Freischreiben Bart sei Dank - eine Kurzgeschichte von Florian Wutz

Florian ist der Autor dieser Geschichte. Er ist 25 Jahre alt und kommt aus Straubing. Foto: privat

Als ich neulich beim Rauchen draußen vor einer Bar stand, ergab sich wie so oft ein Gespräch aus dem Nichts. Ein netter Herr mittleren Alters fing einfach mit mir zu plaudern an.

Ganz schon kalt hier draußen, nicht? Hilft ja nichts, wir müssen schließlich draußen bleiben. Welche Marke rauchst du?

Sätze wie diese sind jedem Raucher bekannt. Beim Rauchen trifft man die in Fight Club erwähnten „Portionierten Freunde“. Ungezwungene, überraschende Bekanntschaften, die für eine kurze Zeit, meistens die Dauer einer Zigarette, zu einer Art Kumpel werden. Gerade die Deutschen, die nicht als allzu kommunikativ und locker gelten, werden vor der Tür beim Kippchen etwas offener. Man hat halt eine gewisse Verbindung. Wir Raucher sind nun mal eine bedrohte Rasse, aber auch eine verschworene Gemeinschaft. Selbst als die herrschende Nichtraucherklasse uns aus Kneipen, Restaurants und öffentlichen Gebäuden verbannte, hielt eine kleine Schar stand. Wie die Gallier bei Asterix gegen die Römische Besatzung. Kein Wunder das nach denen eine Marke, und ich sage mit stolz meine Marke, benannt wurde. Tapfere Kerlchen. Aber eigentlich geht es mir gerade gar nicht darum, wobei, so viel sei gesagt, was dich nicht umbringt macht dich nur härter. Die Gemeinschaft der Raucher wird also härter, obwohl die Zigaretten uns umbringen werden. Lustig, nicht?

Egal. Worum es mir eigentlich geht, ist die Kommunikation zwischen Fremden. Sicher, hat man das gleiche Fanshirt, Bandshirt oder Trikot an, gehört man zusammen. Soldaten erkennen sich, und schon steht man bei einander und so weiter. Letztendlich ist mir aber mit der letzten modischen Erscheinung, die nicht zwingend mit Fußknöchelzeighosen zu tun hat, eine neue Art der Gesprächseröffnung und der somit durch Gemeinsamkeiten gedankten Verbrüderung aufgefallen. DER BART. Nicht irgendein mickriger Kinnflaum, sondern ein Bart.

Vor Kurzem besuchte ich einen alten Freund, er hatte Geburtstag und wir haben uns seit Jahren nicht gesehen. Folglich war ich mir auch nicht sicher, wer zu seiner Party eingeladen war und das störte mich ein wenig. Nicht falsch verstehen, ich halte mich für einen offenen Menschen, der schnell Leute kennenlernt. Aber nichtsdestotrotz bin ich etwas schüchtern, unter meinem Bart. Ich betrete also den Partyraum des Hauses, und mir blicken nur fremde Gesichter entgegen. Nicht unsympathisch, aber wie erwähnt, ich fühle mich in solchen Situationen nicht immer wohl. Aber dann der Lichtblick: ein Vollbartträger. Und seine ersten Worte waren (Man stelle sich die Stimme und Tonlage des Synchronsprechers von Samuel L. Jackson in Pulp Fiction beim Big-Kahuna-Burger Probieren vor): Mhm, das ist ein guter Bart.

Und sofort waren wir im Gespräch. Später des Abends, als auch eine gewisse Lockerheit bieriger Natur dazu kam, stellten wir fest, dass wir uns doch schon irgendwoher kannten und wahrscheinlich des Bartes wegen nicht erkannt haben. Aber was soll's, letztendlich machte der Bart den Anfang. Als der Gute mir dann meinen Bart kämmen wollte, wurde es dann doch noch zu intim.

Nun kann man sagen, ein Beispiel dient nicht als Beweis, dass Bartträger leichter Leute kennenlernen, aber ich habe noch andere. Ein Erlebnis war das Kennenlernen des Bruders meiner Freundin. Den älteren Bruder. Nun, wie erwähnt, ungewisse Situationen und so weiter. Und somit war ich nervös. Die meisten Leute, vor allem Herren, wissen wohl, es ist keine Frage des Alters, dass der große Bruder ein Auge auf die kleine Schwester hat. Dünnes Eis, vermintes Gelände. Beim Erstkontakt wird klar gemacht, wer das Sagen hat, und als der Neue ist man das sicherlich nicht. Aber dann kam alles ganz anders. Als wir, also meine Freundin und ich, vor der Haustür standen und diese sich öffnete, kam nach einem kurzen Blick auf mich: Na wenigstens hat er 'nen gescheiten Bart.

Das Eis war gebrochen, aber nicht im Negativen. Warum heißt es einerseits dünnes Eis, also Gefahr, und andererseits gebrochenes Eis, also alles gut? Hm, egal. Jedenfalls waren die folgenden Stunden recht angenehm und wir unterhielten uns prächtig, auch über unsere Bärte.

Noch eins gefällig? Aber nur ein Kurzes. Ich. Konzert. Bar. Bart. Barkeeper. Bart. Bemerkenswert. Bemerkung. Bedankt. Bier. Bier. Bier. Bier. (Geld)Beutel leer. Bier! Bier! Betrunken. Blackout... Aber ein gutes Gespräch und Freigetränke, Bart sei Dank.

Die Bartträger sind sich nun mal schnell sympathisch. Und da sind wir nun wieder bei den Rauchern. Die Bartträger werden sich nicht übertölpeln lassen, von den Glattrasierten. Nein, wir werden unsere Bärte nicht aus gesundheitlich oder hygienischen Gründen draußen tragen. Wie schon Karl Marx, und der hatte einen beachtlichen Bart, also wie Marx eventuell einst sagte: Bartträger der Welt vereinigt euch!

Und das werden wir. Und die Raucher sollen sich Bärte wachsen lassen, gemeinsam schaffen wir's. Nehmt mich als Vorbild, ich rauche und habe einen Bart! Ein freier Mann. Aber passt auf, Typen mit oberhalb der Lippe seltsam gestutzten Bärten sollte man nicht auf den Leim gehen.

 
 

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