Fernab der Touristenziele Unterwegs in der westkanadischen Provinz

, aktualisiert am 28.06.2021 - 13:00 Uhr
Der Abraham Lake liegt am Ostrand der Rocky Mountains. Foto: Rainer Hamberger

Die Suche nach einem Schlafplatz kann schon einmal zur Lotterie werden, wenn in der Nähe des Abraham Lake am Ostabhang der Rocky Mountains ein Country Music Festival steigt: "Da haben sie aber Glück, bis auf ein Zimmer sind wir ausgebucht, sie wissen schon warum?" Die Frau an der Rezeption des Motels schaut die neu angereisten Gäste erwartungsvoll an. Heute zählt nur das Festival.

Vor der überdachten Bühne, auf der schon Musikanlagen getestet werden, haben Fans ihre mitgebrachten Campingstühle aufgestellt. Manchem genügt auch eine Wolldecke, von der er das Geschehen verfolgt. Gegen Abend füllt sich der Platz. Rhythmische Country-Songs, teilweise mit keltischem Einschlag, heizen die Stimmung an. Stilecht gekleidet in Jeans, Cowboystiefeln und Stetson drehen sich die Besucher im Kreis, klatschen und scheuen sich auch nicht lauthals mitzusingen. Schon bald mischen wir uns in das Gemenge und genießen das Dabeisein abseits des Touristenpfades.

Eisenbahnüberfall zum Wohle der Kinder

Die letzte Nacht war kurz. Nun geht es nach Osten ins Flachland. Im Bahnhof von Stettler stößt die nostalgische Lokomotive eine gewaltige Dampfwolke aus, dazu einen schrillen Pfiff. "Bitte alle einsteigen, der Zug fährt in wenigen Minuten ab!" Der Schaffner hilft über die steile Treppe ins Abteil. Dort haben die Fahrgäste bereits vor Abfahrt gute Laune. Dann ein Ruckeln und gemächlich nimmt das eiserne Vehikel Fahrt auf. Schnell entfachen sich Gespräche mit Sitznachbarn, die oftmals Spezialisten für alte Dampfrösser sind. Geruhsam geht es durch scheinbar endlos reichende Prärielandschaften, hin und wieder unterbrochen von kleinen Ortschaften. Plötzlich tauchen im Fenster maskierte Reiter auf. Der Zug verlangsamt seine Fahrt, kommt quietschend zum Stillstand. Nach alter Wild-West-Manier erobern wilde Cowboys die Abteile. Längst haben die Mitreisenden das Spiel durchschaut. Gerne kaufen sie sich frei, denn die berüchtigten Räuber sammeln für einen guten Zweck. Eine örtliche Kinderhilfsorganisation wird mit der Spende bedacht. Nach 35 Kilometern nähert sich das Ziel: der Bahnhof von Big Valley. Hier werden die Reisenden nach einem Rundgang durch den Ort im "Community Center" mit Spezialitäten aus Alberta verwöhnt.

Traditionen der Heimat pflegen

Etwa eine Fahrstunde östlich von Edmonton, der Hauptstadt von Alberta, besuchen wir ein Kulturzentrum. "Ja, das ist eine unserer vielen Spezialitäten, die kunstvoll gestalteten, ukrainischen Ostereier. Einige unserer Leute haben eine richtige Meisterschaft darin entwickelt." Ruhig muss die Hand sein, welche den Pinsel führt, der filigrane Muster auf das Ei zaubert. Lisa führt Besucher durch das Ukrainian Cultural Heritage Village, ein Freilichtmuseum, indem kostümierte Schauspieler das Leben der ukrainischen Pioniere darstellen, die sich zwischen 1892 und 1930 in Alberta ansiedelten.

Im Grassodenhaus, das meist den ersten Schutz nach der Einwanderung vor den eisigen Wintern bot, musste eine Familie schon eng zusammenrücken. Alle Kinder wurden in einem Klassenzimmer unterrichtet. Gottesdienste nach byzantinischem Ritus finden in den Kirchen statt. Die ersten Siedler kamen mit der Eisenbahn, die irgendwo im Niemandsland hielt. Ein Stück wilder Prärie durften sie von da an ihr Eigen nennen. Mit minimaler Ausrüstung galt es das Land urbar zu machen. Hatten sie das Land zehn Jahre bewirtschaftet, wurden sie von Steuern befreit. Als nächstes machen wir Station im Elk Island Nationalpark, etwa 50 Kilometer östlich von Edmonton. Plötzlich geht es nicht mehr weiter. Auf der Straße ist eine kleine Herde Bisons unterwegs. Kälber werden von ihren Müttern durch Blöken zum Weitergehen aufgefordert. Massige Bullen beäugen die herannahenden Fahrzeuge misstrauisch. Dieser Nationalpark ist der einzige eingezäunte Kanadas und dient der wissenschaftlichen Forschung. Auch wenn er zahlreichen Wapitihirschen (in Kanada Elk genannt) ein Zuhause bietet, begegnen Besucher vor allem Bisons.

"Hier werden die Bisons immer wieder kontrolliert, ob sie gesund sind. Gleichzeitig bekommen neue Kälber eine Kennzeichnung." Parkrangerin Joan führt uns an mit Eisenstangen verstärkten Gängen vorbei, die in ein Rondell münden. "Kommen die Tiere langsam durch diese Engstelle, können sie von Tierärzten untersucht werden, wenn nötig behandelt," erklärt Joan die eigenartig anmutende Anlage.

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