Frau überlebte nur durch ein Wunder Blutiges Ehedrama, zweiter Akt

Die Stieftochter des wegen sexuellen Missbrauch Angeklagten täuschte einen Überfall vor.(Symbolbild) Foto: Uli Deck/dpa

Einmal wollte Fatih A. ein Schnitzel. Es war kurz nach 23 Uhr und der junge Mann war eben von der Arbeit nach Hause gekommen, berichtete seine Ex-Frau Rabiya gestern vor der sechsten Strafkammer des Landgerichts. Geplagt von Schwangerschaftsübelkeit habe sie ihm gesagt, „Koch' Deinen Scheiß selbst“. Da habe er zugeschlagen. Es sollen nicht die ersten Schläge gewesen sein, doch nach diesem Vorfall zog die 22-Jährige zu ihren Eltern. Drei Monate später kehrte sie zurück. Wiederum drei Monate würgte Fatih A. sie bis zur Bewusstlosigkeit und rammte ihr anschließend sechs Mal ein Fleischermesser in den Rücken.

Wie durch ein Wunder überlebte die junge Frau den Angriff. Fatih A. wurde vor einem Jahr von der ersten Strafkammer des Landgerichts wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren verurteilt. Die Unterbringung des Türken in einer Sicherungsverwahrung behielt die Kammer sich vor. Der Schuldspruch ist rechtskräftig. Was die Rechtsfolgen betrifft, so wurde das Urteil jedoch, wie berichtet, im März nach einem Revisionsantrag von Verteidiger Ingo Gade vom Bundesgerichtshof aufgehoben. Daher muss sich nun die sechste Strafkammer des Landgerichts mit dem Fall auseinandersetzen, der ursprünglich als versuchter Totschlag angeklagt war.

Laut Anklage hatte Rabiya A. ihren Mann am Vormittag des 26. Dezembers 2013 zum Semmeln holen geschickt. Nachdem dieser erst eine Stunde später wieder heimgekommen war, kam es zum Streit zwischen den Eheleuten in der gemeinsamen Wohnung in Landau an der Isar. A. drohte ihrem Mann nicht zum ersten Mal, mit dem drei Monate alten Baby zu ihren Eltern in die Oberpfalz zurückzukehren. Die heute 23-Jährige wiederholte gestern vor Gericht, was sie bereits vor einem Jahr ausgesagt hatte, nämlich dass der Streit bereits beendet und sie schon auf dem Weg von der Küche ins Wohnzimmer gewesen sei – „ich wollte mich beruhigen“ -, als sie von Fatih A. gepackt und bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt wurde. Wie er ihr anschließend sechs Mal ein Fleischermesser in den Rücken gerammt hat, will sie nicht mehr mitbekommen haben. Sie sei erst wieder im Krankenhaus zu sich gekommen. Die Schilderung der Frau, nämlich das der Streit eigentlich schon beendet gewesen sei, war im ersten Verfahren ausschlaggebend dafür gewesen, dass A. schließlich wegen versuchten Mordes verurteilt worden war.

Auch der Gerichtsmediziner wiederholte am Freitag weitgehend seine ursprünglichen Angaben. Dr. Florian Fischer zufolge konnte die 22-Jährige aufgrund der lebensbedrohlichen Verletzungen nur mit einer Lunge atmen. Zudem habe sie erheblich geblutet. Das Messer, das im Rücken der jungen Frau steckte, konnte erst im Rahmen einer Notoperation im Klinikum Regensburg entfernen werden. Der Gutachter schreibt es „vielen Zufällen und dem Funktionieren der Rettungskräfte“ zu, dass Rabiya A. überlebt hat. So war Fischer zufolge etwa das Messer beim sechsten Stich in der Wirbelsäule steckengeblieben - „einer der Gründe, warum Frau A. noch lebt“. Bereits das Würgen hätte laut Fischer eigentlich tödlich enden müssen. So wie Rabiya A. den Angriff geschildert habe, müsse alles sehr rasch gegangen sein. Die zahlreichen punktförmigen Einblutungen in und um die Augen herum würden jedoch belegen, dass es viel länger gedauert haben muss. Fischers Fazit: „Da war eine ganze Armee von Schutzengeln am Werk.“

Der psychiatrische Sachverständige Dr. Gregor Groß berichtete, dass er bei dem 22-Jährigen dissoziale Persönlichkeitsmerkmale und antisoziale Tendenzen, aber keinerlei Anhaltspunkte für eine schwerwiegende Persönlichkeitsstörung feststellen konnte. Wie bereits im ersten Verfahren erklärte Groß den Angeklagten dementsprechend für voll schuldfähig. Auch von seiner Empfehlung einer anschließenden Sicherungsverwahrung nahm er keinen Abstand. Zwar verhalte sich A. in dem aktuellen Verfahren wesentlich angepasster und ruhiger als noch vor einem Jahr; er habe Zeit zum Nachdenken gehabt. Von einer gravierenden Veränderung der Persönlichkeit sei in der kurzen Zeit aber nicht auszugehen. „Ein Hang zu Gewalttaten“ bestehe sicher immer noch. Wenn es etwa in Zukunft mal Ärger wegen des Sorgerechts gebe, so könne sich das sofort wieder negativ für Rabiya A. auswirken, so Groß.

Immerhin schaffte Fatih A. es am Freitag im Gegensatz zum ersten Verfahren, sich bei seiner Ex-Frau zu entschuldigen. Diese zeigte sich jedoch unversöhnlich. Während sie zuvor ruhig und gefasst ihr Zusammenleben mit Fatih A. und die Tat selbst geschildert hatte, brach sie nach seiner Abbitte in Tränen aus. Er habe ihr Leben zerstört, warf die 23-Jährige dem Mann vor, den sie über das Internet kennengelernt und bereits nach einem halben Jahr Beziehung geheiratet hatte. „Und was soll ich meiner Tochter sagen, wenn sie mich eines Tages fragt, woher die Narben auf meinem Rücken stammen?“

Der Prozess wird am Montag fortgesetzt.

 

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