Erwerbstätige Mütter Nikolaus Melcop: Im Lockdown zwischen Job und Familie

Job und Familie – zwei Welten, die viele Frauen unter einen Hut bekommen. Was aber, wenn die beiden sich in Zeiten des Lockdowns näher kommen als sonst? Laut Dr. Nikolaus Melcop kann das zur Zerreißprobe werden.
Job und Familie – zwei Welten, die viele Frauen unter einen Hut bekommen. Was aber, wenn die beiden sich in Zeiten des Lockdowns näher kommen als sonst? Laut Dr. Nikolaus Melcop kann das zur Zerreißprobe werden. Foto: Collage idowa/PTK/Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Auch in Ostbayern sind immer mehr Mütter mit kleinen Kindern erwerbstätig. Die „zwei Jobs“, die sie normalerweise meistern, können in der aktuellen Lockdown-Krise zur Belastung werden, sagt Dr. Nikolaus Melcop.

Melcop ist Psychologischer Psychotherapeut aus Landshut und Präsident der Bayerischen Landeskammer der Psychologischen Psychotherapeuten und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (PTK). Er erklärt, was im Fall einer psychischen Krise hilft, was zu vermeiden ist, damit es nicht so weit kommt – und warum Selbstwahrnehmung ein wichtiger Schlüssel ist, um die Situation erfolgreich zu bestehen.

Herr Melcop, Job und Familie kann für erwerbstätige Mütter immer eine Doppelbelastung sein. Inwiefern hat sich diese Lage seit dem Lockdown verschärft?

Dr. Nikolaus Melcop: Gerade erwerbstätige Mütter haben durch die Doppelbelastung ein höheres Risiko für eine psychische Krise. Bei den Frauen, die schon in Behandlung sind, können sich Krankheiten eventuell verschlimmern. Darüber, wie viele von den betroffenen Müttern erstmals Beratungs- und Therapieangebote aufgesucht haben, liegen noch keine belastbaren Daten vor. Vermutlich wird das mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung kommen. Momentan sind die therapeutischen Angebote noch nicht sehr durch zusätzliche Anfragen überlaufen. Die betroffenen Frauen sind zu Hause vermutlich doch noch sehr mit der Bewältigung der Situation beschäftigt und schieben die Suche nach Hilfe noch etwas hinaus.

Von welcher Art von psychischer Krise sprechen wir hier?

Melcop: Zunächst sind das emotionale Reaktionen, die bei jedem auftreten können – Gefühle des Überlastetseins, Gefühle von Erschöpfung, von Verzweiflung, Ängste bezüglich der Krankheit natürlich, aber auch Wut und Ärger. Aus diesen Belastungsfaktoren können auch psychische Krankheiten entstehen, etwa eine depressive Störung, eine Angststörung oder latent vorhandene psychische Störungen können schlimmer werden.

Home Office kann zur Spannungssituation werden

Wer hat es zurzeit leichter? Die Mütter im Home Office oder die in den sogenannten systemrelevanten Berufen?

Melcop: Beide Gruppen sind besonderen Belastungen ausgesetzt. Viele von denen, die in die Arbeit gehen, sind in der Regel einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt und einem stärkeren Stress in der Arbeit. Sie haben zwar die Kinderbetreuung nicht als vorrangiges Problem, sofern sie das organisiert bekommen, aber wenn sie nach Hause kommen, sind sie angespannter als sonst und sie nehmen auch die Angst mit, ob sie sich vielleicht angesteckt haben. Bei der Situation im Home Office ist die Doppelbelastung im Vordergrund. Die Zeiteinteilung zwischen Arbeit und Kinderbetreuung und alles auf dem begrenzten Raum, der nun einmal zur Verfügung steht. Das ist eine andere Form von Konflikt und eine andere Spannungssituation, unter der die Frauen leiden.

Manche sagen, erwerbstätige Mütter machen von Haus aus schon quasi zwei Jobs. Wie stehen Sie dazu?

Melcop: Gefährlich ist es, wenn Menschen sich mehr vornehmen, als sie schaffen können. Wenn Frauen in zwei Bereichen hohe Leistungen bringen wollen, ist das immer eine Chance, aber auch ein Risiko, sich selbst zu überfordern, über die eigenen Kräfte zu gehen. Damit steigt auch das Risiko, psychische Symptome zu entwickeln. Man darf aber auch nicht vergessen, dass die Situation für viele Mütter auch eine besondere Form von Zufriedenheit herstellen kann. Es wäre einseitig, die Situation nur als Belastung zu sehen.

Viele Frauen bekommen es gut hin

Also letztlich gibt die Familie auch viel zurück?

Melcop: Unabhängig von der Krise gibt es sehr viele Beispiele von Frauen, die das gut hinkriegen, beidem gerecht zu werden und daraus eine besondere Zufriedenheit und besondere Glücksgefühle schöpfen können. Das trifft auch auf die jetzige Krise zu: Das Erlebnis, das alles zu schaffen ist ein Erfolgserlebnis. Es gibt in der momentanen Krise auch neue Erfahrungen zu machen – Zusammenhalt in der Familie, gemeinsame Erfahrungen wie Spaziergänge.

Wie ist die Lage zurzeit in den Psychotherapie-Praxen in der Region?

Melcop: Zu Anfang der Krise kamen deutlich weniger Patienten in die Praxen. Viele Patienten waren verunsichert und waren sich nicht sicher, ob sie das überhaupt dürfen, waren auch beschäftigt mit der Organisation wichtiger Dinge. Die große Mehrzahl der Kollegen bieten Videosprechstunden an. Seitdem hat sich der Trend umgekehrt und die therapeutischen Angebote werden meistens wieder im normalen Umfang wahrgenommen.

Welche Techniken gibt es für Frauen, über akute Krisen, die aus der jetzigen Situation entstehen, hinwegzukommen?

Melcop: Eine gesteigerte Selbstwahrnehmung ist wichtig, damit es nicht so weit kommt. Bei Stresssymptomen sollte man sofort gegensteuern, für viele ist das Pflegen sozialer Kontakte online da hilfreich, für andere auch Bewegung an der frischen Luft. Wichtig ist auch, sich bewusst Rückzugszeiten zu nehmen, in denen man die Kinder auch mal alleine spielen lässt. Weiterhin ist zu empfehlen, eine klare Struktur zu Hause und im Tagesablauf zu haben. Feste Zeiten für bestimmte Dinge zu haben, ist eine gute Stress-Vorsorge. Und nicht zuletzt: den Fokus sollte man bewusst auch auf die positiven Erfahrungen mit der Situation lenken und dass man einen sinnvollen Beitrag zur Bewältigung der Krise leistet.

Worauf sollten berufstätige Mütter bei ihren Kinder jetzt besonders achten?

Melcop: Einer davon kann sein, dass der Medienkonsum deutlich steigt. In der Krise sollte die Frau sich selbst genau beobachten und herausfinden, was ihr wirklich gut tut. Vieles von dem, was für sie wichtig ist, an sozialen Kontakten oder Bewegungsmöglichkeiten ist nicht oder nur sehr eingeschränkt vorhanden. Gut ist, wenn Kinder zu Hause einen sinnvollen Beitrag leisten können, damit das Zusammenleben gelingt. Für ältere Kinder ist auch ein Sinngefühl wichtig - nicht zuletzt auch als Vorsorge gegen eine spätere Überlastung. Wenn es zu starke Angstgefühle gibt, die nicht aufgefangen werden, kann es im Lauf der Zeitpsychischen Störungen kommen. Die Auswirkungen kommen hier zeitverzögert und auf die müssen wir gut vorbereitet sein.

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