Ernährung Besser essen - länger leben

Stethoskop trifft Gemüse: Dr. Sebastian Göbel setzt bei der Behandlung seiner Patienten auch gesteigerten Wert auf gesunde Ernährung. Foto: Göbel

"Über Ernährung wissen Patienten manchmal mehr als ihr behandelnder Arzt, auch weil dieser Fachbereich im Medizinstudium häufig vernachlässigt wird", erklärt Dr. Sebastian Göbel, der sich als Assistenzarzt in der Ausbildung zum Allgemeinarzt befindet und ab März in Heidenheim an der Brenz tätig ist. An der Universität spiele die Ernährungsmedizin nur eine kleine Rolle. Und doch bietet die Ernährung große Möglichkeiten, um gesund alt zu werden.

Ernährung wurde in der "Burden of Diseases-Studie" als größter Verursacher für Erkrankungen und körperliches Leid in allen industrialisierten Ländern ausgemacht, deutlich vor den Risiken der Bewegungsarmut und des Tabakrauchens. Allein in den USA sind 300.000 bis 400.000 frühzeitiger Todesfälle in Folge von Herz-Kreislauf-Erkrankungen jährlich durch ungesundes Essen verschuldet, meldete das Deutsche Ärzteblatt.

Einfachste Veränderungen der Ernährung wirken

"Bereits einfachste Veränderungen können schwere Erkrankungen um Jahre verzögern, manche gänzlich verhindern oder auch heilen", sagt Göbel. Er belegt mithilfe neuer Studien, dass beispielsweise bei Menschen mit Prädiabetes, also in einem Stadium, in dem die Blutzuckerwerte bereits erhöht sind, die Änderung des Lebensstils effektiver wirkt als übliche Medikamente. "Achtet man nur auf vier von fünf Punkten - fünfprozentige Gewichtsreduktion, moderate Bewegung von etwa 30 Minuten pro Tag, weniger als 30 Prozent der Kalorien in Form von Fett, weniger als zehn Kalorienprozent gesättigte Fette und über 30 Gramm Ballaststoffe pro Tag - tritt ein Diabetes mellitus Typ 2 erst gar nicht ein. Die Patienten merken die Veränderung schnell und bleiben dann auch motiviert."

Göbel fordert, die Patienten vollständig aufzuklären und zu unterstützen. "Im Dschungel der Ernährungsempfehlungen sollte man klar aufzeigen, wie wirksam und tiefgreifend die Ernährungstherapie in das Krankheitsgeschehen eingreifen kann, und so dem Patient die Möglichkeit bieten, in Eigenverantwortung für sich selbst zu sorgen und sich gesund zu erhalten. Essen ist sehr emotional besetzt. Es geht hier nicht um Schuldzuweisungen, sondern um ein positives Vorwärtsgehen in die richtige Richtung. Herzpatienten haben in den Studien schon nach drei Wochen deutlich weniger Symptome. Natürlich kann dass auch bedeuten, dass ich auch Ehepartner, die für die Zubereitung des Essens zuständig sind, mit berate - ohne sich dogmatisch aufzudrängen. Letztendlich entscheidet der Patient." Im Vergleich verschiedener Studien, die untersuchen, wie effektiv Medikamente oder Lebensstiländerung bei koronaren Herzkrankheiten wirken, konnten rein statistisch durch fettarme herzschützende Kost etwa fünfmal mehr Patienten vor dem Tod bewahrt werden als durch einzelne Medikamente.

Arteriosklerose kann sich vollständig zurückbilden

Schon in den 90er Jahren bewiesen amerikanische Forscher um Dean Ornish, dass sich Arteriosklerose, also die Ablagerungen in den Blutgefäßen, zurückbildeten - durch deutlich pflanzenbasierte Ernährung mit wenig tierischen Produkten. Studien von 2014 zeigen dass nach rund vier Jahren damit 94 Prozent der Patienten weniger Symptome hatten und bei 22 Prozent die Herzgefäße wieder komplett frei von Ablagerungen waren.

Die Ernährungsrisiken unserer westlichen Kultur sind der Haupt-Risikofaktor für Erkrankung (nichtinfektiöse Erkrankungen wie Diabetes, Herzerkrankungen, wie Herzinfarkt, Krebs, etc.), das hat sich für die USA, aber auch für Deutschland gezeigt und wurde in den einschlägigen medizinischen Journals veröffentlicht. Man geht davon aus, dass die Hälfte der frühzeitigen Herz- und Diabetes-Todesfälle durch relativ einfache Ernährungsänderungen zu verhindern wären.

Göbel betont: "Es geht hier nicht um Quantität. Die Patienten dürfen sich sattessen, nur eben an den richtigen Dingen: unverarbeitete Lebensmittel, frisches Gemüse, Obst, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse, minimal Öl zum Braten, jedoch möglichst wenig tierische Proteine und möglichst keine verarbeiteten Fleischprodukte. Jeder noch so kleine Schritt in diese Richtung hilft." Er schildert den Fall einer 41-jährigen Patientin mit Diabetes Typ 2. Sie nahm mit diesen Empfehlungen innerhalb von fünf Monaten zehn Kilogramm ab und ihre Blutzuckerwerte lagen wieder völlig im Normbereich.

"Es ist nachweisbar, dass diese Umstellung bei richtiger Information des Patienten (und des Arztes) auch wirklich erreichbar ist. Der Arzt ist für die Behandlung verantwortlich und kann als Person des Vertrauens viel erreichen. Das setzt im Gesamtpaket bei Kindern und Jugendlichen an, die mit Allergien, Akne oder Neurodermitis in die Praxis kommen", sagt Göbel. Ernährungsmedizin werde oft von Patienten nachgefragt und könne ergänzend oder im frühen Stadium der medikamentösen Therapie vorauseilen. Dies fordern die offiziellen Leitlinien ja bereits beispielsweise bei Diabetes und Hypertonie. "Jedoch spielt die Ernährungsmedizin in der alltäglichen Praxis bisher keine bedeutende Rolle. Als Grund sehe ich hierfür die fehlende Finanzierung durch Krankenkassen, aber auch die fehlende Wertschätzung an der Universität und dadurch fehlende Ausbildung unserer Mediziner", so Göbel weiter.

Natürlich gebe es weitere Ansatzpunkte, einen gesunden Lebensstil zu fördern, Schulobstprojekte beispielsweise. Als Mediziner fordert Göbel aber seine Zunft auf, den Forschungsergebnissen Rechnung zu tragen. In seiner bisherigen sechsjährigen praktischen Ausbildung in verschiedenen Bereichen habe bisher die Ernährungsmedizin stets einen zu kleinen Stellenwert gehabt.

Essen, um zu leben

Neben der Behandlung von Krankheiten sollten wir den Weg finden zu einer Ernährungs- und Lebensstilmedizin zur Prävention, aber auch als Therapie bei bereits eingetretener Erkrankung. Bereits 2013 forderten amerikanische Ärzte: "Wenn wir Übergewicht und chronischen Krankheiten entgegenwirken wollen, sollten wir unsere Lebenseinstellung ändern - statt "Leben, um zu essen" sollten wir "Essen, um zu leben". Göbel schließt sich an. "Die Ernährungstherapie ist wirksam und muss fester Bestandteil des ärztlich-therapeutischen Handelns werden."

 

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