Zehn Jahre lang Hunger nach Heroin Was der tödliche Stoff aus einem Straubinger machte

„Eine Heroin-Sucht ist so viel schlimmer, als man es sich vorstellt“, sagt Fabian heute. Foto: Frank Leonhardt/dpa

Fabian führt heute ein fast normales Leben. Das hätte der Straubinger wohl selbst nicht erwartet. Denn der 33-Jährige kämpfte sich aus einem Teufelskreis, an dem viele zugrunde gehen: Sein Leben drehte sich ein Jahrzehnt lang um Heroin.

Fabian setzt die Nadel an, sie durchdringt die Haut, das Heroin gelangt in die Blutbahn. Er spürt die Droge wie einen warmen Strom durch die Venen fließen. Dann steigt sie in den Kopf. Das Gefühl, das er spürt, kann er nur schlecht beschreiben. Eine angenehme Wärme breitet sich aus, er fühlt sich geborgen, sorgenlos.

Fabian (Name von der Redaktion geändert) wächst in einem Umfeld auf, in dem Drogen dazugehören. Beide Elternteile sind süchtig. „Meine Mum lag wegen Morphium öfters mal bewusstlos da“, erinnert sich der heute 33-Jährige.

Beim ersten Mal schnupft Fabian das Heroin

Mit etwa 13 Jahren beginnt Fabian zu kiffen. Dabei bleibt es nicht. Er probiert weitere Substanzen aus, wie Koks oder Speed und Opioide wie Tramal. Angst vor den Stoffen hat er keine. Damals findet er das Ganze irgendwie cool, diesen verruchten Lifestyle, diese „Menschen mit Augenringen“.

Mit 18 Jahren schnupft Fabian das erste Mal Heroin. Es ist die erste Droge, vor der er Respekt hat. Doch – überraschenderweise – verspürt er keine besondere Wirkung. Die kommt aber, als er sich bald darauf das erste Mal Heroin spritzt. Von da an gehört die Droge zu seinem Alltag. Zweimal täglich, einmal morgens, einmal abends, spritzt er sich den Stoff in die Venen. Damals kosten ihn die 0,3 Gramm Heroin pro Tag um die 30 Euro. Später wird sich Fabian jeden Tag 1 Gramm spritzen.

Als er nach einigen Wochen die Droge weglässt, spürt er das erste Mal einen Entzug. Es fühlt sich an wie eine Grippe. „Die Nase läuft, du hast Gliederschmerzen“, erzählt Fabian. Doch dieser erste, eher mild verlaufende Entzug ist harmlos gegen die vielen weiteren, die noch kommen werden. Entzüge, die so schmerzhaft sind, dass er es nicht aushalten wird. Bald fängt Fabian wieder mit dem Spritzen an. Mit der Droge verliert er auch seine alten Freunde. Er hängt nur noch mit Leuten rum, die, wie er, Heroin konsumieren. Fabian beginnt mehrere Ausbildungen. Und fliegt jedes Mal raus. Weil die Arbeitgeber sein Drogenproblem bemerken. Er kommt zum Beispiel mal mit Blutflecken auf dem Shirt in die Arbeit, die sich dort beim Spritzen verteilt haben.

Fabian dealt mit Speed, um an Geld zu kommen. Seine Wohnung verwahrlost immer mehr. „Da lag nur eine Matratze drin und ein kleiner Fernseher. Wie man es eigentlich aus so Filmen kennt“, erinnert er sich.

Seine Freundin stirbt nach einem Schuss direkt neben ihm

Richtig schlimm wird Fabians Sucht, als er wegen seiner damaligen Freundin in die Nähe von Frankfurt am Main zieht. Die Drogenszene dort ist mit der in Straubing nicht zu vergleichen. Fabian sieht immer verwahrloster aus, wiegt irgendwann nur noch 50 Kilogramm. „Wenn du süchtig bist, ist der Körper darauf programmiert, wann er den nächsten Stoff bekommt. Das Hungergefühl geht da unter“, erzählt er.

Winter 2012. Fabian sitzt mit seiner neuen Freundin und zwei Kumpels im Auto. Gemeinsam setzen sie sich einen Schuss. Nach etwa einer Stunde im Dämmerzustand meint Fabian zu seiner Freundin neben ihm, dass sie weiterziehen könnten. Keine Reaktion. Er berührt ihren Arm. Sie ist eiskalt. Fabian erschrickt über die Kälte, die sie ausstrahlt. Sie ist tot. Unbemerkt gestorben neben ihm. Seine Freunde und er nehmen die Drogen aus ihrer Handtasche, legen die Verstorbene neben das Auto, rufen einen Krankenwagen und machen sich davon. Verabschieden von ihr kann er sich nicht.

Auch Fabian selbst kommt dem Tod nah. Nach einer Überdosis ruft ein Freund den Krankenwagen. Ein Arzt holt ihn mit einer Herzdruckmassage zurück ins Leben.

2015 kehrt Fabian nach Straubing zurück. In Kliniken probiert er um die 15 Entgiftungen. Die Schmerzen, die ihn dort heimsuchen, sind die schlimmsten, die er je hatte. „Dagegen sind Knochenbrüche wirklich nicht dramatisch“, sagt Fabian.

Ohne Heroin kann er plötzlich wieder riechen. Er nimmt wahr, wie unangenehm er selbst riecht. Fabian muss sich ständig übergeben, hat Durchfall, ihm wird heiß, dann kalt. Sein Körper schmerzt so stark, dass er es nicht aushält. Sogar der Duschstrahl fühlt sich auf seiner Haut an wie tausend Nadelstiche. „Ich bin von der Entgiftung oft nach so zwei Tagen abgehauen“, erzählt er. „Ich habe es einfach nicht ausgehalten. Ich glaube, ich bin zu schwach dafür. Einige Freunde von mir haben es aber geschafft.“

Seine Situation wird endlich besser, als er bei einem Straubinger Arzt in Behandlung kommt. Hier schafft er es mit der Ersatzdroge Methadon, einem stark schmerzstillenden Opioid, Schritt für Schritt vom Heroin weg. Seit vier Jahren hat Fabian nun kein „H“ (englisch gesprochen) mehr genommen. So nennt er selbst die Droge. Er sieht gepflegt aus und hat einen Vollzeit-Job. Nur die vielen kleinen Narben auf seinem Körper erinnern an die jahrelange Sucht. Und sein linker Unterarm, der oberflächlich taub ist, weil er dort beim Spritzen einen Nerv traf.

„Ich habe zehn Jahre meines Lebens verloren“

Richtig glücklicht ist Fabian heute noch nicht. Er hat mit Depressionen und einer Zwangsstörung zu kämpfen. Psychotherapie hilft ihm. Rückblickend sagt er: „Heroin zu nehmen, ist das Blödeste, was man machen kann. Es ist so viel schlimmer, als man es sich vorstellt, absolut nicht cool. Ich habe dadurch zehn Jahre verloren. Andere in meinem Alter sind verheiratet, haben ein Haus und Kinder. Ich habe vergangenes Jahr erst meine Lehre fertig gemacht.“

Und doch ist die Geschichte von Fabian eine Positive. Er hat es geschafft, sich von einer Droge zu lösen, die vielen Menschen das Leben kostet.

Warum Heroin so gefährlich ist, liest du im Interview mit Suchtberater Wolfgang Haas. 

 

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