Diskothekenbetreiber auf den Barrikaden Corona-Crash: Kein Nachtleben in der neuen Normalität?

Die Party ist vorbei: Bars und Diskotheken haben seit Monaten wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Die Umsatzverluste gehen in die Milliarden. Foto: Carsten Koall/dpa

Am kommenden Wochenende startet Bayern zum ersten Mal seit März wieder ins Nachtleben: Kneipen und Bars dürfen wieder aufmachen. Nicht dabei sind die Diskotheken und Tanzcafés. Bei vielen Diskothekenbetreibern mischen sich Wut und Verzweiflung – denn auch sie haben eigentlich Hygienekonzepte für die Öffnung vorgelegt.

Seit dem Lockdown Ende März herrscht quasi Berufsverbot für die Betreiber von Diskotheken und Tanzcafés. Kein Cent Einnahmen, ständiges Warten auf die nächste Überweisung vom Staat. So gestalte sich das Leben vieler Disko-Wirte seit Monaten, sagt Knut Walsleben, der Vizepräsident des Bundesverbands Deutscher Diskotheken und Tanzbetriebe (BDT): „Die hangeln sich von Monat zu Monat, warten auf Zuschüsse, Kurzarbeitergeld und die Überbrückungshilfe. Ich kann keine Prozentzahl sagen, aber von unseren 1.500 Betrieben stehen viele am Rand des Abgrunds.“

Ähnlich sieht das Frank John, der Sprecher des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands in Bayern: „Die Corona-Krise ist der Super-GAU für die gesamte Diskotheken- und Clubszene. Man darf nicht vergessen, dass die ein wichtiger Bestandteil unserer Kultur ist. Die Diskotheken gehören zu den wenigen Betrieben, die jetzt noch nicht einmal eine Öffnungsperspektive haben. Wie viele diese Krise letzten Endes nicht überleben, wissen wir nicht, aber wir fürchten, dass es viele Betriebe treffen wird.“

"Irgendwann verliert man die Mitarbeiter"

80 Prozent der laufenden Kosten übernahm in den vergangenen Monaten der Staat. Allerdings wurde die Soforthilfe, die viele Diskobetreiber zuvor erhalten hatten, mit dieser Unterstützung verrechnet. Die Auszahlungssumme hing auch davon ab, wann ein Disko-Wirt die Unterstützung beantragt hatte. Laut Knut Walsleben vom BDT sei für die Disko-Betreiber der drohende Personal-Kahlschlag ähnlich katastrophal wie die finanziellen Ausfälle: „Wenn man ein halbes Jahr nicht aufmacht, die Mitarbeiter in Kurzarbeit sind und keine Perspektiven haben, wann ihr Betrieb wieder öffnet, dann verliert man die irgendwann. Wenn es keine Perspektive gibt, in seinem Job wieder zu arbeiten, dann sucht man sich einen anderen Job. Das gilt für Mini-Jobber wie für Festangestellte. Wenn es dann wieder losgeht, stehen wir da und haben keine Mitarbeiter mehr.“

Gefragt nach der Situation vor Ort antworten Michael Irlbeck und Philipp Lang, die Wirte des Café Zinnober in Bad Kötzting und Cham, des Mia Nightclub in Cham, und des Heart in Regensburg, mit einem sehr knappen Statement: „Wir freuen uns wirklich für die Bars und Kneipen - deren Öffnung war längst überfällig und ist ein wichtiger Schritt zum Erhalt des Nachtlebens. Für unsere vier Clubs im Landkreis Cham und in Regensburg wird die Luft indes immer dünner. Eine baldige Öffnung der bayerischen Clubs und Discotheken wird nach dem Statement der Staatsregierung unwahrscheinlicher.“ Auf Nachfrage sagen sie, man wolle es bei dieser Formulierung belassen und sich erst ausführlicher äußern, wenn sich die Situation geändert hat. Es scheint zu brodeln unter der Oberfläche.

Geht die Durststrecke für die Tanzlokale weiter?

Die politischen Äußerungen lassen darauf schließen, dass die Durststrecke für die Tanzlokale weitergeht. Bereits seit der Zeit des Lockdowns unterbreiten Vertreter ihrer Verbände Vorschläge an die Politik, wie eine Öffnung aussehen könnte, sagt Frank John von Dehoga Bayern: „Es gab vonseiten der Club-Betreiber Angebote, dass ‚Club Hopping‘ ausgeschlossen sein könnte, um zu verhindern, dass jemand, der infiziert ist, an einem Abend durch fünf Diskotheken zieht und entsprechend viele Leute gefährdet. Letztlich ist nichts davon aber so weit gediehen, dass die Politik es zugelassen hätte.“

Auch Hygienekonzepte gebe es, erklärt BDT-Sprecher Knut Walsleben: „Das kann so aussehen, dass man etwa Masken beim Tanzen trägt, dass man einen Spuckschutz in den Lounges hat, dass man Stehtische entfernt und dafür feste Sitzplätze vergibt.“ Aber Tanzen mit Maske? Funktioniert das? „Man kann ja auch erst mal anfangen, dass 30 Leute maximal auf einer Tanzfläche sein dürfen“, sagt Walsleben auf die Nachfrage: „Das müssen ja keine 500 sein. Dann muss man eben außen rum ein paar Sitzplätze bauen, mit Wohnzimmeratmosphäre. Man kann dort auch einen Ordner hinstellen, der das überwacht.“

Entlüftungsanlage wichtig

Wichtig sei aus Sicht des Verbands auch der Luftaustausch. Viele der Betriebe hätten eine Entlüftungsanlage mit einer beachtlichen Leistung. Der Verband der Diskothekenbetreiber beruft sich auf einen Wert, den das Robert-Koch-Institut herausgegeben hatte: Der sechsfache Austausch der Luft binnen einer Stunde. Betrieben, die eine entsprechende Entlüftungsanlage haben, könne demnach das Öffnen erlaubt werden.

„Auf der anderen Seite haben wir jahrelang bewiesen, dass die Nachtgastronomie ein wichtiger Bestandteil des Sicherheitskonzeptes einer Stadt ist“, erklärt Knut Walsleben: „Ohne uns findet das Nachtleben unkontrolliert statt. Wir haben jahrelang gelernt, wie man Menschen lenkt und wie man sie beaufsichtigt. Wie man dafür sorgt, dass alles friedlich abläuft, deswegen sind wir auch wichtig für die Nachtarchitektur einer Stadt.“ Die Kontrollen seien sogar intensiver als etwa in Restaurants und Speiselokalen: „Wenn ein Herr Söder sagt, da trägt sich Mickey Maus auf die Gästeliste ein, ist das Quatsch. Bei Diskotheken werden immer Ausweise kontrolliert, allein um den Jugendschutz aufrecht zu erhalten.“

Ohne Diskos wird andernorts gefeiert

Ohne Diskos fänden die Partys eben woanders statt – ohne Kontrollen, gibt der BDT-Vize Walsleben zu Denken: „Wir wissen, dass auch Bars als Diskothek betrieben werden, wir wissen, dass es viele illegale Partys gibt, die von Behörden derzeit noch geduldet werden, weil sie draußen stattfinden, die sich später aber auch nach drinnen verlagern können. Wir schauen auf uns und wir wollen mit unseren Verbandsmitgliedern eine Lösung finden.“

Laut Angaben des Diskothekenverbands liegen Umbaukonzepte für eine an die Hygienemaßnahmen angepasste Innenarchitektur in den Diskotheken bereits vor. Je nach personeller Aufstellung und Auslastung der Innenausbaubetriebe vor Ort könne binnen ein bis zwei Wochen jedes Tanzlokal Corona-tauglich gemacht werden.

Trotz dieser Argumente: Eine Öffnung scheint in nächster Zeit nicht drin, erklärt Dehoga-Sprecher Frank John: „Von politischer Seite wurde immer wieder signalisiert, dass es für die Betriebe noch keine Perspektiven gibt, da das Betriebskonzept auf Kontakt ausgerichtet ist.“

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