Expertin im Interview Wie Deutschland bei Tierversuchen EU-Recht umgeht

Sind Tierversuche wie am LPT bei Hamburg noch immer grausamer Alltag in Deutschland? (Symbolbild) Foto: imago

Mitte Oktober sorgte das "Laboratory of Pharmacology and Toxicology" (LPT) in der Nähe von Hamburg für medialen und gesellschaftlichen Aufruhr: Heimlich gefilmte Bilder der Tierschutz-Organisation "Soko Tierschutz" offenbarten die schockierenden Zustände, unter denen Versuchstiere in der Einrichtung dahinvegetierten. Es folgten Demonstrationen, Petitionen zur Schließung des Labors und staatsanwaltschaftliche Ermittungen. 

Der Verein "Ärzte gegen Tierversuche e.V." wies bereits vor Veröffentlichung der Aufnahmen in einer Pressemitteilung darauf hin, dass in Deutschland Nachholbedarf beim Thema Tierversuche besteht. Die seit 2010 bestehende EU-Tierversuchsrichtlinie werde nicht ausreichend eingehalten, es drohe nun eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof. Die Bundesregierung habe Besserung gelobt, jedoch um eine Verlängerung der Reform-Frist bis November 2020 gebeten. Als besonders problematisch werden in der Mitteilung der sogenannte „Forcierte Schwimmtest“, bei dem Ratten so lange in einem Wasserglas schwimmen müssen, bis sie keine Hoffnung mehr auf Rettung haben, und die "Erlernte Hilflosigkeit" durch Tests mit Elektroschocks, denen sich die Tiere nicht entziehen können, genannt.

Im Interview mit idowa eklärt Dr. Gaby Neumann, Pressesprecherin von "Ärzte gegen Tierversuche", ob die Bilder aus dem "LPT" in Deutschland der Regelfall sind – und warum Länder in der EU sogar Probleme bekommen können, wenn sie zu viel Tierschutz betreiben.

In Ihrer Pressemeldung erwähnen Sie ja schon zwei Beispiele von ethisch fragwürdigen Tierversuchen – gibt es denn noch weitere Tierversuche in Deutschland, die Sie nach geltendem EU-Recht als unzulässig einstufen würden?

Dr. Gaby Neumann: Bezogen auf das EU-Recht geht es da um die Versuche mit dem Schweregrad „Schwer“, also solche, bei denen den Tieren besonders schwere Schäden, Leiden oder Ängste zugemutet werden oder die sehr lange andauern. Im EU-Recht besteht wenigstens die Möglichkeit, dass die Mitgliedsländer diese nicht mehr zulassen. Deutschland hat das aber nicht so umgesetzt.

Inwiefern?

Dr. Neumann: Hierzulande ist es so, dass solche Versuche ganz normal genehmigt werden können, wie andere Versuche auch. Das sollte laut EU-Recht so nicht der Fall sein, weil diese Versuche nur in Ausnahmefällen und vorübergehend von den Mitgliedsstaaten genehmigt werden, bevor dann eine Beurteilung durch die EU-Kommission erfolgt. Zusätzlich sollte eigentlich auch immer die sogenannte „Unabhängige Schaden-Nutzen-Abwägung“ stattfinden, die bestimmt, ob genügend Nutzen das Leiden der Tiere rechtfertigt. Das ist in Deutschland nicht der Fall. Die Kommission, die diese Versuche begutachtet, ist nicht unabhängig und hat nur eine beratende Funktion. Die Regierungsbehörden dürfen einen Versuch auch nicht ablehnen, wenn dieser vom Experimentator genügend erklärt wird, wenn also angegeben wird, dass er ethisch vertretbar und wissenschaftlich sinnvoll ist. Dann muss der Versuch „durchgewunken“ werden, das ist also nur eine Plausibilitätskontrolle. Wenn der Antrag der Form entspricht und ausreichend ausgefüllt ist, müssen solche Versuche genehmigt werden.

Welche Versuche stufen Sie als besonders problematisch ein?

Dr. Neumann: Bei den „Schweregrad-Schwer“-Versuchen gibt es neben sowas wie der „Erlernten Hilflosigkeit“ in Deutschland beispielsweise auch noch Toxikologie-Studien über sehr lange Zeit oder Versuche aus der Krebs-Forschung, wo eine sogenannte „Survival-Kurve“ erstellt wird. Das bedeutet, dass den Tieren künstlich Krebszellen eingepflanzt werden, dann entwickeln sie Tumore und dann wird eben geschaut, wie lange diese Tiere überleben. Das ist für uns bei „Ärzte gegen Tierversuche e.V.“ vor allem auch deshalb so fragwürdig, weil es heutzutage innovative und humanrelevante Methoden gibt, mit denen man solche Dinge testen kann, ohne dafür Tiere leiden zu lassen.

Mit welchen Tieren werden diese Krebs-Versuche und Toxikologie-Studien normalerweise durchgeführt?

Dr. Neumann: Die Krebs-Sachen werden hauptsächlich mit Mäusen und Ratten gemacht, aber durchaus auch mit anderen Tieren. Toxikologie-Studien wurden zum Beispiel auch ganz viel dort im LPT-Labor bei Hamburg gemacht – und da wurden, gerade bei Langzeit-Studien, auch ganz häufig Hunde und Affen eingesetzt.

Wie muss man sich das vorstellen? Da werden Tiere vergiftet, um zu sehen, wie die Gifte wirken?

Dr. Neumann: Genau. Langzeit-Toxikologie-Studien gehen über mehrere Wochen bis Monate, häufig sind es 90 Tage oder mehr. Über diesen Zeitraum kriegen die Tiere einen bestimmten Stoff verabreicht, beispielsweise über eine Magensonde, mit Spritzen oder auf die Haut aufgetragen. Gerade wenn es um Hautverträglichkeit geht, wird auch oft mit Kaninchen gearbeitet – und das dann eben auch über sehr lange Zeiträume.

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