Ein Arzt im Interview E-Zigaretten: "Keine gute Risiko-Aufklärung"

Das Bundesministerium für Risikobewertung (BfR) rät in einer aktuellen Veröffentlichung vom Selbstmischen sogenannter "E-Liquids" für elektronische Zigaretten ab, da in bestimmten Inhaltsstoffen gesundheitsschädliche Öle enthalten sein könnten. idowa hat darüber mit einem Mediziner gesprochen.

Prof. Dr. Martin Storck ist Facharzt für Gefäß- und Thoraxchirurgie am Klinikum Karlsruhe und setzt sich für eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Produkt "E-Zigarette" ein. Als Gefäß-Chirurg hat er es oft mit den Auswirkungen des Zigarettenkonsums auf das Herz-Kreislauf-System zu tun – und als Thorax-Chirurg sieht er, was sie in der Lunge anrichten. Storck glaubt, dass E-Zigaretten eine relativ risikoarme und zudem kostengünstige Methode zur Rauch-Entwöhnung darstellen könnten. Darum hält er Ärztekonferenzen zum Thema ab und hat bereits mehrere Artikel veröffentlicht. Im Interview mit idowa erklärt er, warum er den Ruf der E-Zigarette verteidigt – und dass "Liquid" nicht gleich "Liquid" ist. 

Herr Professor Storck, das Bundesinstitut für Risikobewertung rät in einer Pressemitteilung vom 15. November davon ab, "Liquid" für E-Zigaretten selbst zu mischen, weil in bestimmten Misch-Produkten Mineral- und Pflanzenöle enthalten sein könnten. Wie stehen Sie dazu?

Prof. Dr. Martin Storck: Das ist soweit absolut korrekt. Auch das Institut für Suchtforschung empfiehlt, nur solche Liquids zu kaufen, die man im Fachhandel bekommt. Denn die Zwischenfälle in den USA und jetzt auch erstmalig in Belgien sind darauf zurückzuführen, dass die Lunge auf bestimmte Öle, Aerosole [Flüssige Schwebeteile in Gas, z.B. Dampf - Anm. d. Red.] oder cannabishaltige Beimischungen mit dem sogenannten EVALI-Syndrom reagiert. Das ist kurz für "E-Cigarette Vapor Associated Lung Injury" und fasst als neues Syndrom verschiedene Erkrankungen zusammen, bei denen eine Art Fettschicht auf den Lungenbläschen entsteht – was zu lebensbedrohlichen Atemstörungen und zum Tode führen kann. In den USA wurden jetzt schon etwa 40 Todesfälle gemeldet, wobei man ganz klar sagen muss, dass hier laut FDA ["Food and Drug Administration", die amerikanische Lebens- und Arzneimittelüberwachungsbehörde Anm. d. Red.] kein Zusammenhang mit den E-Zigaretten an sich besteht, sondern ausschließlich mit selbst gemischten, gefährlichen Inhaltsstoffen. Und auch das BfR in Deutschland kommt kaum hinterher, diese ganzen illegalen Substanzen ordentlich zu untersuchen. Man müsste also eigentlich die Öffentlichkeit viel stärker darauf aufmerksam machen, dass es sehr gefährlich ist, die E-Zigarette mit selbst hergestellten Liquids zu befüllen. 

Es gibt ja aber auch im Fachhandel die einzelnen Komponenten zum Selbstmischen von E-Liquid zu kaufen, also Aromen, flüssiges Nikotin und die "Base" aus Wasser und Glyzerin. Sind diese Produkte denn dann auch gefährlich?

Prof. Dr. Storck: Nein. Da geht es wirklich um Stoffe, die nicht in offiziellen Shops zu haben sind und die "off-label" dazugemischt werden. Wenn man die Produkte, die in den Läden verkauft werden, "on-label" verwendet, so wie vorgesehen, dann ist das auf jeden Fall nicht das Problem. Und die 10 Millionen E-Zigaretten-Raucher in den USA, die das so machen, haben ja auch keinen Schaden davongetragen. 

"Regulär verwendete E-Zigaretten sind 95% weniger schädlich als Rauchen"

Also gibt es bei den Erkrankungen und Todesfällen in den USA schon einen Zusammenhang zum Selbstmischen?

Prof. Dr. Storck: Schon, aber es ist bei diesen Fällen und auch bei dem Fall in Belgien ganz eindeutig erwiesen, dass das immer Personen waren, die untypisches Liquid verwendet haben. Das haben die Pathologen bei der Obduktion der Todesopfer auch so festgestellt. In diesem Fall würde ich mich also darauf verlassen, was die FDA publiziert – nämlich, dass regulär verwendete E-Zigaretten mit kommerziell erhältlichen Liquids hier nicht verantwortlich sind. Die FDA spricht sogar davon, dass das 95 Prozent weniger schädlich ist als eine normale Zigarette. Solche Stellungnahmen werden aber leider längst nicht genug in den Medien transportiert.

95 Prozent? Das klingt jetzt aber schon unrealistisch! Wie soll denn das zustande kommen?

Prof. Dr. Storck: Der große Vorteil der E-Zigarette besteht ja darin, dass viel weniger Kohlenmonoxid, Formaldehyd und andere Schadstoffe freigesetzt werden, die bei der Tabak-Verbrennung entstehen. Denn es wird ja nichts verbrannt, es entsteht nur eine Art Dampf. Wenn man also die Tabak-Verbrennung mit der E-Zigarette "eliminiert", dann ist das ein Riesen-Schritt Richtung Schadstoffreduktion. Der zweite Schritt ist dann, dass der Raucher vielleicht auch noch das Nikotin weglassen kann und nur die Gewohnheit, Dampf zu inhalieren, beibehält. Das ist dann sogar noch besser, denn natürlich muss man sagen: Nikotin ist auch nicht so richtig gesund und hat Effekte auf Muskeln, Herz und Kreislauf. 

"Das eigentlich Gefährliche ist die Tabak-Verbrennung"

Moment, ist Nikotin also nicht der schädlichste Stoff beim Rauchen?

Prof. Dr. Storck: Es ist definitiv gut, wenn man auf das Nikotin komplett verzichten kann – und die medizinische Leitlinie zur Rauchentwöhnung ist auch ganz klar: Zum Ziel gehört neben der Rauch- auch die Nikotin-Entwöhnung. Aber: Die offizielle Diagnose lautet zwar "Nikotin-Missbrauch" – das wirklich Gefährliche allerdings ist die Tabakverbrennung. Was übrigens auch ganz schlecht ist, ist der sogenannte "Dual-Use", also zwei oder drei Zigaretten am Tag zu rauchen und ansonsten die E-Zigarette zu dampfen. Das bringt gar nichts, das können Sie direkt vergessen. Man muss schon die Zigarette ganz weglassen. 

Okay, und angenommen ich bin jetzt Asthmatiker oder sonst wie lungenkrank? Kann ich dann einfach so E-Zigarette rauchen?

Prof. Dr. Storck: Nein, also Asthmatiker oder andere Lungenkranke dürfen überhaupt gar nichts inhalieren, da besteht absolute Einigkeit. Überhaupt: Jede Art der Inhalation ist nicht wirklich gesund, das sagt Ihnen jeder Lungenfacharzt.

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