Interview Andreas Malcherek: "Polder sind monofunktional"

Professor Malcherek im hydrologischen Labor der Bundeswehr-Uni in München. Foto: std

Professor Andreas Malcherek von der Universität der Bundeswehr in München, Professur für Hydromechanik und Wasserbau, lehnt die Polder Wörthhof und Eltheim ab.

Herr Professor Malcherek, einmal angenommen, es hätte die Flutpolder Eltheim und Wörthhof 2013 schon gegeben: Hätten sie die Katastrophe in Deggendorf verhindert?

Andreas Malcherek: Wenn ich das richtig weiß, ist der Deich in Fischerdorf gebrochen. Das bedeutet, er hat den Wassermassen von seiner Stabilität her nicht standgehalten. Es war also nicht so, dass die Höhe nicht ausgereicht hätte. Der Deich hat ganz einfach versagt. Ich gehe davon aus, dass dieser Unfall auch mit den Poldern so passiert wäre.

Um wie viele Zentimenter könnten die Flutpolder den Scheitel einer Flutwelle flussabwärts senken?

Malcherek: Also zunächst mal: Die Zahlen, auf die ich mich beziehe, stammen aus den Gutachten, die die Wasserwirtschaft zur Verfügung stellt. Demnach sind es maximal 15 Zentimeter Absenkung in Deggendorf, und tatsächlich ist in Passau keine Wirkung mehr nachweisbar.

Was ist aber mit Straubing oder Bogen? Dort wäre die Wirkung doch größer.

Malcherek: Da wäre die Wirkung größer, das ist richtig. In großen Bereichen haben wir aber da schon einen Schutz vor einem Hochwasser, das nur einmal in 100 Jahren vorkommt, sodass man Polder meines Erachtens bis Straubing gar nicht braucht. Und auch bei Bogen ist der Hochwasserschutz besser als angenommen - auch deshalb, weil die Wasserwirtschaft das hundertjährliche Hochwasser überschätzt.

Sind Polder verhältnismäßig ?

Malcherek: Ich habe nie gesagt, dass Polder nicht funktionieren, dass sie nicht auch einen Hochwasserschutz gewährleisten. Die Frage ist nur: Welchen Aufwand ist die Gesellschaft bereit, dafür zu tragen? Wie viele Nachteile kann ich einer Region aufbürden, damit eine andere geschützt ist? Darüber muss man zumindest diskutieren.

Würde dem Raum Regensburg zu viel aufgebürdet?

Malcherek: Ja, würde ich sagen. So, wie ich die Situation bewerte, ist in Bayern seit 2013 ein Hochwassertrauma entstanden. Und Traumapatienten reagieren hektisch. Die Politik will und muss sehr schnell handeln, sie muss gegenüber dem Wähler Taten vorweisen. Aber es wird nicht in Ruhe überlegt, was sinnvoll ist. Alternativen zu Poldern werden nicht hinreichend untersucht.

Sie plädieren im Hinblick auf Alternativen für Staustufenmanagement. Allerdings bleibt das Wasser da nach wie vor in der Donau, es wird - anders als bei Poldern - nicht aus dem Verkehr gezogen.

Malcherek: Es geht darum, eine Hochwasserwelle in Bereichen, wo sie keinen Schaden anrichtet, durchzulassen und sie in anderen Bereichen etwas zu bremsen. Wir wollen nicht einfach das Wasser in den Staustufen "parken". Sondern wir müssen gucken: Wie können wir die einzelnen Staustufen - sowohl in der Donau als auch in allen Zuflüssen - so steuern, dass die Scheitel der Hochwasserwellen nicht an irgendeinem Punkt zusammentreffen. Staustufenmanagement ist für mich aber nur ein Punkt von vielen.

Und was ist Ihr Hauptpunkt?

Malcherek: Wir haben aktuell große Diskussionen um Artenschutz und Klimawandel. Das heißt, wir müssen mit Landschaft ganz neu umgehen. Wir müssen mit Niederschlägen ganz neu umgehen. Wenn wir Grundwasserprobleme und Trockenheit bewältigen wollen, müssen wir Niederschläge in die Landschaft leiten, wir müssen die Versickerung verbessern. Es braucht natürlich auch Flächen für Industrie und Besiedlung. Aber wir müssen bei jeder Baumaßnahme, wenn irgendwo ein Parkplatz gebaut wird, überprüfen: Wie viel Gefahr birgt das in puncto Hochwasser ? Die Probleme liegen nicht nur direkt an der Donau, sondern in ihrem gesamten Einzugsbereich, bis in die Alpen hinein. Meines Erachtens müssen die Raumplanung und die Politik alles neu durchdenken.

Heißt konkret?

Malcherek: Wir müssen Wege finden, wie wir wieder mehr Wasser in die Böden bekommen. Wir müssen die Grundwasserstände schützen, um so die Hochwassergefahr zu vermindern. Wir müssen da klein-strukturiert arbeiten, aber großräumig herangehen, wir brauchen Tausende Maßnahmen in der Fläche, die aber nicht nur was mit Hochwasserschutz zu tun haben, sondern auch mit Landschaftsschutz, mit Artenschutz, mit Klimaschutz, mit Grundwasserschutz. Ich rede von Auwäldern, von Ausgleichsmaßnahmen für versiegelte Flächen, von natürlichen Rückhalteräumen. Das ist ein multifunktionaler Ansatz. Die Flutpolder sind hingegen monofunktional. Das heißt, ich errichte ein Riesenbauwerk, mit zig Millionen Kosten, einzig und allein für den Hochwasserschutz, und das setze ich dann einmal in 40, 50 oder 100 Jahren ein. Polder helfen, wenn die Flutwelle schon da ist und wir sagen: Ui, jetzt müssen wir mit der umgehen, also leiten wir sie einfach in ein Stück Landschaft, das die restlichen 100 Jahre brach liegt.

Was ist mit rückverlegten Deichen?

Malcherek: Eine der wichtigsten Maßnahmen, die ich absolut unterstütze, das ist gerechter Hochwasserschutz. Wenn ich die Durchflussbreite verdopple, halbiere ich quasi die Wassertiefe. Allerdings: Wenn ich das in Deggendorf mache, ist Deggendorf geschützt, in Passau bringt das nichts mehr. Rückverlegte Deiche wirken lokal.

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