Die Lage in Ostbayern Sicherheitsrisiko Lkw: Mythos oder Wahrheit?

Lkw-Unfall auf der Autobahn A3 bei Wörth an der Donau. Laut Statistik sind Lastwagen an etwa jedem zehnten Unfall auf Ostbayerns Autobahnen beteiligt. Foto: Simon Stadler

Wie gefährlich sind Ostbayerns Straßen? Und hier insbesondere die Autobahnen und Bundesstraßen in der Region? Bisweilen entsteht der Eindruck, dass es vor allem auf der A3 täglich knallt. Dabei immer wieder im Zentrum der Kritik: Lkw-Fahrer. Doch was ist dran an dem Generalverdacht gegen Brummifahrer?

Vor knapp zwei Wochen sorgte eine Meldung aus dem niederbayerischen Pleinting für Schlagzeilen. Auf der dortigen Bundesstraße B8 setzte ein ukrainischer Lkw-Fahrer zum Überholmanöver an. In einer völlig unübersichtlichen Kurve wollte er an einem vor ihm fahrenden Lastwagen vorbeiziehen. Es fehlte nicht viel und es wäre zu einem Frontalcrash gekommen, der wohl schreckliche Folgen gehabt hätte. Denn just in diesem Moment kam dem Ukrainer ein Notarztwagen im Einsatz entgegen. Dass es hier zu keinem Unfall kam, war wohl einzig der blitzschnellen Reaktion des Notarztes zu verdanken, der eine Vollbremsung einlegen musste.

Lesen Sie hierzu: Lkw-Überholmanöver zwingt Notarzt zur Vollbremsung

Es sind Meldungen wie diese, die für reichlich Wut und Unverständnis unter anderen Verkehrsteilnehmern sorgen. Allzu schnell werden dabei Lkw-Fahrer als die Gefahrenquelle schlechthin auf Deutschlands Straßen abgestempelt. Eine subjektive Wahrnehmung, denn die Zahlen aus dem Jahr 2018 sprechen eine andere Sprache. So waren lediglich an etwa jedem zehnten Unfall Lastwagen beteiligt. 

Autobahn Unfälle gesamt Unfälle mit LKW Prozentualer Anteil

A3

Niederbayern

1.107 122 11,02 %
A92 719 76 10,57 %

A3/A93

Oberpfalz

3.053 330 10,81 %

"Ausländerrennstrecke A3"

Die häufigste Unfallursache: ungenügender Sicherheitsabstand. Dicht gefolgt von rücksichtslosen Überholmanövern. Klar ist: sobald Lastwagen an Unfällen beteiligt sind, hat das meist deutlich schwerwiegendere Folgen. Umso mehr Vorsicht wäre daher in der Führerkabine der Straßenkolosse geboten. Und doch liest man immer wieder Horrormeldungen. Lenkzeiten und verpflichtende Ruhepausen werden nicht eingehalten oder völlig betrunkene Fernfahrer sitzen am Steuer. Überholverbote werden ignoriert und auch Tempolimits überschritten. Doch was ist dran am Bild der allgegenwärtigen Kamikaze-Brummifahrer? Thilo Wagner (53) aus dem Landkreis Straubing-Bogen arbeitet seit sechs Jahren als Lkw-Testfahrer und ist überwiegend nachts auf den Straßen unterwegs. Er sagt: „Die A3 ist unter uns Fahrern gemeinhin als die ‚Ausländerrennstrecke‘ bekannt und auf der B20 herrscht sowieso täglich Krieg.“ Drastische Worte. Doch Wagner begründet diese Aussage: „Klar gibt es überall schwarze Schafe, aber es ist nunmal wirklich so, dass es überwiegend ausländische Lkw-Fahrer sind, die sich nicht an Regeln halten.“

Pauschalisierung oder ungeschönte Realität? Eine Anfrage bei der Bundesanstalt für Güterverkehr (BAG) ergibt, dass im Jahr 2018 bundesweit tatsächlich deutlich mehr Lkw aus dem europäischen Ausland beanstandet wurden – insgesamt 35.397. Dem gegenüber stehen 16.771 beanstandete deutsche Lastwagen. Zahlen, die auf den ersten Blick recht eindeutig wirken. Sind sie aber nicht. „Man muss hierbei auch berücksichtigen, dass deutlich mehr ausländische als deutsche Lastwagen kontrolliert wurden“, ordnet BAG-Sprecher Horst Roitsch ein. In Zahlen ausgedrückt bedeutet das: 142.849 deutsche und 239.863 kontrollierte Lastwagen aus dem europäischen Ausland. Daraus ergibt sich für deutsche Fahrzeuge eine Beanstandungsquote von 11,74 Prozent, für Lkw aus dem Ausland eine Quote von 14,76 Prozent.

"Nur noch Stress und Zeitdruck"

Wären da noch die grenzwertigen bis halsbrecherischen Fahrmanöver. Zum Beispiel, wenn ein Lastwagen den anderen kurz vor einer Baustelle überholt. Wagner: „Alles schon gesehen. Da waren in der Vergangenheit schon einige Momente dabei, wo ich gar nicht mehr hinsehen konnte, weil ich mir dachte, ‚jetzt knallt‘s‘.“ Dennoch bricht der 53-Jährige für seine Kollegen auch eine Lanze. Denn das schlechte Image vieler Fernfahrer hat seiner Meinung nach einen politischen Ursprung. „In diesem Beruf herrscht überwiegend nur noch Stress und Zeitdruck. Dazu gibt es in Deutschland für die seit der Grenzöffnung gestiegene Zahl an Schwerlastverkehr viel zu wenige Park- und Rastplätze. Nicht umsonst müssen viele Fahrer ihren Lkw über Nacht auf dem Standstreifen oder direkt am Beschleunigungsstreifen abstellen“, berichtet Thilo Wagner.

Auch hier sprechen die Zahlen Bände, wie die folgende Grafik zur Verkehrsbelastung auf der A3 zeigt. Gemessen wird hier regelmäßig an der Dauerzählstelle bei Pocking.

Nach Ansicht Thilo Wagners hat es also die Politik in den vergangenen Jahren versäumt, die notwendigen infrastrukturellen Voraussetzungen für die gestiegene Verkehrsbelastung zu schaffen. Wagner: „Der Beruf des Fernfahrers bedeutet mittlerweile ein Zigeunerleben. Die Abenteuerromantik ist längst vorbei.“ In Kombination mit dem ständigen Zeitdruck herrsche in Deutschland aktuell ein Fahrermangel. „Das führt wiederum dazu, dass ausländische Speditionen dick im Geschäft sind. Die sind kostengünstiger und haben mehr Personal“, so Wagner. Der 53-Jährige hat aber auch Vorschläge, wie man die angespannte Lkw-Situation zumindest in Ansätzen etwas entschärfen könnte: „Es müsste definitiv viel mehr Kontrollen geben. Dazu müssten Lastwagen nach einer gewissen Zeit einfach ausrangiert werden. Es braucht höhere Sicherheitsstandards. Und die Parkplatzsituation müsste natürlich verbessert werden.“

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Dass es zu wenige Kontrollen gibt, sieht man zumindest in Reihen der Polizei nicht so. „Es finden täglich Lkw-Kontrollen auf der A3 statt. Man kann nicht immer gleichzeitig überall sein“, sagt Günther Tomaschko vom Polizeipräsidium Niederbayern. Doch Kontrollen hin oder her, letztlich ist es eine Frage der Vernunft. Das sieht auch Thilo Wagner so: „Das Hauptproblem ist doch, dass heutzutage niemand mehr Zeit und Geduld hat – weder Lastwagen- noch Autofahrer.“

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