Dragqueen Marco Auer verwandelt sich in Menorah Tea

Marco vor seiner Verwandlung zur Dragqueen. Foto: Kerstin Bauer

Marco Auer aus Straubing sieht sich selbst irgendwo zwischen Mann und Frau. Der 20-Jährige wird in seiner Freizeit zur Dragqueen. Wir waren bei seiner Verwandlung dabei.

Marco tupft weiße Theaterschminke auf sein Gesicht. Er sitzt an seinem Schminktisch. Darauf: rund hundert Pinsel. An einem Garderobenständer: Perücken – pink, gelb, rot, blond gelockt. Eine Kleiderstange mit Frauen-Klamotten – schimmernde Pailletten und Leopardenmuster. Marco hat die Beine übereinander geschlagen. Seine kurzen Haare sind halb schwarz, halb blond gefärbt. Er hat keine Augenbrauen. Sie sind abrasiert. Die würden beim Schminken nur stören.

Seine Liebe für feminine Verkleidungen entdeckte Marco beim Cosplay. Er besuchte als androgyne Anime-Figur ein Cosplay-Treffen in München. Marco war sonst leise, um als schwuler Mann vom Land nicht aufzufallen. Hier hatte er das erste Mal das Gefühl, sich nicht verstecken zu müssen. Er wurde für seine Femininität wertgeschätzt. Ein Klick-Moment.

Marco ist gerade mit dem Schminken seiner Nase beschäftigt. Er möchte sie komplett neu gestalten. Schmal soll sie wirken. Er nimmt einen feinen Pinsel und zeichnet helle Linien entlang des Nasenrückens. „Drag ist, wie man sich eine ideale Frau vorstellt und wie man das auf sich selbst verwirklicht“, sagt er. Marco wird jetzt zu Menorah Tea. Das ist sein Künstlername. Eine Anspielung auf das englische Wort „minority“, „Minderheit“. Um die drei Stunden dauert die Verwandlung.

Dass Marco homosexuell ist, war allen eigentlich schon immer klar. Seine Mutter konnte sein außergewöhnliches Hobby leichter akzeptieren als Marcos Homosexualität. Travestie kannte sie. Früher gab es in einem Straubinger Wirtshaus Travestie-Shows. „Einem Menschen macht nur das Angst, was er nicht kennt“, glaubt Marco.

Er wurde als schwuler Mann öfter angegriffen als als Dragqueen. Mit Highheels und Perücke werde er als Kunstfigur und nicht als Person wahrgenommen. Als Dragqueen ist er nicht jemand, der die Ideale nicht erfüllt. „Würde ich mich als Trans-Frau rausstellen, gäbe das andere Reaktionen“, sagt Marco. Blöde Sprüche gibt es aber natürlich. Er hört dann nicht hin.

700 000 Aufrufe für ein Video auf TikTok

Marco dreht YouTube-Videos, ist auf Instagram und Twitter aktiv. Am erfolgreichsten ist er auf dem Videoportal TikTok. Über 700 000 Aufrufe haben hier manche seiner Videos. Inklusive vieler Hasskommentare. Er versucht, sie nicht an sich heranzulassen. Als Menorah fühlt sich Marco selbstbewusst. Er malt sich das Gesicht auf, das er haben will. Das Schminken hat er perfektioniert. Er kennt sein Gesicht in- und auswendig und weiß genau, wie er es idealisieren kann.

Seine Mutter Adelheid Auer kommt in den Raum. Sie ist blond, hat ein Pony und betont geschminkte Augen. „Marco war schon immer anders. Er hat lieber mit den Mädchen gespielt“, sagt sie. Sie hat drei Kinder alleine groß gezogen. Sie sind oft umgezogen. Adelheid ist streng. „Mein Wort ist Gesetz“, sagt sie. Im Alltag soll Marco nicht in Frauenkleidung herumlaufen. Wenn er aber für Videos oder Events zur Dragqueen wird, hat sie nichts dagegen. „Anfangs war das ein bisschen ein Kampf“, sagt sie. Aber Marco habe bald selbst gemerkt, dass er es so leichter hat.

Neonblaue Kontaktlinsen sollten ablenken

Die zwei haben ein gutes Verhältnis. „Er ist ganz ein Lieber“, sagt Adelheid. Ihre Stimme wird weicher. Er habe halt seinen eigenen Kopf. Marco guckt selig. Zu seinem Vater will Marco keinen Kontakt. Er war nie richtiger Teil seines Lebens.

Heute möchte Marco eine glückliche Single-Geschäftsfrau sein. Ein enges rotes Kleid, goldfarbener Schmuck und eine blonde Perücke hat er sich dafür ausgesucht. Hinter seinen Looks stecken durchdachte Konzepte. Da sind auch Kleinigkeiten wichtig wie: Wirken zwei oder drei Armbänder besser?

In Straubing als schwuler Mann aufzuwachsen, war für Marco schwer. An einer Privatschule wurde er gemobbt. Seine Taktik: so still wie möglich sein, damit es keine Angriffsfläche gibt. Und: mit auffälliger Kleidung von seiner Sexualität ablenken.

Marco färbte sich die Haare schwarz, trug Emo-Klamotten. Er kam ein halbes Jahr lang mit neonblauen Kontaktlinsen zur Schule. Das lenkte seine Mitschüler davon ab, was ihn wirklich verletzen könnte. Die Kontaktlinsen konnte er am Abend ablegen, seine Sexualität nicht. Nach der Schule fing Marco eine Ausbildung zum Altenpfleger an. Es war nicht das Richtige.

Eine Friseur-Lehre sah er als Chance, seine kosmetischen Fähigkeiten zu verbessern. Bei einem Straubinger Friseur fühlte sich Marco nicht gut behandelt. Er schloss seine Lehre in einem anderen Studio ab.

Jetzt arbeitet Marco in einem Callcenter. Hier lassen sich Beruf und Privates besser trennen. Er hat keine Lust, sich unintelligenten Fragen stellen zu müssen. Zum Beispiel, ob er denn als Schwuler Aids habe. Und er möchte auf der Arbeit nicht der „schwule beste Freund“ sein, der sich über seine Sexualität ausquetschen lassen muss.

Der schwierigste Schritt der Verwandlung zu Menorah: Marco malt sich mit einem Pinsel und hellbrauner Farbe Augenbrauen auf. Er ist so konzentriert, dass er die Luft anhält. Besonders schwer ist es, beide Brauen identisch hinzubekommen. Etwa eine halbe Stunde ist er damit beschäftigt. Als er sagt, dass die Brauen fertig sind, pinselt er doch noch eine Zeit lang an ihnen weiter. Marco liebt die Transformation zur Dragqueen und die Möglichkeiten, wie er sie gestaltet. „Ob ich eine Augenbraue höher oder niedriger setze, macht zum Beispiel einen riesigen Unterscheid“, sagt er. Wenn er spricht, gestikuliert er viel mit seinen feinen Händen. Er kann sich gut ausdrücken, redet mal Bairisch, mal Hochdeutsch.

Marco hat keine Zeit für eine Beziehung

Marcos Hobby ist zeitaufwendig. In Augsburg performt er öfters zusammen mit anderen Dragqueens in einem großen Lokal. Ansonsten tingelt er zwischen verschiedenen Städten hin und her. Zur Faschingszeit sind es schon mal fünf Auftritte pro Woche. Dazu kommt ein Vollzeitjob. Für eine Beziehung ist da keine Zeit. Marco befestigt mit Perückenkleber künstliche Wimpern auf seinen gelb-rot geschminkten Augenlidern. „Egal, ob i schwitz oder woan – do bleims om“, sagt er. Für eine weibliche Hüfte sorgt Marco mit selbst gebastelten Schaumstoff-Einlagen. Er steckt sie unter seine drei Feinstrumpfhosen. „Strumpfhosen helfen auch gegen die Schmerzen bei hohen Schuhen“, verrät er. Er setzt eine blonde Perücke auf. Menorah Tea ist fertig.
Etiketten wie „schwul“, „Frau“ oder „Mann“ mag Marco nicht. „Versucht nicht, aus mir irgendetwas zu machen, das ich nicht bin!“, sagt er. Er sieht sich irgendwo zwischen Mann und Frau. Zwischen den Geschlechtern.
Irgendwann möchte Marco nach Berlin ziehen. Für ihn ist die Stadt das Mekka der LGBT-Kultur. In Bayern seien die Leute beschränkter. „Berlin ist offen für alles“, schwärmt er. Er hofft, dann hauptberuflich als Dragqueen arbeiten zu können.

 

Begriffe erklärt

Androgyn: männliche und weibliche Merkmale vereinigend

Cosplay: Möglichst original- getreue Darstellung einer Figur aus einem Manga, Anime, Comic, Film oder Videospiel durch ein Kostüm und durch das eigene Verhalten

Dragqueen: Ein Mann, der für einen Auftritt eine Frau darstellt

LGBT: Abkürzung für „Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender“ Travestie: Darstellung einer Person des anderen Geschlechtes auf der Bühne

 

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