Experte im Interview Coronavirus auch eine Gefahr für Deutschland?

Das Coronavirus. Bis jetzt gibt es deshalb etwa 500 Infizierte und 17 Tote. Droht auch eine Ausbreitung bis nach Deutschland? Foto: imago

Eine Lungenkrankheit hält China in Atem: das Coronavirus. Bis jetzt gibt es fast 500 Infizierte und 17 Todesfälle. Und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Denn das Virus breitet sich rasch aus, nicht nur in China. Besteht auch für Deutschland eine Gefahr und wie kann man sich schützen? Antworten darauf liefert im idowa-Interview Professor Dr. med. Bernd Salzberger. Er ist Facharzt für Innere Medizin mit der Zusatzweiterbildung Infektiologie an der Uniklinik Regensburg und zudem 1. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie.

Herr Professor Dr. Salzberger, was genau ist das Coronavirus?

Prof. Dr. Bernd Salzberger: Der Begriff Coronavirus beinhaltet eine Gruppe von Viren, die sowohl bei Menschen wie bei Tieren auftritt, bei Menschen sind bisher sieben Typen bekannt, die nahezu alle Infektionen der Luftwege verursachen. Dazu gehören das SARS-Coronavirus, das 2003 ausgebrochen ist, das MERS-Coronavirus das im Mittleren Osten auftrat und durch Kamele übertragen wurde, und das neue 2019-nCoV, das jetzt in den Schlagzeilen ist.

Und wie hat sich dieses Virus entwickelt?

Prof. Dr. Salzberger: Wir wissen zwar mittlerweile die Genom-Sequenz des neuen Virus, das haben die Kollegen aus China am 12. Januar veröffentlicht, aber über die Entwicklung können wir noch nichts sagen - wir kennen die Quelle noch nicht. Wie bei den beiden vorangegangenenen Entdeckungen SARS- und MERS-CoV geht man aber davon aus, dass sich ein Virus, das bisher bei Tieren Infektionen verursacht hat, so verändert hat, dass es auf den Menschen übertragbar ist. 2019-nCoV ist wie alle anderen Coronaviren ein RNA-Virus und hier sind bei der Vermehrung genetische Veränderungen immer wieder vorhanden und damit kann ein neues Virus entstehen.

Weiß man bereits, wie sich dieses Virus überträgt?

Prof. Dr. Salzberger: Den genauen Übertragungsweg kennen wir noch nicht. Aber vermutlich in Analogie zu den bisher bekannten Coronaviren erfolgt jetzt die Ansteckung über die Atemwege, in der Regel durch kleine Tröpfchen, die beim Husten infizierter Menschen ausgestoßen werden und dann im Nasen-Rachen-Raum des nächsten aufgenommen werden. Fast alle Coronaviren werden über solche Tröpfchen übertragen, das heißt es muss ein direkter und nicht zu weit entfernter Kontakt zu einem Infizierten bestehen, damit man sich anstecken kann. Eine Übertragung durch die Luft über mehrere Meter hinweg ist prinzipiell auch vorstellbar, zum Beispiel wenn ein feiner Nebel von einer Infektionsquelle aus entsteht, unter anderem auf der Intensivstation beim Absaugen eines Patienten, wenn kein geschlossenes System verwandt wird.

Kennt man denn mittlerweile schon den Ursprung des Virus?

Prof. Dr. Salzberger: Wie die ersten Infektionen entstanden sind, ist immer noch nicht klar, fast alle Infizierten waren auf einem Markt in Wuhan. Ob die Quelle dort ein infizierter Händler oder ein Tier war, ist immer noch nicht klar.

Wie ist diese rasend schnelle Ausbreitung zu erklären?

Prof. Dr. Salzberger: Dadurch, dass offensichtlich hier viele Kontakte waren, zum Beispiel durch das chinesische Neujahrsfest, bei dem viele Menschen gereist sind und viel engen Kontakt hatten, ob beim Reisen oder in der Familie. Und Wuhan ist nun einmal eine wimmelnde Millionenstadt. Außerdem gibt es ja noch keine Immunität, das heißt, das Virus infiziert, wenn es denn in den Nasen-Rachen-Raum gelangt, mit hoher Wahrscheinlichkeit.

Was sind denn die ersten Symptome?

Prof. Dr. Salzberger: Nasenlaufen, Husten, Kopfschmerzen und manchmal Fieber, bei schwerer Erkrankung Atemnot - also sehr ähnlich vielen anderen Erkältungskrankheiten.

Wie wahrscheinlich ist es, dass dieses Virus auch Deutschland erreicht?

Prof. Dr. Salzberger: Das hängt davon ab, was die Chinesen jetzt tun. Bei raschen Reisebeschränkungen wird es unwahrscheinlicher, aber insgesamt ist das globale Reiseverhalten so, dass man damit rechnen muss, dass Infektionen auch nach Deutschland eingeschleppt werden. In den USA ist bereits ein Fall aufgetreten.

"Deutschland im internationalen Vergleich gut ausgestattet"

Ist man denn in Deutschland entsprechend darauf vorbereitet?

Prof. Dr. Salzberger: Ja. Das Robert-Koch-Institut gibt laufend die neuesten Nachrichten weiter, es existiert dort auch ein Test auf das neue Virus, ein solcher wird bald auch breit in Deutschland vorhanden sein. Wir sind in Deutschland auch im internationalen Vergleich gut ausgestattet: es gibt mehrere Standorte, an denen man Patienten mit sehr gefährlichen Infektionen behandeln kann, die sogenannten STAKOP-Zentren. Allerdings kommt das für das neue Virus nicht in Betracht: Übertragungen durch Tröpfchen kann man sicher durch andere Maßnahmen auch in fast allen „normalen“ Krankenhäusern verhindern. In vielen deutschen Krankenhäusern gibt es mittlerweile gut ausgebildete Spezialisten für die Behandlung von Infektionen. Und bei aller Sorge ist die Rate an Todesfällen bisher niedriger als beim SARS-Ausbruch 2003.

Was sollten Menschen beachten, die in nächster Zeit von Deutschland aus nach China reisen?

Prof. Dr. Salzberger: Die WHO hat bisher keine Reisewarnung herausgegeben und auch keine Beschränkungen gefordert. Auch wenn die Fallzahl nun rasch hochgegangen ist, sind 500 Fälle in einem Land mit über einer Milliarde Menschen noch als extreme Seltenheit zu bezeichnen. Nach den neuesten Nachrichten scheint Wuhan derzeit nicht als Reiseziel in Betracht zu kommen, alles andere muss zunächst einmal eng beobachtet werden.

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