Die Straße ist sein Zuhause So erlebt Fernfahrer Markus (44) die Corona-Krise

Gespenstisch leer sind die Autobahnen Europas derzeit inmitten der Corona-Krise. (Symbolbild) Foto: imago

Die Corona-Krise und ihre Auswirkungen. Viele Unternehmen in Europa mussten ihre Schotten bis auf weiteres dicht machen. Die Folge: Ungewissheit und Zukunftsängste. Doch auch in Zeiten wie diesen gibt es Berufe, die unverzichtbar sind, um das tägliche Leben aufrechtzuerhalten – wenn auch in eingeschränkter Form. Dazu zählen insbesondere auch Fernfahrer. Markus Seidel (44) aus Ergoldsbach ist einer von ihnen. Gegenüber idowa berichtet er, was er in diesen Tagen auf den Straßen Europas erlebt.

Seit mittlerweile 22 Jahren ist der gebürtige Straubinger Markus Seidel als Fernfahrer tätig. In all diesen Jahren hat er in dieser Branche einiges erlebt, doch in Zeiten der Corona-Krise ist auch für ihn plötzlich alles anders. Etwa 150.000 Kilometer spult er im Jahr auf den Autobahnen herunter. Die Firma, bei der er angestellt ist, besteht gerade mal aus zwei Fahrern: Markus Seidel und sein Chef. Gemeinsam transportieren sie für eine Spedition Futtermittel teils über Tausende Kilometer von A nach B.

In den vergangenen Wochen war Markus Seidel in Tschechien und Belgien unterwegs, diese Woche geht’s für ihn nach Österreich. Von Montag bis Freitag sind die Autobahnen und Rastplätze Europas sein zu Hause. Bisweilen ein sehr einsames Leben. Das war schon immer so. Doch jetzt herrscht wegen der Corona-Pandemie Ausnahmezustand. Und das bedeutet auch für Markus Seidel eine noch stärkere Isolation. „Dass man sich bei einer Pause wie früher mal gemütlich in der Gruppe unterhält, geht sowieso nicht mehr. Kontakt hat man nur noch von Führerhaus zu Führerhaus, und selbst das nur noch sporadisch“, berichtet der 44-Jährige.

"Versuche das nicht zu nah an mich ranzulassen"

Auch für ihn ist die Situation keine einfache. Sein Beruf wird als systemrelevant eingestuft. Er muss raus. Seidel: „Ich mache mir natürlich schon meine Gedanken, versuche das aber nicht zu nah an mich ranzulassen.“ Schlimmer sei die Situation für seine Lebensgefährtin. „Sie kann derzeit nicht arbeiten und ist zu Hause. Daher macht sie sich viele Gedanken und Sorgen um mich“, erzählt der Fernfahrer. Kontakt zu anderen Menschen hat er zwar nur noch beim Be- und Entladen seines Lasters, trotzdem ist er eben auch viel in anderen Ländern unterwegs. Vor allem in Italien ist die Lage angesichts der Corona-Pandemie seit Wochen dramatisch. Dort war Markus Seidel nun schon eine Weile nicht mehr. „Wenn ich aber den Auftrag bekommen würde, dann würde ich hinfahren. Denn auch wir müssen unseren Beitrag dazu leisten, das System aufrechtzuerhalten“, bekennt der Ergoldsbacher.

Die Unterschiede zu Zeiten vor der Corona-Krise sind für ihn mittlerweile täglich spürbar. Nicht nur weil es auf den Autobahnen teils gespenstisch zugeht. Die meisten Restaurants haben geschlossen, für seine Verpflegung sorgt der 44-Jährige daher weitestgehend selbst. Seidel: „Ich kaufe am Wochenende davor ein und teil' mir das dann für meine Fahrt ein. Wobei auch das gar nicht mehr so einfach ist, weil vor allem Konserven Mangelware sind.“

"Der Egoismus ist schon weit verbreitet"

Und dann wäre da auch noch das Problem mit dem Klopapier. Zwar bieten Rastplätze in Zeiten wie diesen im Gegensatz zu früher Packungen mit mehr Rollen an, dafür wird aber teils ordentlich zur Kasse gebeten. Mitunter 7,99 Euro für acht Rollen Klopapier. Seidel: „Das ist wirklich ein Irrsinn. Aber als erfahrener Fernfahrer hat man sowieso immer eine Rolle auf Reserve dabei.“ Doch wenn die mal leer ist, droht das nächste Problem in diesen Tagen. Denn auch an den Sanitäranlagen der europäischen Rastplätze tun sich Abgründe auf. „Man glaubt es kaum, aber die Leute wickeln das Klopapier dort komplett von den Rollen und nehmen alles mit, was sie kriegen können. Der Egoismus ist schon weit verbreitet“, sagt Markus Seidel. Erst konnte er das selbst nicht glauben und konfrontierte eine Reinigungskraft in einer der Sanitäranlagen damit. „Der sagte mir, dass das Klopapier nicht aus sein könne, weil er es erst vor zehn Minuten nachgefüllt habe“, berichtet der Fernfahrer.

Doch Markus Seidel weiß, dass auch er sich in dieser Situation wohl oder übel mit solchen Schwierigkeiten arrangieren muss. Für ihn steht fest: auch in der Corona-Krise wird er weiterhin seinen Job machen und auf den Straßen Europas zu finden sein. „Zumindest, so lange wir das noch dürfen“, sagt er.

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