal bei Fantasy-Filmen bleiben, spricht zwar seine Muttersprache, ist aber in der Gesellschaft, in der er lebt, immer auf einen Übersetzer angewiesen. Um nicht ständig in der gleichen Situation zu sein, bilden Gehörlose oft ihre eigenen Gemeinschaften. Eigene Schulen und Vereine waren lange Zeit der einzige Ort, an dem sie ohne Probleme kommunizieren konnten. Dann kam die Revolution: das Internet. Kommunikation ist nicht mehr abhängig von hörend oder nichthörend. Das Telefonieren ist durch den Einsatz von Diensten wie Skype nicht mehr nur den Hörenden vorbehalten.

Große Herausforderungen in der analogen Welt

Im Analogen werden Gehörlose, anders als Hörende, ohne einen Dolmetscher vor große Herausforderungen gestellt. Kurz einmal nach dem Weg fragen oder einkaufen, gestaltet sich schwieriger. Verständnisprobleme sind fast immer vorprogrammiert. Dieses Problem besteht nicht, weil Gehörlose keine Möglichkeit haben, sich zu verständigen. Die Gebärdensprache gehört aber nicht zu dem von der hörenden Mehrheitsgesellschaft bestimmten Kommunikationssystem. Somit sind Gehörlose, um sich mit Hörenden austauschen zu können, immer auf andere Mitglieder der eigenen Minderheit oder eben einen Dolmetscher angewiesen.

Mit dem Internet ist ein neuer Ort dazugekommen, der unabhängig von Sprache oder Hörvermögen Kommunikation teilweise sogar überflüssig macht. Wer einkaufen gehen will, bestellt mit wenigen Klicks. Wer den Weg nicht weiß, schaut auf Google Maps.

Andreas Bittner ist Dozent am Deaf-Studies-Lehrstuhl der Humboldt-Universität in Berlin und erklärt in einem Interview mit dem Institut "politik digital e.V.", dass "das Internet Gehörlosen eine stärkere Individualisierung ermöglicht und somit auch Unabhängigkeit schafft."

Unabhängigkeit im Alltag, aber auch in Bezug auf Bildung und Kultur hat das Internet in vielen Kreisen gebracht. Das Internet ermöglicht besonders Hörgeschädigten, auf einfacherem Wege zu kommunizieren, Informationen zu bekommen und zu lernen. Kulturelle Angebote für Gehörlose gibt es heute wie nie zuvor. Das Internet ermöglicht Aktionen wie Deaf Poetry Slams oder Online-Museumsführungen. Netflix gehört für die meisten Menschen zum Alltag. Mit der unendlichen Auswahl an Filmen und Serien kann man dort Stunden verbringen. Der Streaming-Dienst ermöglicht dies auch Gehörlosen, da sie ihr gesamtes Angebot ausnahmslos untertiteln.

Ein barrierefreier Ort ist das Netz noch nicht. Laut einer Studie der Rheinischen Fachhochschule Köln fühlen sich 76 Prozent der Gehörlosen ausgebremst, wenn es um audiobasierte Inhalte im Netz geht, da diese nicht überall mit Untertiteln verfügbar sind. Durch die ständige Ausgrenzung und Chancenungleichheit bilden sich sowohl online als auch analog sogenannte "Filter Bubbles", durch welche Gehörlose und Hörende in verschiedene Welten aufgeteilt werden.

Gehörloser Influencer betreibt Aufklärungsarbeit

Dabei darf man aber nicht übersehen, dass sich dort auch andere Trends bemerkbar machen. Die Schriftform im Internet ermöglicht Gehörlosen einen Auftritt im Netz, ohne sie als gehörlos zu stigmatisieren. 241 Gehörlose, die in der bereits genannten Studie der Rheinischen Fachhochschule befragt wurden, gaben an, durch das Internet öfter mit Hörenden zu kommunizieren.

Gehörlose Influencer wie der Amerikaner Nyle DiMarco, die viele Videos hochladen, in denen sie mit Gebärden, aber auch mit Untertiteln arbeiten, können zu Vorbildern von beiden Gruppen werden.

Mit seinen 1,7 Millionen Abonnenten teilt er Meinungen, betreibt Aufklärungsarbeit und spricht über alltägliche Themen wie Sport, Mode und Lifestyle. Bei allem Enthusiasmus muss dabei berücksichtigt werden, dass es sich bei solchen Beispielen um Ausnahmen handelt.

Mehr Verständnis für Gehörlose im Umgang mit Medien

Bei allem technischen Fortschritt bleiben zwischen Hörenden und Gehörlosen Barrieren bestehen. Wie die meisten Nutzer bleiben auch oft Gehörlose in Gruppen zu ihren Interessengebieten und tauschen Informationen aus der Gehörlosenwelt aus. Die Inklusionsaktivistin Julia Probst hat zu diesem Thema im Rahmen eines Interviews mit dem ZDF doch noch ein paar aufmunternde Worte: "Das Internet spielt eine wichtige Rolle, das Verständnis von Gehörlosen und Hörenden zu verbessern - und es hat sich auch schon etwas verändert, aber eher bei Menschen, die schon immer offener waren."

Vielleicht denken wir das nächste Mal daran, wenn wir eine Sprachnachricht verschicken, ein Video ohne Untertiteln schauen oder die Tagesschau nicht, wie in vielen anderen Ländern, durch einen Dolmetscher begleitet wird. Lasst uns nicht daran denken, wie viel Jeff Bezos pro Sekunde verdient, sondern an das, was wir selbst tun können, um uns als Gesellschaft mehr zu vereinen.

Dieser Text stammt aus der Studierendenzeitschrift Lautschrift der Universität Regensburg. Mehr Infos gibt es unter lautschrift.org .

 

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