Fanproteste im Profi-Fußball Fanforscher: „DFB hat jahrelang offene Fragen verschlafen“

Dresdner Fans hielten bei der Auswärtspartie beim SSV Jahn Regensburg ein dreizeiliges Spruchband gegen Dietmar Hopp und den DFB hoch. Foto: imago

Wochenlang waren die massiven Fanproteste in den Stadien beherrschendes Thema im deutschen Fußball. Durch das Coronavirus und die damit verbundenen Geisterspiele liegt dieses Problem zumindest vorerst auf Eis. Doch die Fronten scheinen unverändert verhärtet. Doch was ist die Ursache und gibt es überhaupt noch eine Möglichkeit, die Wogen zwischen DFB und den Fans wieder zu glätten? Wir haben hierzu beim SSV Jahn Regensburg, bei einem Sportwissenschaftler und Fanforscher, aber auch beim DFB selbst nachgefragt.

Eine Protestwelle richtet sich gegen den Deutschen Fußball-Bund. Zur Symbolfigur der Diffamierungen wurde dabei allerdings Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp. Doch warum ist das so? „Das ist eine komplexe Gemengelage, die sich über Jahre hochgeschaukelt hat. Aus Fansicht hat Hopp den Verein aus der Retorte entstehen lassen und war Wegbereiter für Projekte wie RB Leipzig“, erklärt Harald Lange. Er ist Sportwissenschaftler und Fanforscher an der Universität Würzburg und erforscht die Entwicklungen in der Fankultur seit knapp 20 Jahren. Um die Gesamtproblematik verstehen zu können, müsse man wissen, dass die Fanszene von einer intensiven Bindung geprägt sei. Lange: „Fußball ist für viele Menschen eine Ersatzreligion.“

Und genau diese Ersatzreligion scheinen viele Fans durch zunehmenden Kommerz und Mäzene wie Dietmar Hopp bedroht zu sehen. „Sie sehen darin künstliche Konstrukte, die die 50+1-Regel aushöhlen“, berichtet Lange. Dennoch sollte man meinen, dass sich die Kritik der Fans dann eigentlich in erster Linie gegen den Verband richten sollte. Zu den jüngsten Protesten hat man unter anderem beim SSV Jahn Regensburg eine eindeutige Haltung. Auf idowa-Nachfrage teilt der Club mit: „Unabhängig vom diffamierenden Inhalt vieler Transparente ist es nicht zielführend, dass diese Kritik nicht Sachargumente, sondern einzelne Personen in den Mittelpunkt stellt. Zumal nicht Dietmar Hopp Kollektivstrafen aussprechen kann.“

"Deplatziert, geschmacklos und inakzeptabel"

Auch beim SSV Jahn wurde man bereits direkt mit dieser Problematik konfrontiert. Beim Heimspiel gegen Dynamo Dresden hielten Gästefans ein diffamierendes Spruchband gegen Dietmar Hopp hoch. Eine idowa-Nachfrage bei der Pressestelle von Dynamo Dresden blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. „Das Banner, das im Gästeblock gezeigt wurde, war vollkommen deplatziert, geschmacklos und inakzeptabel“, positioniert sich der SSV Jahn Regensburg auch hier eindeutig. Das betreffende Banner sei von den Dresdner Fans im Vorfeld weder angekündigt noch genehmigt gewesen. Doch wie ist es überhaupt immer wieder möglich, dass solche Banner ihren Weg vorbei an den Kontrollen ins Stadion finden? „Einer der Wege dürfte sein, dass die Banner einfach unter der Kleidung um den Körper gewickelt werden. Bei Körperkontrollen kann man das praktisch nicht ertasten“, schätzt Harald Lange. Trotz bestmöglicher Kontrollen könne man dies nie vollumfänglich verhindern.

Der DFB versucht mit individuellen Stadionverboten und dem sogenannten 3-Punkte-Plan dagegen vorzugehen. Dieser sieht vor, dass beim ersten Vergehen das Spiel unterbrochen wird. Beim zweiten Verstoß verlassen die Spieler den Platz und gehen in die Katakomben. Sollten derlei Banner auch danach noch zu sehen sein, wird das Spiel abgebrochen. Harald Lange: „Dieses Papier gibt es bereits seit elf Jahren von der UEFA, jetzt hat der DFB dies auf Beleidigungen gegen Personen umgemünzt.“ Der Sportwissenschaftler hat zu den Fanprotesten eine differenzierte Meinung und spart dabei auch nicht mit Kritik an Dietmar Hopp: „Zivilrechtlich ist sein Vorgehen absolut nachvollziehbar, denn niemand muss sich beleidigen lassen. Allerdings geht er mithilfe seiner Netzwerke sehr massiv gegen die Fankultur vor, was die Situation nur noch weiter eskalieren lässt.“ Doch was sollte Dietmar Hopp sonst tun? „Ich finde, er hätte es ignorieren sollen. Ein Oliver Kahn wäre zu seiner aktiven Zeit nie auf die Idee gekommen, Fans wegen der Bananenwürfe auf ihn zu verklagen“, sagt Lange.

"DFB will sich die Fanszene zurechtbiegen"

So aber sei der Eindruck entstanden, dass der DFB hier mit zweierlei Maß messe. Denn wenige Wochen vor dem Spiel Hoffenheim gegen Bayern wurde beim Pokalspiel zwischen Schalke und Hertha BSC der Berliner Spieler Torunariga massiv rassistisch beleidigt. „Hier gab es aber keinen Spielabbruch, obwohl deutlich zu erkennen war, dass der Spieler psychisch extrem darunter litt“, so Lange. Werde aber ein Milliardär beleidigt, gebe es einen Spielabbruch, so der Eindruck bei den Fans. Für den Sportwissenschaftler gibt der DFB in der aktuellen Diskussion eine unglückliche Figur ab. Lange: „Fans wurden durch die Kollektivstrafen alle in einen Topf geworfen. Es ist wieder mal der Versuch, die ganze Fankultur zu diskreditieren und sogar zu kriminalisieren.“ Er habe den Eindruck, der DFB wolle sich die Fanszene so zurechtbiegen, dass sie in den eigenen Businessplan passe.

Idowa hat dazu konkret beim DFB nachgefragt. Antworten auf die gestellten Fragen gab es jedoch keine. Stattdessen verwies man auf eine allgemeine Pressemitteilung auf der verbandseigenen Homepage. „Aktuell ist vom DFB niemand in der Lage, sich der Presse gegenüber wirklich substanziell zu stellen“, moniert Lange. Stattdessen habe man offene Fragen in den letzten zehn Jahren verschlafen. Für Harald Lange gibt es daher aktuell nur eine Lösung in dieser Problematik: „Der DFB muss die Fans mit ins Boot holen, anstatt sie auszugrenzen.“

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