Freischreiben-Autor gewinnt Literaturwettbewerb Siegergeschichte "Die Lösung" von Michael Bankmann

An einem hölzernen Tisch saß ein alter Mann. Er hob sehr langsam den Kopf und begann, Joneth zu mustern ... Foto: Brigitte Werner/Pixabay

Ein Medikament, das eine Pandemie beendet. Eine Fabrik, die kein CO2 ausstößt, sondern es einsaugt. Das Perpetuum mobile. Eine Friedenspille. Eine Zeitmaschine. Die Weltrettungsformel. Unter diesem Motto stand der Literaturwettbewerb des Johannes-Turmair- Gymnasiums in Straubing. Wir stellen in dieser Ausgabe und am 29. Juli die Siegergeschichten vor. Heute: „Die Lösung“ von Michael Bankmann.

Sein Atem ging schnell. Er war umgeben von grauen Betonbauten. Alles hier war aus Beton. Um ihn herum hasteten Menschen mit erschreckten Gesichtern. Dunkle Wolken hingen über dem Himmel, ein Meer aus einer eintönigen, undurchsichtigen Farbe. Er setzte sich auf eine nahe gelegene Bank. Der Beton hatte eine Maserung, die wie Holz aussah. Joneth Smith befühlte sie. Kalt und grau. Wie gerne würde er wieder einmal echtes Holz spüren … Und deshalb musste er weiter! Ach, es ging ja nicht einmal nur um ihn. Er musste weitaus mehr schaffen. Ständig jagten ihm dieselben Gedanken durch den Kopf: „Joneth, du darfst hier nicht sitzen! Du musst weiter! Du musst die Menschen mit deiner Erfindung retten! Du weißt doch ganz genau, dass die Bäume in der Fabrik keinen Sauerstoff mehr liefern. Nur du allein kannst alle Pflanzen wieder zum Leben erwecken …“

Er wehrte sich gegen die Stimmen. Darauf konnte er jetzt einfach nicht achten. Er brauchte eine Pause. Der Platz um ihn herum wurde leerer. Ein paar Menschen mit angsterfüllten Augen und blasser Haut huschten noch herum. Er ließ seinen Kopf auf die oberste Betonkante sinken und schloss die Augen. Er wusste es. Er musste weiter.

Auch Angelina Schmid hat bei dem Literaturwettbewerb gewonnen. Ihre Siegergeschichte findet ihr hier: 

Siegergeschichte "Kein Krieg mehr" von Angelina Schmid

Wo sollte in einer Hölle aus Beton eine Pflanze herkommen?

Eine Pflanze. Er brauchte eine Pflanze! Alles war vorbereitet. Es würde nur Minuten dauern. Jedes noch so verkümmerte Pflänzchen würde er nehmen. Doch wo sollte man in dieser Hölle aus Beton eine Pflanze herbekommen? Die einzigen, die es gab, waren die Bäume in der Fabrik. Aber die waren schon eingegangen. Woher also …? Er öffnete wieder die Augen und blickte auf das Gebäude vor sich. Eigentlich war es ein ganz gewöhnliches Hochhaus, wie jedes hier. Doch irgendetwas zog Joneth an dem Haus an. Er wusste nicht, was es war. Dennoch erhob er sich von der Bank und schritt darauf zu. Sein Atem ging immer noch schnell und rasselte leicht in der Kehle. Er drückte die Klinke. Mit einem Quietschen öffnete sich die mit grauem Metall verkleidete Tür. Ein immer dunkler werdender Flur erschien vor ihm – so lang, dass man nicht bis zum Ende sehen konnte. Links und rechts zweigten Türen ab, ähnlich der, die er gerade geöffnet hatte. Er machte einen Schritt in den Flur. Sofort wurde er von der Dunkelheit verschluckt. Noch einmal blickte er hinter sich. Ein fahles Licht hing im Eingang. Und immer noch die grauen Wolken. Er wandte sich zu einer der Zimmertüren.

Der Alte redete weiter. Es klang wie ein Brausen

An einem hölzernen Tisch saß ein alter Mann. Er hob sehr langsam den Kopf und begann, Joneth zu mustern. Die Augenhöhlen des Alten waren eingefallen. In den Augen selbst lag eine gewisse Tiefe, wie Wasser in einem Brunnen. Nichts ließ erahnen, was er dachte. Und so sahen sich die beiden schweigend an. Der eine stehend, der andere sitzend. Das Einzige, was Joneth denken konnte, war: „Holz! Ein hölzerner Tisch! Er hat einen echten hölzernen Tisch!“

Wie von weit her erhob der Alte seine Stimme: „Was ist? Warum lodert die Angst nicht in deinen Augen?“ Er seufzte tief: „Jetzt haben die Menschen endlich erkannt, dass sie sich selbst zugrunde richten. Noch wollen sie der drückenden Enge in ihren Lungen entfliehen. Doch es ist zu spät für sie. Sage mir: Warum hast du keine Angst vor dem Ende? Warum ist dein Blick ruhig?“ Beide schwiegen. Der Alte redete weiter. Es klang wie ein Brausen. „Niemand wollte es einsehen! Ich hatte die Menschen gewarnt! Vor vielen Jahrzehnten … Und haben sie es mir geglaubt? Nein! Und doch habe ich etwas, das sie retten könnte. Aber das kann es nicht! Es bräuchte jemanden, der die Fähigkeit besitzt, aus meinem Teil mit seinem Teil das Ganze zu vollbringen … An niemand anderen würde ich die Rettung weitergeben. Du hast kein Flackern in den Augen … Das ist gut …!“ Ein kleiner leuchtender Schimmer blitzte im Gesicht des Alten auf. Und so schnell, wie er gekommen war, war er auch wieder verschwunden. Jetzt waren Joneth Smiths Blicke direkt auf den Alten gerichtet: seine grauen Haare, sein schlanker Körper und seine eingefallenen Wangen.

Joneths Hände waren schweißnass, als er den Alten wieder sprechen hörte. „Beantworte meine Fragen! Ich werde sehen, ob du es bist. Was kannst du?“ Joneths Kopf war voller Brausen. Endlich löste sich seine Zunge und er stammelte: „Ich bin Erfinder, ich …“ Er wollte eigentlich noch weiterreden, doch der Alte blickte ihn jetzt direkt an, sodass er verstummte. Der Schein der Hoffnung überzog nun das ganze Gesicht des Alten. „Seine Augen … Seine Augen …“ murmelte er in sich hinein. Er erhob sich langsam von seinem Stuhl und drehte sich um. Joneth blieb stehen. Was hatte der Mann damit gemeint: „Seine Augen … Seine Augen …“?! In diesem Moment stellte der Alte etwas auf den Tisch. Wieder sah er Joneth an und wies mit einer leichten Kopfbewegung auf das, was nun direkt vor ihnen stand.

Ein kleiner Topf, in dem ein kleines Blümchen saß

Eine kleine, verkümmerte Pflanze. Joneth erkannte sie. Es musste eine Primel sein. Die Blätter waren am Rand schon bräunlich gefärbt und es war offensichtlich, dass sie nur noch wenig Lebenszeit hatte. Doch noch lebte sie. „Was ist das?“ Die Stimme des Alten wurde fordernd und rau. „Niemand konnte diese Frage beantworten! Jeder übersah den Topf, sprach nur von Geld und Gewinn. Hatte vergessen, was so wichtig für sein Überleben war.“ Er blickte Joneth erwartungsvoll an: „Was ist es?“ Joneth Smith hatte gar nicht hingehört. Er hielt es für ein Trugbild. Das gab es doch nicht! Nein, nein, das konnte nicht wahr sein! Aber so oft er auch blinzelte, das Gewächs blieb da. „Eine Pflanze. Wirklich! Eine echte Pflanze. Leben!“, murmelte er. Der Alte erwiderte nichts. Es herrschte tiefe Stille. Wie am Anfang. Beide schauten auf einen kleinen Topf, in dem in einem Erdenbett, ein kleines Blümchen saß. Und so verharrten sie, bis Joneth schließlich seine Finger zärtlich um den Blumentopf schloss und sich vorsichtig, einen Schritt vor den anderen setzend, aus der Tür begab. Das Gesicht des Alten wurde grau. Grau wie die Wände, grau wie der Beton, grau wie der Himmel.

Als die Tür sich geschlossen hatte, sank er in seinem Stuhl zusammen wie Staub. Erst im Flur wurde Joneth Smith bewusst, dass er jetzt seine Chance hatte. Er hatte die Abläufe in Gedanken schon tausend Mal durchgespielt. So ging es ganz schnell. Mit wenigen Handgriffen stellte er seine Erfindung mitten im Türrahmen des Hochhauses fertig. Das Chloroplasten-Spray. Die Chemikalien hatte er alle bei sich getragen. Er hatte nur noch auf den Moment gewartet, in dem er das Wichtigste finden würde. Und das war jetzt geschehen.

Gerade wollte er aus der Tür nach draußen treten, da zögerte er. War es nicht klüger, das Spray für sich allein zu benutzen? Alle anderen hatten doch die Welt in diesen Zustand gebracht! Waren sie es wert, gerettet zu werden? Sie waren doch schuld! Er nicht! Oder etwa doch …? Und während er seine Gedanken spann, verrann die Zeit. Zeit, die Menschenleben retten oder vernichten konnte. Schließlich trat er aus dem Türrahmen. Das Spray umklammerte er fest mit seiner Rechten. Wie Berge türmten sich dunkle Massen am Himmel. Um ihn herum war Grau. Ein eintöniges Grau. Sein Atem ging schnell.

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Hinweis: Dieser Text stammt aus der Freistunde, der Kinder-, Jugend- und Schulredaktion der Mediengruppe Attenkofer. Für die Freistunde schreiben auch LeserInnen, die Freischreiben-AutorInnen. Mehr zur Freistunde unter freistunde.bayern.

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