Drachenstich-Festspiel feiert Premiere Further Nachhilfe für eine bessere Zukunft

Die besten Fotos der Premierengruppe "grün". Foto: Th. Linsmeier

Freitagnacht, 22.16 Uhr: Laura Lehminger und Matthias Schweitzer stehen auf der Drachenstich-Bühne, um sie herum tost der Applaus der weit über tausend Zuschauer. Ein Augenblick, den sie sich in den vergangenen Monaten so oft ersehnt hatten, der vor ihrem geistigen Auge wohl unzählige Male bereits stattgefunden hat, ist nun endlich real. Beide wissen in diesen Sekunden ebenso wie der Rest der Spielschargruppe „grün“: Die Premiere ist geglückt, das lange Proben hat sich gelohnt. Doch fürs Ritterpaar bedeutet dies mehr – den absoluten Höhepunkt in ihrem erst 24 Jahre jungen Leben.

Besonders ist diese Premiere aber nicht nur für die beiden, auch für den Rest des Ensembles, ebenso wie für die lange Drachenstich-Tradition insgesamt. Denn erstmals steht das Further Festspiel im Zeichen des „immateriellen Kulturerbes“ der UNESCO; eine Würdigung, die im Frühjahr erfolgt war. Folglich setzte Regisseur Alexander Etzel-Ragusa in diesem Jahr den Weg fort, der die Further Tradition auf einem nicht unerheblichen Stück zu dieser besonderen Auszeichnung getragen hatte: Der Bogen von den tiefen traditionellen Wurzeln hinein in die Gegenwart mit einer Botschaft für eine bessere Zukunft. So ist auch heuer der Kampf von Gut gegen Böse nicht nur auf den Ritter und den Drachen, den Chamerauer und die Ritterin beschränkt; er wird ebenso in Form des Fanatismus unter dem Mantel der Weltreligionen geführt.

2017 hatte Etzel-Ragusa den „Glaubenskrieg“ – falls man es so nennen will – der Gegenwart in die Vergangenheit geholt und dabei den Zuschauern aufgezeigt, dass sich die Geschichte nicht nur wiederholt, sondern auch Lösungen parat hat, wenn man nur genau hinsieht. Denn die drei Weltreligionen haben die gleichen Wurzeln, ebenso die gleiche Kernbotschaft: Du sollst nicht töten. Diese emotional starke Szene blieb heuer bis auf einen Satz unverändert.
Warum Judas weichen muss

Etzel-Ragusa hat nur einen Namen herausgenommen, der im vergangenen Jahr gerade in katholischen Kreisen nicht gerade für Beifallsstürme gesorgt hatte. Er lässt nämlich den Muslim erzählen: „Gott hat die Wächter benebelt und sie haben versehentlich einen anderen ans Kreuz gehängt – Judas.“ Heuer ist von Judas nicht mehr die Rede. Stattdessen greift der Regisseur die Diskussion des Vorjahres auf und integriert sie in den Dialog zwischen Jan und dem Muslim: „Darüber könnten wir jetzt einen Streit anfangen. ... Aber Jesus hätte bestimmt was dagegen, wenn wir uns seinetwegen die Schädel einschlagen.“ Damit scheint Etzel-Ragusa auf die Kritik indirekt zu antworten: Wer kann schon sagen, wie es wirklich war. Wichtiger erscheint die Botschaft, dass ein Streit darüber nicht im Sinne Gottes ist.

Die zweite markante Veränderung betrifft die Ritterin, übrigens erstklassig von Laura Lehminger gespielt. Die 24-Jährige ist ein Mensch, der für seine Ideale eintritt, bereit ist, für sie zu kämpfen, aber auch Humor besitzt und ein gewisses kindliches Wesen im positiven Sinne bewahrt hat. Auf diese individuellen Charaktereigenschaften scheint Etzel-Ragusa ihr die Rolle maßgeschneidert zu haben. Manchmal wirkt sie verletzlich, dann wieder energisch; etwas naiv und verträumt, dann wieder entschlossen und streitbar. In drei Szenen kommt dies besonders zum Ausdruck: In der Schranne wird der enttäuschte Neußl Hans gegenüber der Schlossherrin handgreiflich; sie blockt den Angriff ab und hält energisch dagegen. Ihr Wechselbad der Gefühle zeigt sich auch in der neuen Szene kurz vorm Drachenkampf: Die Ritterin will Udo zunächst die Lanze entreißen und damit verhindern, dass er sich dem Ungeheuer stellt. Nachdem sie keine andere Lösung mehr sieht, ist es die Ritterin selbst, die ihm die Lanze reicht.

Besonders kommt der sprunghafte Wechsel der Emotionen in dem erweiterten Dialog zwischen der Schlossherrin und dem Chamerauer zum Ausdruck. Sie gesteht dabei ihre Liebe zu Udo. Ihr Onkel will sie dagegen verunsichern: „Wer wird dir beim Regieren helfen? Ein Bauernbursch, der nicht einmal lesen und schreiben kann?!?“ Beim Antrittsbesuch in Straubing, werde sie der ganze Hof auslachen. „Wirst du das aushalten? Oder wirst du Udo ab da hassen für alles, was er nicht ist – und was er niemals können wird?“ Die Ritterin schwankt zwischen Betroffenheit und Zuversicht. Gerade als ihre Argumente immer dünner werden, ringt sie sich doch zu dem Entschluss durch: „Sollen sie doch lachen! Liebe respektiert alles – nur keine Grenzen!“

Was den Ritter betrifft: Er wirkt sehr souverän. Den Disput – falls man es überhaupt so nennen will – mit seiner Liebsten, wer nun zum Drachen geht, führt er mit ruhiger, unaufgewühlter Stimme. Matthias Schweitzers Drachenkampf lässt sich dagegen mit einem Wort zusammenfassen: perfekt. Sein Lanzenwurf saß wie in den Proben, er führte beim Schwertkampf sein Ross sicher und gezielt um den Drachen herum.

Und so konnte ihn das Ritterpaar, aber auch der Rest der Spielschargruppe „grün“ Freitagnacht zu Recht genießen, den tosenden Schlussapplaus, der minutenlang anhielt. Bleibt dem Ensemble nur noch eines zu wünschen: Ein ähnlich begeistertes Publikum in den elf noch folgenden Aufführungen.

Infos zu den Aufführungsterminen:

www.drachenstich.de

 

idowa-Newsletter kostenlos abonnieren

E-Mail-Adresse:
 
 
 

0 Kommentare

Kommentieren

null

loading