Freischreiben Der Denkzettel: Eine Kurzgeschichte

Stefanie Schambeck (22) kommt aus Stallwang im Landkreis Straubing-Bogen. Foto: privat

Patrick ist sechzehn und bis dato der Meinung, ein gutes Leben zu führen. Er wohnt mit seinen Eltern in einem großen Haus, hat eine gut aussehende Freundin (dank eines Konzertbesuchs) und einen Hund (dank seiner Sturheit). Seine Noten könnten vielleicht besser sein, aber er bekommt ohne große Lernerei eine Drei zusammen, warum also mehr anstrengen?

Er ist hilfsbereit, er räumt schließlich einmal die Woche die Spülmaschine aus und geht mit seiner Freundin shoppen, wobei Letzteres mehr einer Folter gleicht – dieses ewige Von-Geschäft-zu-Geschäft-Gerenne, hundert Stunden Warterei, bis sie endlich alle Teile anprobiert hat, nur um dann am Ende gar nichts zu nehmen und im nächsten Laden das Gleiche von vorn durchzuziehen.

Seine große Passion ist der Sport. Egal, ob Fußball, Tennis, Kugelstoßen, Bogenschießen – er hat in vielen Sportarten ein gewisses Talent vorzuweisen. Fünf Mal in der Woche geht er ins Fitness-Studio, um zu trainieren. Seine Kumpels ziehen ihn deswegen oft auf, er sei ein Sport-Junkie. Patrick ist abenteuerlustig, keiner Gefahr geht er aus dem Weg. Er hat schon einen Fallschirmsprung durchgezogen, Klippenspringen mitgemacht und er steht auf die krassen rasanten Achterbahnen in den amerikanischen Freizeitparks. Für ihn zählen Freundschaft, Loyalität und Ehrlichkeit. Brachten Menschen ihm das entgegen, nahm er sie in seinen „engsten Kreis“ auf und würde sie jederzeit verteidigen – bei was auch immer.

Seine eigene, vielleicht einzige Schwäche ist, wie Patrick findet, die Zeit. Er ist ein notorischer „Zu-Spät-Kommer“ und schafft es nie, irgendwo pünktlich zu sein. Er zieht dann die Situation ins lächerliche nach dem Motto: „Die coolen Kids kommen doch eh immer erst am Schluss.“

Jeden Morgen steht er Punkt sieben Uhr auf, jede Sekunde ist verplant, denn er liebt es, lange zu schlafen. Der Bus zur Schule kommt um zwanzig nach sieben.

Heute ist Patrick allein zu Hause, seine Eltern gönnen sich eine Woche Urlaub auf den Malediven. Er wacht, wie jeden Morgen, noch vor sieben auf, streckt sich genüsslich und schaut auf seinen Wecker… halb acht.

Er reißt die Augen auf. Waaah… dieses Schrottteil hat nicht geklingelt! So schnell er kann putzt Patrick sich die Zähne, zieht seine Klamotten irgendwie an (der Pulli ist bestimmt falsch herum), rennt in die Küche, stößt sich zu allem Übel noch an der bescheuerten Tischkante an und schaltet die Kaffeemaschine ein. Ängstlicher Blick zur Uhr: 7:45. Ausgerechnet heute, wo eine zur Abwechslung mal wichtige Schulaufgabe anstehen würde... Und jedem, der zu spät kommt, wird die Zeit nicht gutgeschrieben. Der hat dann Pech gehabt.

Wo ist sein verdammtes Handy? Patrick durchsucht seinen Schreibtisch, die Hosentaschen seiner Jeans, seinen Rucksack, kann es jedoch nicht finden. Dann halt nicht. Muss es eben auch mal ohne gehen.

Er schüttet seinen Kaffee schwarz in ein paar Schluck hinunter, wobei er sich natürlich fürchterlich die Zunge verbrennt, schnappt sich einen Zehn-Euro-Schein aus dem Geldvorrat für diese Woche und hetzt in die Garage. Da er den Bus verpasst hat, muss er den Roller nehmen.

Er steckt den Schlüssel ins Zündschloss und dreht ihn herum… Nichts! Er wiederholt den Vorgang. Wollen ihn heute alle verarschen? Warum springt er nicht an? Ein Blick auf die Tankanzeige verrät ihm dann, wieso. Null. Mist. Er wollte doch tanken fahren… vor drei Wochen oder so. Jeden Tag hatte er es auf den nächsten verschoben.

Gut, dann bleibt ihm nur noch laufen. Er packt seinen Rucksack und rennt zur Haustür. Er reißt sie auf… und blickt überrascht auf die Person, die davorsteht. Seine Freundin, die ihn mit einem breiten Grinsen einen guten Morgen wünscht. Warum ist sie noch nicht in der Schule? Da hält sie ihm ihr Handy unter die Nase. Groß und fett leuchtet ihm die Uhrzeit entgegen: 07:15. Verwirrt schaut er zwischen ihr und dem Handy hin und her. Und da erklärt sie ihm, dass sie, auch im Auftrag seiner Eltern, heute Morgen jede Uhr im Haus vorgestellt hat. Damit er einmal pünktlich – überpünktlich – dran ist. Als eine kleine Lehre für ihn. Langsam beruhigt sich sein Herzschlag wieder und obwohl er sauer sein sollte, legt er seiner Freundin den Arm um die Schulter und marschiert mit ihr zur Bushaltestelle. Da hatten sie ihn ganz schön drangekriegt.

 
 

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