Die Paketkastenfirma Michael und Carina Haller haben den "MyPaketkasten" erfunden

Im Keller der Eltern bauen die Geschwister 2008 ihren ersten Prototypen vom Paketkasten. Foto: MyPaketkasten

2008 verfallen Carina und Michael aus Deggendorf dem neu aufgekommenen Onlineshopping. Einziges Problem: Die Zustellung, wenn niemand zu Hause ist. Sie bauen sich ihre eigene Lösung: den „MyPaketkasten“. Schon während des Studiums gründen die Geschwister ihr Unternehmen. Unterstützt werden sie dabei unter anderem von Professor Dr. Wolfgang Dorner, Dozent an der TH Deggendorf. Heute haben sie ein Büro und verschicken ihre Paketkästen an Kunden aus ganz Europa.

Der erste verkaufte Paketkasten geht kaputt. Nach einem Monat sind Carina und Michael mit der Fertigstellung soweit und können ihn nach etlichen Nachtschichten losschicken. Wenig später erhalten sie eine Nachricht, dass der Paketkasten zwar angekommen, bei der Anlieferung aber ein Gabelstapler reingefahren sei. Ihr Produkt kommt völlig zerstört zu den beiden zurück. „Das war echt bitter, aber heute können wir darüber lachen“, erinnert sich Carina Haller. Das ganze ist bereits etliche Jahre her. Angefangen hat alles vor zehn Jahren mit ihrem Faible fürs Onlineshopping. „Sogar Schulhefte haben wir online bestellt“, erinnert sich Michael Haller. Fast täglich trudeln bei der Familie Pakete ein. Da die Eltern beide berufstätig und Carina und Michael in der Schule sind, ist meist niemand zu Hause, um die Post entgegenzunehmen. Eine Lösung, wie Pakete zugestellt werden können, ohne dass man zu Hause ist, muss her.

Erfindung aus der Not heraus

Die damals 15 und 17 Jahre alten Geschwister starten das Projekt „MyPaketkasten“. Zunächst in einem 3D-Programm am Computer. Wenig später holen sich die beiden Material im Baumarkt und stellen ihren ersten Prototypen her. „Als er fertig war, haben wir den Paketkasten einfach vor die Haustür gestellt und abgewartet, was passiert“, sagt Michael. Professor Dr. Wolfgang Dorner, der die beiden im Laufe des Gründungsprozesses kennenlernt, findet, die Geschwister sind von Anfang an richtig an die Sache rangegangen. „Bei einer Idee ist es wichtig, dass dafür ein konkreter Bedarf besteht“, weiß der Leiter des Instituts für angewandte Informatik an der TH Deggendorf, „das erfährt man am besten, indem man es einfach mal ausprobiert.“ Die Geschwister sind so neugierig, ob ihr Produkt ankommt, dass sie vom Fenster aus die Postboten beobachten. Für die ist der Paketkasten eine Arbeitserleichterung. Die Frage ist nur, ob auch andere Leute dazu bereit sind, den „MyPaketkasten“ einzusetzen und dafür Geld auszugeben. Um das herauszufinden, bauen sich Carina und Michael 2013 in einer Nacht- und Nebel-Aktion ihre eigene Seite: www.mypaketkasten.de, auf der sie kurz ihr Produkt vorstellen. „Es war wirklich nur ein Ausprobieren, wie viele sich melden“, sagt Michael. Als immer mehr Leute Interesse zeigen, stehen sie unter Zugzwang. „Wir haben einfach loslegen müssen“, sagt Carina.

Sieben-Tage-Wochen sind normal

Die beiden schieben Sieben-Tage-Wochen, um ihren Entwurf zu optimieren. Über einen Bekannten bekommen sie die Möglichkeit, bei einem Spielwarenhersteller in Zandt im Landkreis Cham ihre ersten Paketkästen produzieren zu lassen. „Wir haben dort Nächte damit verbracht, Pläne zu zeichnen und die Kästen aufzubauen. Nur wenn du das selbst machst, siehst du, wo es zwickt“, sagt Michael. Mit ihrem Ehrgeiz besitzen die beiden eine wichtige Gründereigenschaft. „Der Wille, sein Vorhaben konsequent voranzutreiben, ist Grundvoraussetzung für eine funktionierende Gründung“, sagt Professor Dorner.

Die Hochschule als Sprungbrett

Inzwischen studieren beide an der Technischen Hochschule Deggendorf Medientechnik. Dort belegen sie Wahlfächer, eignen sich so weitere Fähigkeiten an. Sie nutzen jede Chance, etwas für „MyPaketkasten“ zu tun. Produzieren unter anderem einen Werbespot als Studienarbeit. Michael nimmt 2014 den Onlineshop von „MyPaketkasten“ als Thema für seine Bachelorarbeit. Den Master in Medienproduktion schließen beide mit einer Arbeit über die „MyPaketkasten“-App ab. „Unter Betreuung von Dozenten an dem Thema dranzubleiben, hat nur Vorteile. Das Feedback, das man dabei bekommt, ist Gold wert“, rät Professor Dorner.

Mentoren finden, die helfen

Dennoch gilt: Den perfekten Zeitpunkt zur Gründung gibt es nicht. Jede Lebensphase hat ihre Vorteile. „Egal wann, es ist ganz wichtig, eine Gruppe von Mentoren zu finden, die alle aus einem anderen Fachgebiet kommen und dich unterstützen können“, rät Professor Dorner. Die Hochschule bietet dazu ein vielfältiges Ökosystem: „Da sollte man unbedingt die Gelegenheit nutzen, sich ein Netzwerk aufzubauen und sich trauen, auf die Leute zuzugehen und sie um Hilfe bitten.“ Bereits in der Schule treiben Angebote wie „Gründer machen Schule“ und „Jugend forscht“ junge Kreative voran. Auch für Berufstätige ist es nach einiger Zeit im Betrieb nicht zu spät, ihre eigenen Ideen zu verwirklichen. Wichtig ist nur, am Anfang nicht zu viel zu wollen. „Wir haben klein angefangen, uns Kasten für Kasten hochgearbeitet. Haben alles selbst gemacht“, erinnert sich Carina.

Vom Keller ins Gründerzentrum

Heute sind sie zwar immer noch zu zweit, der elterliche Hobbykeller ist jedoch einem Büro im ITC-Gründerzentrum in Deggendorf gewichen. „Zwar können wir mit ‚MyPaketkasten‘ noch nicht auf eigenen Beinen stehen und müssen uns noch mit anderen Jobs über Wasser halten. Unser Ziel ist es aber, damit unseren Lebensunterhalt zu verdienen“, sagt Carina. Die beiden verzichten komplett auf Förderungen und Investoren. Sie wollen selbst über ihr Produkt bestimmen können. Das Startkapital von 25 000 Euro, um eine GmbH gründen zu können, stammt aus Erspartem.

 
 

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