Drei aus Sechs Joachim Löw tüftelt noch an der Besetzung seiner Offensive

Während Thomas Müller (r.) in Bundestrainer Joachim Löws Startelf mit ziemlicher Sicherheit gesetzt ist, müssen Leroy Sane (l.) und Timo Werner um ihre Stammplätze bangen. Foto: Federico Gambarini/dpa

Angela Merkel war für Joachim Löw keine große Hilfe. Die Kanzlerin stand bei ihrer Videoschalte ins deutsche EM-Quartier geduldig Rede und Antwort, beim "lockeren" Plausch ließ sie Einblicke in die hohe Politik und sogar ihr Privatleben zu. Doch für das Stürmer-Puzzle des Bundestrainers hatte auch der wichtigste Fan der Nationalmannschaft keine Lösung.

Wer soll beim Kracher-Start gegen Weltmeister Frankreich am Dienstag (21.00 Uhr/ZDF und MagentaTV) nur die Tore schießen? Das ist die wohl letzte offene Frage für Löw. Sein Defensiv-Plan mit der Dreierkette und dem Mittelfeld-Duo Toni Kroos/Ilkay Gündogan steht - doch bei der Besetzung der drei Offensiv-Positionen ist der Bundestrainer noch unschlüssig.

Ein kaltschnäutziger Stürmer fehlt dem DFB

Das "Problem" der mangelnden Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor "begleitet uns ja schon lange", klagte Löw nach dem ersten EM-Test gegen Dänemark (1:1) und betonte: "Daran müssen wir arbeiten." Bei der Generalprobe gegen Lettland (7:1) klappte es deutlich besser - doch das Duell mit dem Fußball-Zwerg diente mehr als Stimmungsstärker und hatte taktisch wenig Aussagekraft.

Deutlich mehr Erkenntnisse erhofft sich Löw von den letzten Trainings vor dem Turnierstart. "Wo ist meine Position?", rief Thomas Müller bei der Einheit am Freitag, bei der Jonas Hofmann (Knie) fehlte. Doch der etwas desorientierte Rückkehrer erkundigte sich nur nach seinem Platz auf dem Mannschaftsfoto - er fand ihn neben Kroos. Auf dem Platz wird der Münchner vor seinem früheren Klubkollegen spielen, Löw hat ihm "die zentrale Rolle" zugedacht.

Müller ist wegen seiner Führungsqualitäten beim Spiel "Drei aus Sechs" mit Serge Gnabry, Kai Havertz, Leroy Sane, Timo Werner und Kevin Volland gesetzt. Als verkappter Zehner könne Müller "das Spiel mehr lenken, prägen und dort das tun, was ihn stark macht: in die Spitze reingehen", sagte Löw. Doch bei den anderen Positionen im Dreierangriff hat Löw die Qual der Wahl.

Gnabry ist wohl gesetzt - was wird aus Sane?

"Serge Gnabry spielt bei mir immer", ist einer seiner Leitsätze. Gilt er auch bei der EM? Bei den Bayern hatte der 25-Jährige in der abgelaufenen Saison eine durchwachsene Bilanz, er selbst war "nicht zufrieden" mit sich. "Es waren leider zu viele Spiele dabei, in denen ich sehr gute Chancen vergeben habe", sagte Gnabry. Auf dem Teamfoto saß er links außen - und da wird er auch gegen die Franzosen erwartet.

Sein Kumpel Leroy Sane nahm rechts außen Platz. "Ich brenne sehr auf die EM", sagte der Bayern-Star. Nach der bitteren Ausbootung vor der WM 2018 gehe er erstmals als "etablierter Nationalspieler" in ein Turnier, dieser Rolle wolle er "gerecht werden". Doch es deutet vieles darauf hin, dass Löw ihm Havertz vorziehen wird.

Der Champions-League-Held wurde von den Kollegen beim Training anlässlich seines 22. Geburtstages mit Applaus bedacht, seit seinem Finaltor strotzt der Chelsea-Profi vor Selbstvertrauen. Kann er trotz ähnlicher Spielanlage auch mit Müller spielen? "Ich glaube, alles geht", sagte Havertz. Sane bliebe dann die Rolle als erster Joker.

Gefühl ist vor dem Start gut

Noch dahinter stehen aktuell der zuletzt vor dem Tor eher glücklose Werner und Volland. Letzterer ist wegen seiner Brecher-Qualitäten für den Fall eingeplant, dass die DFB-Elf einen Rückstand aufholen muss. Ist Knatsch da nicht programmiert? "Es sind keine Konfliktfelder zu sehen", behauptete DFB-Direktor Oliver Bierhoff. Löws Mantra, der Erfolg stehe "über allem", ist auch von den Spielern zu hören.

Und so berichtete Kroos, anders als vor dem WM-Desaster 2018 habe er diesmal ein "gutes Gefühl". Doch er warnte: Das Duell mit dem Weltmeister sei "kein Spiel zum Reinkommen. Die Sachen, die wir bearbeitet haben, sollten schon am Dienstag funktionieren." Der Offensive riet er daher, sie dürfe "den Ball nicht zu leicht verlieren" und zügig "in die Abschlüsse kommen".

Das wäre auch im Sinne der Kanzlerin. In der halben, dreiviertel Stunde mit dem DFB-Team am Donnerstagabend sprach sie in einem "netten Frage-Antwort-Spiel" (Bierhoff) mit den Spielern über die Pandemie oder andere Dinge, die sie bewegen - und erinnerte die Stars an die Größe ihrer Aufgabe. "Es geht gleich schwierig los", sagte Merkel, "ich drücke die Daumen, dass Sie ganz weit kommen." Tore dürften helfen.

 

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