Die Igel-Flüsterin Monika Lüdtke pflegt 30 Igel auf dem Passauer Land

Betrachtet die Welt von oben: "Die Prinarin" in den Armen von Monika Lüdtke Foto: Markus Alexandru

Bis zu 30 Igel leben unter Monika Lüdtkes Dach. Sie entfernt Zecken, putzt ihnen die Nase und entwurmt sie. Täglich bringen ihr Leute verletzte Igel. Nein zu sagen fällt ihr schwer.

Acht Jahre alt, doch das ist wahrscheinlich ihr letzter Sommer. Als sie auf den Arm genommen wird, wirkt sie ganz benommen, erholt sich aber schnell wieder davon. Sie öffnet langsam die kleinen braunen Kulleraugen und betrachtet die Welt von oben. Sie ist nun nicht mehr schläfrig, fühlt sich bedroht und beißt in den Finger ihrer Retterin. Es tut allerdings nicht weh, denn sie besitzt nur noch drei Zähne. Die Rede ist von "Prina", oder, wie sie von ihrer Retterin genannt wird, "die Prinarin". Sie ist eine von vielen Igeln, um die sich Monika Lüdtke in ihrem eigenen Haus in der Nähe von Bad Griesbach (Kreis Passau) kümmert - und das seit knapp 40 Jahren.

Begonnen hat alles damit, dass die heute 68-Jährige in ihrer Jugend einen Igel gefunden und zur örtlichen Igelhilfe gebracht hat. Dort konnte sie sich einiges abschauen und bildete sich seitdem selbstständig weiter. Nun besitzt sie über Jahrzehnte angehäufte Erfahrungen. Die kann sie häufig brauchen, denn die Population des heimischen Braunbrustigels ist stark zurückgegangen. Nach Angaben des Bayerischen Landesamts für Umwelt steht der Braunbrustigel bereits auf der Vorwarnliste der Roten Liste für gefährdete Tierarten in Bayern. Das bedeutet, wenn der Rückgang der Igel so weitergeht, ist der Igel schon bald auch hier in Bayern gefährdet.

Lüdtke ist besorgt über diese Entwicklung. Sie erwartet einen fortlaufenden Rückgang der Igelpopulation in ganz Deutschland. Unter den Tieren gilt der Igel als Nützling und trägt dazu bei, die Artenvielfalt der Insekten auf natürliche Weise zu regulieren. Das macht ihn besonders schützenswert.

Mähroboter sind ein schlimmer Feind des Igels

Flächenverbrauch und Klimawandel sind nur einige der Gefahren für den Igel. Einen neuen und ebenso präsenten Feind stellen die Mähroboter dar. Sie zerschneiden die Igel teilweise so sehr, dass Lüdtke nichts übrig bleibt, als die Tiere einzuschläfern. Die Sensoren der Roboter sind nicht sensibel genug, um das Tier vor sich zu erkennen, und machen daher keinen Halt vor den Gartenbesuchern. Die Konsequenzen sind verheerend. Es sind Bilder von Verletzungen, die Lüdtke nicht mehr aus dem Kopf gehen.

In Lüdtkes Haus lässt sich hin und wieder ein leises Rascheln vernehmen. Jeder Igel bekommt eine weiße Kiste, die mit Zeitung ausgelegt ist, und ein mit geschredderter Zeitung gepolstertes Haus aus Karton, das als Unterschlupf dient.

Für jeden Igel schreibt Lüdtke ein Pflegeprotokoll, das sie an die jeweilige Kiste hängt. So behält sie den Überblick und kann die Erfahrungen bei Igeln mit ähnlichem Krankheitsbild nutzen. So sieht sie auch, was besser oder schlechter wirkt.

Jeden Tag säubert Lüdtke die weißen Kisten und ersetzt das Zeitungspapier. Die Igel sind "Dauerkoter" und als Wildtiere nicht daran gewöhnt, sauber zu sein. Danach wird jeder Igel gründlich untersucht. Mithilfe ihres Mikroskops betrachtet Lüdtke den Kot der Igel, um Blutrückstände oder Wurmbefall zu erkennen.

Entwurmungsspritzen sind Teil der medizinischen Versorgung. Manche Igel versuchen, vom Behandlungstisch zu fliehen, andere rollen sich ein. Lüdtke sagt, dass sich viele Igel charakterlich unterscheiden. Am Ende der Behandlung vermerkt sie den Ablauf im Protokoll. Beim Einsatz von Antibiotikum muss Lüdtke zuvor einen Tierarzt fragen. Manche Tiere haben eine Resistenz gegen das Mittel entwickelt. Umso schwieriger ist es, bereits resistente Igel zu behandeln.

Im August werfen Igel - dann klingelt das Telefon

Im Idealfall ist Lüdtkes Haus für die Igel nur eine Zwischenstation. Wenn Igel aufgepäppelt sind, müssen sie wieder ausgesetzt werden. Dabei ist es wichtig, den Igel wieder an derselben Stelle auszusetzen, an der er gefunden wurde. Igel besitzen einen sehr guten Orientierungssinn und kommen in einer neuen Umgebung nicht zurecht. Einen Igel auszusetzen ist, auch nach all den Jahren, jedes Mal aufs Neue schwierig zu verkraften, sagt Lüdtke. Für sie bleibe aber die Gewissheit, ein Tierleben gerettet zu haben. Das gelingt jedoch nicht immer. Manche ihrer Igel sterben.

Nach Vorgabe des Veterinäramts müssen verendete Igel einem Tierarzt zur sachgemäßen Entsorgung gebracht werden. Ein unpersönlicher Weg, Abschied zu nehmen, sagt Lüdtke. Es fällt ihr schwer, den Tod eines Tieres anzusehen. Lüdtke aber bleibt positiv. Sie sieht alles in einem größeren Zusammenhang. Indem sie den Tieren hilft, gibt sie ihnen ihre Würde zurück. Oft werden Igel überfahren und einfach liegengelassen. Das lässt Wildtiere wertlos erscheinen, doch aus Lüdtkes Sicht sind sie das keineswegs.

Lüdtkes Tagesablauf hängt von der Jahreszeit ab. 14 Igel zu pflegen und dabei noch Zeit für sich zu finden, ist nur in den frühen Sommermonaten möglich. Die ersten Igelwürfe beginnen im August und dann klingelt ständig das Telefon. Menschen, die einen Igel gefunden haben und auf Hilfe angewiesen sind, rufen ab dann fast durchgehend an. Das reißt Lüdtke immer wieder heraus.

Ein typischer Tagesablauf in der Hochsaison beginnt um 6.30 Uhr mit dem Weg in die Igelstation ihres Hauses. Dort spült sie die Futterschüsseln ab und säubert mit übergezogenen Einweghandschuhen die Boxen. Gegen 8 Uhr frühstückt sie kurz mit ihrem Mann. Schon in der Früh kommen durchgehend Anrufe rein. Es dauert daher bis in den Nachmittag, bis sie die Boxen gesäubert hat.

Von 13 bis 14 Uhr antwortet sie auf die verpassten Anrufe und vereinbart dabei oft, wann der gefundene Igel vorbeigebracht werden soll. Eine Mittagspause fällt damit an den meisten Tagen flach, denn die Leute bestehen darauf, den Igel schnellstmöglich loszuwerden. Entgegenkommend sind dabei nur die wenigsten. Manche verlangen sogar, dass Lüdtke die gefundenen Igel abholt, doch das macht Lüdtke wegen ihres strikten Zeitplans nicht.

Maximal 30 Igel dürfen bei ihr leben

Nach Vorschrift des Veterinäramts darf Lüdtke maximal 30 Igel behandeln. Viel mehr können von einer einzelnen Person nicht bewältigt werden. Die Igel, die bei ihr abgegeben werden, haben teilweise 50 Zecken oder Fliegeneier. Lüdtke entfernt sie, eines nach dem anderen. Das dauert bis zu einer Stunde pro Igel. Die vollständige medizinische Behandlung aller bei ihr lebenden Igel dauert bis in den Abend an. Ab 21 Uhr werden dann die letzten verpassten Anrufe und E-Mails beantwortet. In der Hochsaison sind das gut 80 pro Tag.

Selbst nachts hat sie nicht ihre Ruhe. Säuglinge füttert sie zweimal in der Nacht - und ab und zu kommt es vor, dass selbst nach Mitternacht angerufen wird. Die Hochsaison dauert knapp zwei Monate. Pausen gibt es wenige.

Verein unterstützt und sucht Pflegepaten

Lüdtke war lange Zeit eine Einzelkämpferin. Bis zur Gründung ihres Vereins hat sie den Igeln privat geholfen. Seit 2020 unterstützt sie ihr Verein Igelhilfe Passauer Land bei der Arbeit. Igelfreunde können seitdem Mitglied werden. Die Mitgliedsbeiträge helfen Lüdtke bei der Finanzierung. Nach Angaben des Vereins betrugen die Futterkosten im Jahr 2021 allein 7.300 Euro. Tierarzt-, Medikamenten- und Entsorgungskosten beliefen sich auf über 3.500 Euro. Lüdtke und ihr Verein sind bei solchen Kosten auf Spenden angewiesen.

Wer aktiv helfen will, kann Igelpate werden oder eine Pflegeelternschaft übernehmen und einen Igel selbst bis zum Idealgewicht aufpäppeln und anschließend aussetzen. Wenn Lüdtke das für jedes Tier selbst übernehmen muss, kann sie keine neuen verletzten Tiere aufnehmen. Den Paten steht Lüdtke mit ihrer Expertise zur Seite.

Zum Autor

Der Autor Markus Alexandru studiert in Passau Journalistik und strategische Kommunikation. Sein Beitrag ist in einer Lehrredaktion entstanden, die in dem Studiengang integriert ist. Die Lehrredaktion wird von Redakteuren unserer Mediengruppe betreut. Alexandru besuchte Lüdtke im Frühsommer.

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