Freischreiben Kurzgeschichte: Autorin Emily Hettler über Vorbilder

Autorin Emily Hettler (16) schreibt gerne Geschichten. Foto: privat

Bei „Freiraum“ steht die Freischreiben-Seite immer unter einem bestimmten Thema. Diesen Monat: Vorbilder. Geschwister, Social-Media-Idole, bekannte Personen: Zu wem schaust du auf? 

Ein gutes Vorbild

Autorin Emily Hettler hat iher Gedanken über Vorbilder in einer Geschiche verarbeitet.

Es war schon dunkel, als Mama wieder nach Hause kam. Ohne Bauch, aber mit meinem neuen, kleinen, schreienden Bruder auf dem Arm. Sie küsste ihn sanft auf die Stirn, dann beugte sie sich zu mir herunter und sagte: „Das ist Finn, dein neues Geschwisterchen. Jetzt bist du hier der Große. Sei ein gutes Vorbild für ihn!“

Die ganze Nacht lag ich daraufhin wach im Bett, drückte meinen Teddy an mich und dachte nach. Wie sollte ich ein gutes Vorbild sein? Was musste man dazu überhaupt machen? Alle Vorbilder, die mir in den Sinn kamen, hatten etwas Großes für die Welt geleistet. Sie waren Menschen, auf die man stolz sein konnte. Schließlich fasste ich den Beschluss, dass ich genau so jemand für meinen Bruder werden würde.

Monate später: Ich kramte meinen Kommunionsanzug aus dem Schrank, strich mir die Haare mit Gel zurück und bediente mich an Papas Deo. Ein gutes Vorbild sieht nämlich gepflegt aus. Danach saß ich am Küchentisch und las Zeitung. Zumindest versuchte ich, die komplizierten Artikel zu verstehen, denn ein gutes Vorbild soll auch gebildet sein. Aber Finn würdigte mich keines Blickes, sondern robbte munter auf seiner Matte neben der Kellertreppe vor sich hin. Machte ich etwas falsch? Wieso erkannte er mich nicht als Vorbild an?

Ich versuchte daher etwas anderes. Schnell sammelte ich meine Malsachen zusammen und zeichnete mit dem Pinsel Strich für Strich das schönste Bild meines Lebens. Ein gutes Vorbild ist schließlich auch talentiert. Ich versank komplett in meiner Arbeit, bis Finn plötzlich einen panischen Schrei losließ.

Er war zu nahe an die Kellertreppe gerobbt. Sein Kopf hing schon die erste Stufe hinunter. Gleich würde er die Treppe hinunterfallen. Ich sprang vom Tisch auf, schüttete versehentlich meine Wasserfarben auf dem Bild aus, doch das war mir egal. Wichtig war nur Finn.

Mit drei Schritten war ich bei ihm und hob ihn wieder zurück auf die Matte. Er grinste mich an, so als ob er stolz auf mich wäre. In diesem Moment kam Mama angelaufen. Die Panik in ihrem Gesicht wich der Erleichterung, als sie uns so sah. Sie nahm mich in den Arm und flüsterte: „Du bist wirklich ein gutes Vorbild, denn wahre Vorbilder sind für andere da.“

Wer für Freischreiben-Autorin Julia Fritzsche (21) das größte Vorbild ist, ließt du hier
Wieso Emma Hecht vor Social-Media-Vorbildern warnt kannst du hier lesen.

 
 

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