Interview Peter Rutschmann: "Ich kann steuernd eingreifen"

Professor Dr. Peter Rutschmann von der Technischen Universität München. Foto: Kurt Bauer, TU München

Professor Peter Rutschmann, Inhaber des Lehrstuhls für Wasserbau und Wasserwirtschaft an der Technischen Universität München, sieht in gesteuerten Flutpoldern ein unverzichtbares Instrument.

Herr Professor Rutschmann, einmal angenommen, es hätte die Flutpolder Eltheim und Wörthhof 2013 schon gegeben: Hätten sie die Katastrophe in Deggendorf verhindert?

Peter Rutschmann: Der Fall ist mit Computermodellen durchgerechnet worden. Die Resultate haben gezeigt, dass sich das rechnerisch gerade ausgegangen wäre. Wobei es um Zentimeter gegangen ist. Ob die Katastrophe hätte verhindert werden können, weiß man nicht. Die Chance wäre auf jeden Fall erheblich größer gewesen.

Laut Ihren Analysen könnten die Flutpolder den Scheitel einer Flutwelle in Deggendorf nur um wenige Zentimeter senken, in Passau wäre keine Wirkung mehr nachweisbar.

Rutschmann: Beim von uns untersuchten, donaubetonten Hochwasserszenario können die Flutpolder Eltheim und Wörthhof den Wasserspiegel in Deggendorf um sechs Zentimeter senken. Bei einem isarbetonten Hochwasser können es deutlich mehr sein. Natürlich: Je weiter man von Flutpoldern weggeht, desto weniger Wirkung wird man sehen. Wobei wir jetzt nur über die Spitze einer Flutwelle diskutieren, wir diskutieren nicht über den zeitlichen Ablauf. Mit den Flutpoldern habe ich auch ein Element zur Verfügung, mit dem ich als Mensch steuernd eingreifen kann. Ich kann Wasser entnehmen und es sozusagen zwischenspeichern. Ich kann so auch die Geschwindigkeit von Flutwellen beeinflussen. Das ist zum Beispiel für Passau, aber auch für Deggendorf wichtig: Ich kann ein Zusammentreffen der Spitzen zweier Flutwellen von Donau und Inn beziehungsweise Donau und Isar möglicherweise verhindern. Das sind Fragen der kombinierten Wirkung, die mindestens genauso wichtig sind wie Zentimeter, die sich aus der Wirkung eines einzelnen Polders ergeben.

Rechtfertigen diese Eingriffsmöglichkeiten die Belastungen für den Raum Regensburg und die Kosten?

Rutschmann: Das ist eine Frage, bei der ich mich als Wissenschaftler zurückziehe. Letztendlich muss die Politik entscheiden, welchen Schutz sie der Bevölkerung bieten will, ob sie das Geld aufwendet oder nicht.

Wären denn die Polder im Katastrophenfall verlässlich zu steuern?

Rutschmann: Es wird sich in Zukunft so darstellen, dass man nicht nur aufgrund von Prognosen steuert, sondern auch aufgrund von Pegelständen, die gemessen sind. Es wird also eine Kombination geben. Und da ist ja mittlerweile die künstliche Intelligenz ein Stichwort. Mit künstlicher Intelligenz kann man solche Kombinationen aus Messung und Prognose abgleichen. Und so können wir, denke ich, in Zukunft immer besser prognostizieren, wann wie viel Abfluss kommt. Und wenn Sie mehrere Flutpolder haben, dann haben Sie ja auch die Möglichkeit, eine nicht optimale Poldersteuerung durch einen weiter unten liegenden Polder auszugleichen.

Kann Staustufenmanagement eine Alternative zu Flutpoldern sein?

Rutschmann: Wir haben das untersucht. Das Hochwasser muss ja durch den Stauraum durchgeleitet werden und man wird in der Spitze nur wenig Spielraum zur Hochwasserdämpfung haben. Im Vergleich zu den Flutpoldern ist das erheblich weniger. Wir haben letztendlich gesagt: Staustufenmanagement kann vielleicht eine Option sein bei einem absoluten Extremereignis. Vielleicht das allerletzte Ventil, was man noch hat, bevor es den Deckel nach oben haut. Aber es sollte kein Element des Hochwasserschutzes sein.

Wie sieht es mit Tausenden kleinen, dezentralen Maßnahmen aus?

Rutschmann: Man kann das alles versuchen, Überflutungsflächen, Auenwälder, das ist auch eine Sache des Naturschutzes. Das kann ich durchaus befürworten. Ich bin ja irgendwo auch jemand, der einen natürlich fließenden Fluss liebt. Sich davon viel zu versprechen, ist aber meines Erachtens falsch. Das wird keine Hochwasserschutzmaßnahme sein. Viele kleine, dezentrale Rückhaltemöglichkeiten wird man an der Donau nicht bemerken.

Warum nicht?

Rutschmann: Je weiter ich mich von einem Rückhalteraum wegbewege, desto weniger Wirkung werde ich spüren. Wenn man viele kleine Rückhalte hat, kann man diese Volumina nicht einfach aufsummieren. Sondern letztlich merkt man überhaupt keinen Effekt mehr, sobald man ein bisschen weiter entfernt ist. Nur Volumina zusammenzuzählen, ist nicht die Wirklichkeit. Es ist auch eine Frage der Sicherheit: Kann ich davon ausgehen, dass viele kleine, dezentrale Maßnahmen im Ernstfall funktionieren? Wenn ich sie ungesteuert anlege, ist der Rückhalteeffekt viel geringer.

Woran liegt das?

Rutschmann: Es gibt eine Untersuchung an der Salzach, wo ja erhebliche Überschwemmungsflächen existieren, die aber auf die Spitze einer Flut praktisch keinen Einfluss haben. Wenn die Welle hochgeht, werden diese Räume schon gefüllt, und wenn die Spitze dann irgendwann kommt, stehen sie zur Hochwasserdämpfung gar nicht mehr zur Verfügung, weil das Wasser schon drinnen steht. Wenn man hingegen - wie im Falle der Flutpolder - gesteuert befüllt oder Überlaufkanten anlegt und diese Räume aktiviert, sobald die Welle über einen kritischen Abfluss hinausgeht, dann hat man noch freien Rückhalteraum.

Wären rückverlegte Deiche eine Alternative zu Flutpoldern?

Rutschmann: Da würden Sie kaum einen Unterschied merken. Ab einem 20- oder 30-jährlichen Hochwasser haben Sie so viel Wasservolumen in der Flutwelle drin, dass solche Räume die Welle eigentlich nicht mehr beeinflussen können.

 

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