Ehemaliger Freisinger Wirt auf Expediton Tanguy (52) und das Abenteuer in der Antarktis

Die Forschungsstation "Neumayer III" in der Antarktis - schon bald über ein Jahr lang das neue Zuhause für Tanguy Doron und zehn Wissenschaftler. Foto: imago/Doron

Aus der Gastro-Szene von Freising war Tanguy Doron mit seinem Restaurant „La Petite France“ lange Jahre nicht wegzudenken. Immer wieder kämpfte er hart dafür, den Traum vom eigenen Lokal irgendwie am Leben zu halten. Mittlerweile lebt er einen anderen Traum: Er nimmt ab 20. Dezember als Koch an einer Expedition teil und reist mit der „Polarstern“ in die Antarktis.

Abenteuer in der Eiswüste statt Überlebenskampf in der Gastronomie. Schon lange Zeit vor der Corona-Krise beschloss Tanguy Doron, gewissermaßen umzusatteln. Nein, nicht etwa, indem er die Kochschürze an den Nagel hing. Vielmehr wollte er sich von mentalem Ballast befreien und seinen Job als Koch, den er bereits seit 1983 ausübt, wieder so richtig lieben lernen. Um das zu erreichen, entschied er sich, nicht mehr als Restaurant-Inhaber an vorderster Front in der Verantwortung zu stehen.

Als Sternekoch Christian Rach das "La Petite France" retten wollte

Ein Rückblick: Von 2009 bis Ende 2016 leitete Tanguy Doron das kleine, aber schmucke Restaurant „La Petite France“ in Freising. Der Start hatte sich äußerst holprig dargestellt. Nicht zuletzt deshalb legte Doron im September 2010 die Karten offen auf den Tisch und suchte nach professioneller Hilfe. Und die kam von niemand geringerem als Sternekoch Christian Rach, der damals noch im Rahmen seiner RTL-Show „Der Restauranttester“ angeschlagenen Gastronomen wieder auf die Beine half.

Im Fall des „La Petite France“ anfangs mit Erfolg. Denn auch durch den gestiegenen Bekanntheitsgrad kamen plötzlich deutlich mehr Gäste in das Freisinger Restaurant. Doch der Effekt verpuffte. Anfang 2017 brach Doron seine Gastro-Zelte in Freising ab und übernahm ein Gasthaus in Miesbach. Der heute 52-Jährige erinnert sich: „Der Start war super. Im Sommer war das Lokal jeden Tag proppenvoll. Aber kaum war der Sommer vorbei, war alles wie ausgestorben.“ Er habe im Nachhinein erfahren, dass er bereits der sechste Wirt in Folge gewesen sei, der sich an dieser Lokalität die Zähne ausbiss.

Bei der Vorbereitung in eine Gletscherspalte gestürzt

Was tun? In ein "normales" Angestelltenverhältnis als Koch wollte Tanguy Doron nach seinen Erfahrungen nicht zurück. Es zog ihn zunächst in die Schweiz, wo er bei Events kochte. „Ende 2019 habe ich mir dann meine Gedanken gemacht, wie es weitergehen soll. Und da fiel mir ein, dass es da etwas gab, das ich immer schon einmal machen wollte: an einer Expedition teilnehmen“, berichtet Tanguy Doron gegenüber idowa. Bis dahin war das wegen seiner persönlichen Verpflichtungen nie möglich gewesen und er hatte diesen Traum immer hinten angestellt. Doron: „Dann wurde mir klar, dass ich nichts zu verlieren hatte und dass es wohl keinen besseren Zeitpunkt geben würde.“ Er bewarb sich als Koch für die Forschungsstation „Neumayer III“ am Alfred-Wegener-Institut (AWI) in der Antarktis. Und siehe da: Er bekam die Zusage.

Doch mit der Zusage allein war es noch nicht getan. Denn wer über ein Jahr in der Antarktis leben und arbeiten will, der muss nachweisen, dass er kerngesund ist. Deshalb musste sich der Koch diversen Gesundheitstests unterziehen. Erst als er sie bestanden hatte, zog er nach Bremerhaven um und bereitete sich auf die Aufgabe in der Antarktis vor. „Wir reisten in die österreichischen Berge und übten das richtige Abseilen und Rettungsmanöver im Gletscher“, erinnert sich der 52-Jährige. Für ihn eine durchaus schmerzvolle Lehrstunde. Denn Tanguy Doron fiel bei einer Übung in eine Gletscherspalte und verletzte sich am Oberschenkel. Dabei lernte er aber auch eine wichtige Lektion: Respekt vor der Natur und unbedingte Wachsamkeit bei der Bewegung im Gelände. Doron: „Ich habe auf jeden Fall Respekt davor und auch vor der Aufgabe an sich.“

Respekt "ja", aber Angst "nein". Knapp 14 Monate wird der ehemalige Freisinger Wirt nun gemeinsam mit zehn Wissenschaftlern in der Forschungsstation „Neumayer III“ in der Antarktis verbringen. Seine Aufgabe ist es, für die Expeditionsteilnehmer in kulinarischer Hinsicht zu sorgen. Neben den besonderen Umständen ist das für den routinierten Koch auch in einer weiteren Hinsicht eine neue Herausforderung. Denn entgegen seiner bisherigen Routine kann er nicht jeden Tag frische Zutaten besorgen. Bereits im Vorfeld muss alles genau, alles minutiös geplant sein. Kalkuliert werden muss für 14 Monate am Stück und nicht für Tage oder wenige Wochen.

Eine Expedition in Zeiten von Corona

In den antarktischen Sommermonaten besteht eigentlich die Möglichkeit, über Kapstadt frische Zutaten an die Forschungsstation liefern zu lassen, doch wegen der Corona-Pandemie ist das bei dieser Expedition erstmals nicht möglich. Gegessen wird dreimal am Tag. Monatelang müssen zehn Forschungsmitglieder verköstigt werden, wenn das nächste Team zur Übergabe anreist, sogar zwischenzeitlich 20 bis 30 Personen. Doron: „Da muss ich jetzt natürlich schon meine Hausaufgaben machen. Ich darf nichts vergessen und keinen Fehler machen. Denn vor Ort kann ich nicht mal eben zum Einkaufen gehen.“

Dabei ist bei den Temperaturen in der Antarktis auch das besondere Essverhalten zu berücksichtigen. „Es wird dort sicher mehr Fleisch gegessen als sonst. Bei Gemüse und Obst können wir fast nur auf Tiefkühlprodukte zurückgreifen“, sagt der 52-jährige Koch. Zum Glück für die Teilnehmer gibt es an der Forschungsstation allerdings ein ebenso spannendes wie nützliches Projekt namens „Garten Eden“. Dabei handelt es sich um einen Container, in dem eine Botanikerin Gemüse und Salat züchtet. Mit den Erzeugnissen kann vermutlich wenigstens ein Teil des Vitaminbedarfs gedeckt werden. Den Vitaminhaushalt zu überwachen ist bei den Außenbedingungen in der Antarktis absolut notwendig. Tanguy Doron: „Weil wir dort kaum Tageslicht haben, ist Vitamin D ein sehr großes Manko. Deshalb wird uns der Arzt vor Ort auch regelmäßig untersuchen und uns notfalls Vitamin D verabreichen.“

Überhaupt die Situation in der Pandemie: Ein Corona-Ausbruch im Team wäre das Letzte, was man brauchen kann, wenn man monatelang in der Antarktis eng zusammenleben und -arbeiten muss. Deshalb werden auch hier entsprechende Vorkehrungen getroffen. „Wir dürfen seit ein paar Monaten nur noch die absolut nötigsten Kontakte zur Außenwelt haben. Dazu werden wir regelmäßig getestet und müssen vor der Abreise allesamt in Quarantäne“, erklärt der gebürtige Franzose den Ablauf. Und weil wegen der Corona-Pandemie eine Anreise per Flugzeug nicht möglich ist, wird Tanguy Doron samt Forscherteam einen Monat lang mit dem Schiff anreisen – mit der „Polarstern“. Auch während dieser langen Schiffsreise wird regelmäßig kontrolliert, ob Passagiere Corona-Symptome aufweisen. Im Notfall wird dann entsprechend reagiert.

Trotz all dieser Hindernisse freut sich der 52-Jährige wie ein kleines Kind auf das Abenteuer seines Lebens. Doron: „Ich habe nicht studiert, ich bin kein Wissenschaftler, sondern nur ein Koch. Aber schon jetzt habe ich so viel dazugelernt. Es ist einfach spannend und eine riesige Erfahrung.“ Zumal ihm einige seiner Koch-Vorgänger in der Antarktis bereits den Mund wässrig gemacht haben: „Sie haben mir alle gesagt, dass dieses Naturspektakel dort gigantisch ist.“ Nach einer langen Leidenszeit als Wirt in Oberbayern an den Herd einer Forschungsstation in der Antarktis – für Tanguy Doron geht im Dezember sein Wintermärchen in Erfüllung.

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