Eine Reise zum norwegischen Archipel Leben am Limit in Spitzbergen

Imposanter Anblick: Das Schiff stoppt in einer abgelegenen Bucht. Foto: Rainer Hamberger

Remi steuert das Zodiac-Boot zielsicher zwischen Eisbergen und kleineren Schollen hindurch. Im glasklaren, blauschwarzen Meerwasser schwimmen sie in unterschiedlicher Größe.

Der Bootsboden muss einiges aushalten. "Macht euch keine Gedanken", ruft Remi durch den Motorlärm, "das ist ganz normal", meint er und manövriert elegant um einen kleinen Eisberg. Remi ist im Elsaß geboren und in Südfrankreich aufgewachsen. Seit vielen Jahren ist er als Guide bei "Spitsbergen Travel" beschäftigt und spricht mehrere Sprachen.

Wir halten einen respektvollen Sicherheitsabstand von der etwa 40 Meter hohen Eiswand, die der Smeerenburgbreen langsam aber stetig in den Fjord schiebt. Sollte ein Teil der Vorderfront des Gletschers kalben, würde die Flutwelle solch ein Boot sprichwörtlich verschlucken. Remi stellt den Motor ab. Es herrscht unwirkliche Stille. Die Bühne der eisigen Natur schenkt unwirkliches Licht zwischen glitzernden Eisbrocken, dazwischen glänzt der glatte Meeresspiegel unter der arktischen Sonne vor gleißenden Eisriesen im Hintergrund.

Zurück an Bord wärmen wir uns mit heißem Kaffee oder Tee. Expeditionsreisen in der Arktis, Umrundung von Island, Erkundung von Eisbergen bei Grönland oder die Gewässer an der Antarktis erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Dabei werden Komplettreisen angeboten, inklusive aller Flüge und Exkursionen. Es ist die Stille und Abgeschiedenheit, die dort erlebt wird, inmitten einer Naturlandschaft von seltener Wildheit.

"In einem Stück nach Hause kommen"

Es ist Juni und der Frühling verwöhnt die 2.000 Einwohner Spitzbergens mit ununterbrochenem Tageslicht. Kein Wunder, dass diese Jahreszeit auch bei Reisenden aus dem Süden beliebt ist. Außerhalb von Siedlungen ist es nicht erlaubt, ohne scharf geladenes Gewehr unterwegs zu sein, denn es gibt fast doppelt so viele Eisbären auf Spitzbergen wie Einwohner. So hat Remi bei unseren Anlandungen in der Wildnis immer sein Gewehr bei sich. Seit längerem stehen sie unter Schutz, sie halten sich bevorzugt an der Küste und auf Eisschollen auf, da die dort auftauchenden Seehunde zu ihren Hauptnahrungsquellen gehören. Jedoch überqueren sie Landzungen und Gebirgszüge, um zu einem anderen Fjord zu gelangen. Ein Eisbär kann auf mehrere Kilometer Entfernung einen Seehund riechen, der zudem unter dem meterdicken Eis schwimmt. Immerhin liegt der letzte fatale Angriff eines der Raubtiere auf Menschen schon einige Jahre zurück. "Bleibt alle zusammen in einer Gruppe", schärft Remi uns bei einer Wanderung entlang einsamer Ufer immer wieder ein. "Schließlich soll jeder von euch zu Hause in einem Stück ankommen!"

Norwegen hat die Verwaltung von Spitzbergen gemäß dem Spitzbergenvertrag von 1920, der in Versailles von 41 Nationen unterschrieben wurde und fünf Jahre später in Kraft trat. Alle Nationen, welche den Vertrag unterzeichneten, dürfen auf Spitzbergen leben und arbeiten. Eigentlich nennt sich das Archipel Svalbard, das bedeutet: kalte Küste. Lediglich die größte Hauptinsel mit der Hauptstadt Longyearbyen heißt Spitzbergen. Es ist auch die einzige der Inseln am 80. Breitengrad, in der Mitte zwischen Nordkap und Nordpol, die dauerhaft bewohnt ist.

Wissenswertes über die Forschung und Versorgung

Etwa 200 Kinder besuchen die öffentliche Schule in der Hauptstadt. Während des Zweiten Weltkrieges war sie von den deutschen Kriegsschiffen Scharnhorst und Tirpitz in Brand geschossen worden. Heute machen Besucher aus Deutschland einen beträchtlichen Teil der abenteuerlustigen Touristen aus. Für das tägliche Wasser sorgt eine zehn Meter dicke Eisdecke, ein immer gefrorenes Reservoir östlich der Siedlung. Die 42 Kilometer Straßen sind nur im Sommer mit dem Auto befahrbar. Im Winter bringen 4.000 Schneemobile die Menschen überall hin.

Im Sommer stehen sie wie Dekorationen vor und hinter den Häusern im grellen Tageslicht. Da es nachts fast genauso hell ist wie tagsüber, sind die Bürger erfinderisch. Spitzbergengardinen werden billig selbst gemacht. Entsprechend zugeschnittene Alufolie klebt sehr sicher auf Fensterscheiben, die vorher mit etwas spülmittelhaltigem Wasser angesprüht werden und das macht die Schlafräume absolut dunkel. Auch hat man in der Hauptstadt ein Krankenhaus für Notfälle. Allerdings müssen schwangere Frauen spätestens sechs Wochen vor dem voraussichtlichen Geburtstermin die Inselgruppe verlassen und zum Festland zurückkehren. Man versucht fast alles, um das Leben hier oben erträglich bis attraktiv zu gestalten. Auf der Universität für arktische Naturwissenschaften kann man sogar den Magister oder Doktortitel erwerben. Der Lehrbetrieb erfolgt auf Englisch.

Waljagd, Wissenschaft und Kohlegruben

Schon vor 700 Jahren kamen die so genannten Pomoren, wie sich ein russisches Volk aus der Region südlich von Murmansk nannte. Während der folgenden Jahrhunderte hielten sich viele Russen auf Spitzbergen auf, hauptsächlich in Barentsburg. Heute sind es noch ungefähr 500 Personen, mit meist ukrainischen Wurzeln. Für die Einwohner gibt es eine Sporthalle mit Schwimmbad sowie eine Bibliothek, für die Touristen einen Souvenirladen, Bibliothek und ein modernes Hotel. Männer arbeiten in unsicheren Kohlengruben, die schräg unter dem Fjord verlaufen und unfallträchtig sind. Es werden jährlich 120.000 Tonnen Steinkohle gefördert, davon 25 Prozent für den Eigenverbrauch. Der größere Teil wird exportiert.

Deutlicher können Kontraste nicht sein: Halb verfallene Holzhäuser, gebrochene Fenster, Wände mit verschimmeltem Fiberglas, das an den Ecken herausquillt, stehen zwischen grell gestrichenen Neubauten, wie etwa einem Sportzentrum mit Souvenirladen und über allem wacht eine Statue von Lenin, nass vom Schneeregen. Als krönender Abschluss eines Besuches wird typisch russische Folklore mit nostalgischer Musik auf einer Bühne hinter dem Souvenirladen aufgeführt. Ein heftiges Pendant zur Trostlosigkeit draußen.

Das Schiff hat in Ny-Ålesund angelegt. Die mit dem früheren Bergbau entstandenen Gebäude wurden einer Nutzung für wissenschaftliche Zwecke umgewidmet und bilden die bauliche Grundlage der Polarforschungsstation.

Einige Holzhäuser kann man besichtigen. Tapete löst sich von der Wand, Eisenbetten, ein Dreirad und wacklige Möbel zeugen wehmütig von vergangenen Zeiten. Hier in der nördlichsten dauerhaft bewohnten Wissenschaftssiedlung überhaupt leben im Winter etwa 30 und im Sommer bis zu 120 Menschen. Klimawandel, Nordlichter, Pflanzenwachstum unter arktischen Bedingungen sind nur einige der Forschungsprojekte. Am Ortsrand weiden wilde Rentiere.

"Eigentlich bin ich in Rente und vertrete nur einen ausgefallenen Kollegen", erzählt uns Kapitän Tormod Karlsen auf der Brücke. "Aber derzeit ist es interessant, wir beobachten dieses Jahr, dass Fjorde komplett eisfrei sind, die man bisher auch im Sommer kaum befahren konnte. Irgendetwas ist da im Gange", meint er stirnrunzelnd mit Verweis auf die Erwärmung der Polarmeere. "Aber ich liebe die Arktis, kein TV, kein Internet, kein Handy-Netz auf dem Schiff, was für eine Ruhe."

Kaum hat er es ausgesprochen, hören wir über die Lautsprecheranlage, wie Remi auf Englisch, Norwegisch, Französisch und Deutsch eine Durchsage macht: "Liebe Fahrgäste, rechts vor dem Schiff begleitet uns ein großer Buckelwal."

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