Freischreiben Annalena Leitermann berichtet aus dem Leben einer Kassiererin

Annalena Leitermann hat 14 Monate in einem Discounter gearbeitet. Foto: Jens Kalaene/dpa

Merkwürdige Kunden und Weltuntergangsstimmung in den Gängen: Annalena Leitermann (19) aus Eschlkam im Landkreis Cham hat 14 Monate lang in einem Discounter gearbeitet. Was sie dort alles erlebt hat.

Ich ziehe eine Packung Käse über den Scanner. Piep. Dann kommt ein Kohlrabi. Ich tippe seine Nummer mit den Fingern ein. Piep. Insgesamt muss ich mir gerade vierzig Nummern merken, die ich mal mehr und mal weniger benutze. Anfangs war das ziemlich verwirrend, denn das Bedienen einer Kasse war völliges Neuland für mich. Zu Beginn meiner Arbeit im Discounter verursache ich ein riesiges Chaos. Mir ist der ganze Ablauf an der Kasse etwas suspekt. Ich schiebe es auf die Eingewöhnungsphase. Planungslos ziehe ich die Produkte vom schwarzen Fließband über den roten Scanner, der mir schlussendlich die Summe nennt, die der Kunde bezahlen muss. Der Kunde streckt mir den Geldschein mit zittriger Hand entgegen. Ich überlege ewig, bis ich ihm schließlich sein Rückgeld in die Hand drücke. Mit der Zeit wird meine Hand hier schneller. Dann haben die Kunden auch keine Chance mehr, sich ihren Geldschein wieder zu nehmen, denn manche versuchen das, nachdem ich ihnen rausgegeben habe. Sobald die Schlangen kürzer werden und ich an der Kasse schneller bin, wird mehr Arbeit von mir verlangt: Ich muss nebenbei abschachteln, also die leeren Pappen aus dem Regal holen, Obstpodeste reinigen und Schütten aufräumen. Vor allem samstags ist das ein echter Stress, aber zwingend notwendig, denn die weißen Fließen im Geschäft bringen die Unordnung besonders zur Geltung, da sie jegliche Flecken sichtbar machen. Wird nicht aufgeräumt, herrscht hier in meinen Augen fast schon Weltuntergangsstimmung.

Immer höflich bleiben

„He du“, ruft mir eine ältere Dame zu. „Kann ich die auch billiger bekommen? Für drei Euro kaufe ich doch keine mit Pestiziden verseuchten Erdbeeren. Und die Tomaten – echte Wucherpreise hier.“ Sie redet wohl von einem anderen Laden, denn der Discounter, für den ich arbeite, ist einer der preisgünstigsten überhaupt. Bei genauerem Betrachten sehen die Erdbeeren tatsächlich schon etwas alt aus. „Ich gebe sie Ihnen um einen Euro billiger“, biete ich ihr an. Im Gegensatz zu ihr bin ich trotz meines noch jungen Alters stets höflich, sodass ich jeden Fremden sieze und jedem Kunden mit einem Lächeln begegne. Das wurde mir, während der vierzehn Monate, in der ich mit Feuereifer immer am Freitag und samstagabends hier im Discounter tätig war, näher gebracht. Denn auf einen respektvollen Umgang mit Kunden wird hier besonders geachtet – auch, wenn die Kunden uns Mitarbeiter duzen oder eine derbe Umgangssprache benutzen. Darüber muss man halt hinwegsehen. Und unhöfliche Kunden sind noch das geringste Problem ...

Einmal kommt es während meiner Schicht zu einer Schlägerei. Ein junger Hipster drängelt sich an der Kasse nach vorne und legt seine Sachen geschickt auf das Band – genau vor den Einkauf eines schon älteren Herren. Dieser regt sich natürlich darüber auf. Der Hipster will sich das nicht anhören und schlägt ihm plötzlich mit der Faust ins Gesicht. Das Blut des Rentners rinnt daraufhin wasserfallartig aus seinen Nasenlöchern. Eigentlich hätte er unbedingt ärztliche Versorgung benötigt. Die verweigert er aber strikt – Alterssturheit. Stattdessen lässt er sich auf eine Schlägerei vor dem Laden ein. Wir rufen die Polizei. Als sie eintrifft, kann der Hipster fliehen. Der Rentner zeigt ihn zwar an, aber gefunden wurde der Täter nie. Bis zu meiner Kündigung sah ich auch den Rentner nie wieder.

Ein ungepflegter Kunde

Je länger ich beim Discounter arbeite, umso stärker gewöhne ich mich an die teilweise seltsamen Kunden, die fast täglich vorbeischauen. Anfangs ist mir zum Beispiel öfter ein in die Jahre gekommener Mann aufgefallen, den ich schon gerochen habe, bevor er überhaupt an der Kasse stand. Sein äußeres Erscheinungsbild lässt zu wünschen übrig. Er trägt stets die gleiche Jacke und Hose und nur selten ein T-Shirt darunter. Und er riecht nach Mülldeponie. Trotz des unangenehmen Geruchs tritt sein Charakter in den Vordergrund. Er ist ein liebenswerter Mann, auch wenn er anscheinend keine Zahnputzmittel, Shampoos oder Ähnliches benutzt, geschweige denn sich überhaupt duscht. Ich übe mich im Luftanhalten. Ihn abzukassieren wäre definitiv ein gutes Training für einen Langstreckentaucher. Als er irgendwann nicht mehr kommt, fragen meine Kollegen und ich uns, was mit ihm passiert ist. Niemand hätte seinen plötzlichen Tod vermutet, ein Inserat über den Todesfall ist ebenfalls nie erschienen.

Immer möglichst günstig sein

Manchmal war nicht nur die Kundensituation etwas schwierig, auch die Mitarbeiter und Filialleiter sind öfter gewechselt. Einige hier sind schon fünfzehn Jahre dabei, andere halten kein Jahr in der Filiale durch. Die Discounter-Branche ist ein schwieriges Marktgebiet. Ständige Konkurrenz zu den anderen, alles soll möglichst günstig sein. Das wird auch im Berufsalltag ausgelebt. Höchstens ein oder zwei Leute arbeiten gleichzeitig im Laden, die ihn auch noch aufräumen, bewachen und nebenbei noch kassieren sollen. Nach vielen Wochenstunden kann es daher schon mal passieren, dass die Motivation verschwindet, man keine Lust auf die ewige Schachtelei hat und damit auch die anderen ansteckt.

Schließlich brechen die letzten Wochen an. Langsam verabschiede ich mich von meiner Rolle als Verkäuferin, von dieser ständigen Nettigkeit und diesem Grinsen, das den Kunden ein Lächeln auf die Lippen zaubert.

Zu Beginn meiner Discounter-Karriere war ich oft wegen der Zustände im Laden geschockt. Denn vor allem in der Spätschicht trifft man auf viele merkwürdige Menschen, denen man sonst nie begegnen würde. Man gewöhnt sich an diese skurrilen Gestalten und vermisst sie sogar, wenn sie plötzlich nicht mehr auftauchen.

Neues Selbstbewusstsein

Nach 14 Monaten verlasse ich den Discounter. Wütende, verzweifelte, traurige, lächelnde, kommunikative sowie fröhliche Kunden haben das Gebäude mit Leben gefüllt. In der kurzen Zeit habe ich viele davon auch persönlich kennengelernt. Ich bereue es definitiv nicht, meine ersten Arbeitsmomente dort verbracht zu haben. Ich habe nicht nur neues Selbstbewusstsein entdeckt, sondern auch gelernt, wie ich in schwierigen Situationen höflich bleibe. Mein Nebenjob im Discounter wird unvergesslich bleiben, denn dieser Ort hat auf seine Weise einen ganz besonderen Charme.

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