Dingolfing eSports in der Region: Wo Zocken mehr als nur ein Spiel ist

Florian Schlegl (Bild rechts) hat in Dingolfing einen eSports-Verein gegründet. Der elektronische Sport füllt mittlerweile auch in Deutschland ganze Hallen und Arenen. Foto: Schlegl/Paul Zinken, dpa

Die Nachricht, dass der FC Bayern München künftig auch in den eSports-Bereich einsteigt, sorgte im Dezember für Diskussionen. Insbesondere Vereinspatron Uli Hoeneß hatte sich zuvor immer wieder kritisch über den virtuellen Sport geäußert. Dabei wird die eSports-Szene mit jedem Jahr größer. Auch in unserer Region gibt es Vereine, etwa den PKU eSports e.V. aus Dingolfing.

Die Idee für den Verein wurde 2016 geboren, erzählt Florian Schlegl, der erste Vorstandsvorsitzende von PKU. „Wir waren damals fünf Leute, die einfach gerne zusammen auf der Xbox gespielt haben. Da lag es irgendwann nahe, einen eigenen Clan zu gründen“. Als „Clan“ bezeichnet man in der Szene eine Gruppe von Spielern, die regelmäßig zusammen spielen. Doch für Schlegl und seine Mitstreiter ging es bald schon um mehr. „Wir wollten einen Schritt weiter gehen und uns professioneller aufstellen. Also haben wir uns lange vorbereitet und schließlich den Verein gegründet.“ Das war im Januar 2018.

Zu Beginn hatte der Verein nur sieben Mitglieder, es wurden aber schnell mehr. „Zu Höchstzeiten waren wir an die 50 Leute. Heute sind wir etwa bei 25“, berichtet Schlegl. Der Altersdurchschnitt liegt bei 28 Jahren, was für eine eSports-Mannschaft relativ hoch ist. Schlegl selbst ist mit 22 einer der jüngeren im Team.

Nur ein Hobby? „Dann bräuchten wir den Verein nicht!“

Der Name PKU steht dabei für „Professional, Kompetitiv, United“ - drei Werte, die Schlegl besonders wichtig sind. „Unser Anspruch ist schon, regelmäßig zu trainieren und unsere Spiele dann auch möglichst zu gewinnen. Wenn wir nur nebenbei als Hobby zocken würden, bräuchten wir den Verein ja nicht. Das ist ähnlich wie beim Fußball, da geht es ja auch nicht, dass man mal vier Wochen nicht trainiert“, sagt der 22-Jährige. „Andererseits ist aber auch klar, dass jeder von uns sein Privatleben hat. Und das muss auch vorgehen.“

Wie kann man sich nun den Alltag eines eSports-Vereins vorstellen? „Jeder von uns geht normal zur Arbeit, lebt so sein Leben und am Abend wird dann eben zusammen gespielt“, fasst es Florian Schlegl zusammen. Zweimal wird unter der Woche trainiert, am Wochenende finden meist Turniere oder Ligaspiele statt. Vor allem zwei Spiele werden bei PKU professionell gespielt: Der Taktik-Shooter „Rainow Six Siege“ und der Battle-Royale-Shooter „PlayerUnknown's Battlegrounds“. Der große Vorteil von eSports: Die Mitglieder müssen nicht am selben Ort sein, gespielt wird online im Multiplayer-Modus. Auch Turniere und Ligaspiele lassen sich von zuhause aus bestreiten. Dementsprechend ist auch der Verein selbst nicht an einen Standort gebunden. Die Basis der Mitglieder kommt zwar schon aus dem Landkreis Dingolfing-Landau, es sind aber auch andere Spieler aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz dabei. Erst im Dezember ist auch ein ganzes russisches Team zu PKU gewechselt.

Es fehlt eine Dachmarke wie der DFB

Generell wird die eSports-Szene weltweit immer größer, Preisgelder in Millionenhöhe sind bei den hochklassigen Wettbewerben heute keine Ausnahme mehr. Besonders das jährlich stattfindende „Dota 2“-Meisterschaftsturnier "The International", das vom US-amerikanischen Spieleentwickler Valve veranstaltet wird, sticht heraus. 2019 wurden hier laut Statista über 34 Millionen Dollar an Preisgeldern ausgeschüttet – ein neuer Rekord. Als bestverdienender eSportler gilt heute der Däne Johan Sundstein, ebenfalls „Dota 2“-Spieler, der bereits über 6,8 Millionen Dollar an Preisgeldern gewann. Auch in Deutschland haben Unternehmen und Vereine das Potenzial des elektronischen Sports erkannt. Mehrere Fußballvereine, seit kurzem auch der FC Bayern, haben bereits eine eigene eSport-Abteilung, in denen beispielsweise „FIFA“ oder „Pro Evolution Soccer“ gespielt werden. Auch dort wird offenbar durchaus üppig gezahlt: Laut Medienberichten bis zu 10.000 Euro im Monat.

Im Vergleich zu diesen Konkurrenten ist PKU natürlich ein eher kleiner Verein. Das schätzt auch Florian Schlegl realistisch ein: „Der ganze eSports-Bereich ist mittlerweile sehr groß. Geschätzt machen nur etwa zehn Prozent der Teams damit auch Geld. Zu denen gehören wir definitiv nicht. Uns geht es mehr um Prestige. In den Ligen, in denen wir aktiv sind, sind teilweise 60 bis 70 Teams angemeldet. Also wirklich viele. Und bei unseren Spielen sind wir teilweise schon bei den Top-Mannschaften dabei.“

Im internationalen Vergleich hängt Deutschland in Sachen eSports noch hinterher, findet Schlegl. Was er vor allem vermisst, ist eine Dachmarke ähnlich dem DFB im Fußball. Denn je nach Spieltiteln besteht die deutsche eSport-Landschaft aus unterschiedlichen Turnier- und Ligenformaten, die stark variieren. Es gibt zwar mit dem ESBD (eSport-Bund Deutschland) einen Fachsportverband, aber kein einheitliches oder verbandliches Ligensystem. Hier würde sich Schlegl eine zentrale Plattform wünschen, die alles etwas professioneller und organisierter aufstellt: „So wie es momentan ist, kann jeder einen Clan gründen, sich für Turniere anmelden und nach zwei, drei Monaten löst sich das Team wieder auf. Stünde aber hinter jeder Mannschaft auch ein Verein, hätte das Ganze Hand und Fuß.“

Ob es in naher Zukunft so kommen wird, ist allerdings fraglich. Die Szene wird in Deutschland von vielen immer noch kritisch beäugt – dazu dürften auch Aussagen wie jüngst von Innenminister Horst Seehofer nach dem Anschlag von Halle beigetragen haben. Er hatte einen Zusammenhang zwischen der Bluttat und gewalttätigen Videospielen hergestellt – und gefordert, die „Gamerszene stärker in den Blick zu nehmen.“ Ein Thema, das auch Florian Schlegl gut kennt. „Diese Diskussion keimt immer wieder auf. Es ist ein sehr schwieriges und komplexes Thema. Es gibt Studien, die einen Zusammenhang zwischen gewalttätigen Videospielen und tatsächlicher Gewaltbereitschaft herstellen, und es gibt andere Studien, die das Gegenteil behaupten. Ich persönlich glaube schon, dass Videospiele für gewaltbereite Menschen, die etwa einen Amoklauf oder Anschlag planen, eine Verstärkung oder Inspiration sein können. Ich glaube aber nicht, dass die Spiele selbst Auslöser oder Ursache für diese Gewaltbereitschaft sind.“

Fairplay wird großgeschrieben

Auch der angeblich raue Ton in Online-Chats von Multiplayer-Spielen wird immer wieder kritisiert. „Ja, den gibt es . Aber das ist wahrscheinlich im Fußball oder Eishockey genauso“, sagt Schlegl. „Hier sehe ich die Vereine selbst in der Pflicht, das zu unterbinden.“

Bei PKU legt der 22-Jährige großen Wert auf Fairplay – nicht nur, weil er hauptberuflich als Erzieher arbeitet. „Das ist mir wichtig. Wir sind ein Team, wir gewinnen zusammen und wir verlieren zusammen. Und dazu gehört dann auch, das man nach einer Niederlage nicht wegbricht oder ausrastet.“ Das gilt auch bei der Suche nach neuen Mitgliedern: „Geschlecht, Alter, Herkunft – das spielt bei uns keine Rolle. Was zählt, ist die Einstellung. Loyalität, Ehrlichkeit und ein gewisser Ehrgeiz sind uns wichtig. Und natürlich das Interesse für Spiele“, sagt Florian Schlegl. „Wir sind auch prinzipiell immer offen für Leute, die neue Spiele in den Verein bringen. Wichtig ist nur, dass sie sich online im Multiplayer spielen lassen und Wettbewerb-Charakter haben.“

Für die Zukunft seines Vereins hat Florian Schlegl bereits Pläne – bleibt aber realistisch: „Es wäre super, wenn wir sagen könnten, in ein, zwei Jahren sind wir ganz oben mit dabei. Aber das ist unwahrscheinlich. Um das zu schaffen, müssten finanzielle Mittel her, die wir nicht haben. Wenn sich hier aber Möglichkeiten ergeben, werden wir sie auch nutzen.“

Man merkt: Für den 22-Jährigen ist sein Verein viel mehr als nur ein Spiel.

Weitere Artikel

 

idowa-Newsletter kostenlos abonnieren

E-Mail-Adresse:
 
 
 

0 Kommentare

Kommentieren

null

loading