DFB-Chefscout im Interview Thomas Schneider: "Mannschaft verfügt über großes Potenzial"

Thomas Schneider hat sich bei einem Redaktionsbesuch über seinen Job als Chefscout des DFB geäußert. Foto: Susanne Raith

Thomas Schneider macht kein Geheimnis daraus, dass es bei ihm schon eine gewisse Zeit gedauert hat, bis er die Weltmeisterschaft 2018 mit dem Ausscheiden in der Vorrunde verarbeitet hat. „Natürlich nimmt einen das mit, wenn man durch so ein Abschneiden eine Fußballnation enttäuscht“, sagt er. Im Gespräch mit unserer Mediengruppe vermittelt der Wahl-Straubinger aber auch, dass er nun wieder richtig Lust auf die neuen Aufgaben hat. Er wechselte nach der WM vom Co-Trainer-Posten in die Rolle des Chefscouts beim DFB. Auch in diese Tätigkeit gewährt der 47-Jährige Einblicke.

Herr Schneider, wie haben Sie die Weltmeisterschaft 2018 für sich aufgearbeitet?
Thomas Schneider: Erstmal haben wir uns unmittelbar nach dem Turnier mit dem Trainerteam und Oliver Bierhoff zusammengesetzt, um die WM intern in aller Deutlichkeit zu analysieren, aufzuarbeiten und erste Schritte in Richtung Neuausrichtung einzuleiten. Ich selber habe auch eine gewisse Zeit gebraucht, um die Enttäuschung zu verarbeiten. So etwas gelingt erst dann besser, wenn neue Ziele wie die Qualifikation, oder das jetzt anstehende Turnier in den Vordergrund rücken.

Wie haben Sie die öffentliche Kritik wahrgenommen?
Schneider: Wenn man als deutsche Nationalmannschaft in der WM-Vorrunde ausscheidet, dann ist Kritik definitiv zu erwarten und an vielen Stellen berechtigt. Man registriert aber auch sehr schnell, wer medial bestimmte Interessen verfolgt und Schwarz-weiß-Malerei betreibt und wer versucht, bei aller Enttäuschung, das Geschehene auch sachlich einzuordnen.

War für Sie vor der WM auch nur im Ansatz zu vermuten, dass das Turnier so schiefgehen könnte?
Schneider: An so etwas verschwendet man vor einem Turnier keine Gedanken, es gab auch keine Anzeichen dafür. Wir hatten eine perfekte Qualifikation gespielt, den Confed-Cup im Jahr davor gewonnen und noch im März gegen Spanien eines unserer besten Spiele überhaupt gemacht. Natürlich gab es vor dem Turnier das ein oder andere öffentliche Thema, aber das gab es vor anderen Turnieren auch.

Woran lag dann das schlechte Abschneiden aus Ihrer Sicht?
Schneider: Wir haben es nicht geschafft, im ersten Spiel das Niveau zu erreichen, das man benötigt, um ein WM-Eröffnungsspiel zu gewinnen. Durch die Niederlage gegen Mexiko haben wir uns in eine Situation gebracht, die wir hinterher nicht mehr korrigieren konnten.

Nach dem Weltmeister-Titel 2014 wurde Thomas Schneider neuer Co-Trainer von Joachim Löw. Insgesamt vier Jahre arbeitete er in dieser Position, machte mit der Europameisterschaft 2016, dem Confed Cup 2017 und der Weltmeisterschaft 2018 drei große Turniere mit.

Wie bleibt Ihnen die Zeit als Co-Trainer unter dem Strich in Erinnerung?
Schneider: Es war eine wahnsinnig intensive Zeit mit unfassbar schönen Erlebnissen, dem EM-Halbfinale 2016 mit dem zuvor historischen Sieg im Viertelfinale gegen Italien oder dem Sieg beim Confed-Cup mit einer ganz jungen Mannschaft. Es gab aber auch weniger schöne Erlebnisse: Das Vorrunden-Aus 2018 oder die Ereignisse rund um die Länderspiele in Paris und Hannover 2015, als plötzlich der Terror den Fußball erreichte.

Wie lief Ihr Einstieg 2014, nachdem die Mannschaft zuvor den WM-Titel gewonnen hatte?
Schneider: Die Zeit nach dem Titel war sicherlich keine leichte Zeit, es war eine gewisse Müdigkeit bei der Mannschaft und auch beim Team hinter dem Team zu spüren. Man hat gemerkt, dass alle während der WM alles investiert hatten. Da ist es ganz normal, dass man eine Zeit braucht, um das zu verarbeiten, sich mental zu erholen und neue Ziele anzugehen. Das ist ein ganz normaler Prozess.

Wie hat sich die Mannschaft in der Zeit, in der Sie Co-Trainer waren, entwickelt?
Schneider: So eine Entwicklung ist immer in einem langfristigen Prozess zu sehen. Dieser hat 2006 angefangen und wurde 2010 mit einem sehr erfrischenden Fußball, gutem Umschaltspiel und tollen Ergebnissen fortgeführt. 2014 war in puncto Erfolg der Höhepunkt und die Balance zwischen Defensive und Offensive optimal. Aus meiner Sicht gab es anschließend noch einmal eine Weiterentwicklung Richtung 2016. Bei der EM hatten wir eine Mannschaft mit großer Erfahrung und guten Automatismen. Wir waren dominant, ohne die Defensive zu vernachlässigen und meiner Meinung auf einem sehr guten Niveau. Leider hatten wir im Halbfinale einige angeschlagene Spieler, so dass wir uns den Franzosen am Ende geschlagen geben mussten.

Nun wurde ein Umbruch eingeleitet, Spieler wie Thomas Müller oder Mats Hummels sind nicht mehr dabei. Wie bewerten Sie dies?
Schneider: Insbesondere nach der Nations League hat das Trainerteam gemerkt, dass Veränderungen notwendig sind, dass man jungen Spielern Raum geben muss, um sich zu entwickeln. Das ist ein ganz normaler Prozess.

Thomas Müller spielt aktuell sehr gut, auch Mats Hummels spielt eine gute Saison…
Schneider: Ich freue mich total, wenn die Jungs gut spielen. Das sehen wir auch. Auf der anderen Seite gibt es auf diesen Positionen auch andere Spieler, die ebenfalls gute Leistungen bringen. Jogi wird das bei der Nominierung genau abwägen und dann die beste Entscheidung für das Team treffen.

Mit der Weltmeisterschaft 2018 ging Thomas Schneiders Zeit als Co-Trainer von Joachim Löw zu Ende. Das Team ums Team sollte kleiner werden. Schneider wechselte in die Analyseabteilung, wo er seitdem als Chefscout des DFB tätig ist.

Wie ist das Scouting beim DFB aufgestellt?
Schneider: Mein konkretes Aufgabengebiet ist die Gegneranalyse. Gemeinsam mit meinem Analystenteam bereiten wir den jeweils nächsten Gegner für das Trainerteam vor und bieten verschiedene Optionen an, wie man gegen ihn agieren kann. Der zweite wichtige Bereich ist die Beobachtung aktueller und potenzieller Nationalspieler in ihren Ligen oder den europäischen Wettbewerben. Hier unterstütze ich das Trainerteam mit der Einschätzung der Leistungen und Potenziale unserer Nationalspieler.

Wie wichtig ist den Spielern die Analyse der Gegner, gibt es da unterschiedliche Typen?
Schneider: Die Informationen werden auf alle Fälle nachgefragt. Entscheidend ist für uns, das richtige Maß zu finden, um aus einer Masse an Informationen die wesentlichen herauszufiltern. Die Information muss für den Spieler einen Benefit haben, die Jungs wollen Lösungen und keine Zustandsbeschreibung.

Bis zu welchem Punkt sind Mannschaften zu analysieren? Wurden Sie auch schon mal überrascht vom Gegner?
Schneider: Bei Spielanalysen sprechen wir grundsätzlich von Dingen, die in der Vergangenheit passiert sind. Eine mannschaftstaktische Analyse gibt uns also nur gewisse Wahrscheinlichkeiten im Hinblick auf das nächste Spiel. Die individuellen Fähigkeiten einzelner Spieler verändern sich in der Regel eher weniger von der einen auf die andere Woche. Beides versuchen wir, in unsere Überlegungen miteinzubeziehen und entsprechende Muster herauszufiltern. Abweichungen von dem, was wir erwarten, gibt es immer wieder, so zum Beispiel 2017 im Spiel gegen England in Dortmund, als die Engländer das erste Mal mit einer Dreier-Kette agierten. Im Vorfeld hatten wir das zwar thematisiert, weil England mit Gareth Southgate einen Trainer hat, der das Spiel des englischen Teams grundlegend verändert hat, erwartet hatten wir sie aber anders.

Beim Beobachten der potenziellen Nationalspieler: Was ist dem DFB hier besonders wichtig?
Schneider: Für jede Position gibt es bestimmte Profile. Was muss ein Spieler auf der entsprechenden Position gemäß unserer Spielphilosophie können? Bei potenziellen Nationalspielern müssen wir zudem die Fantasie haben, dass der Spieler dieses Niveau in absehbarer Zeit erreichen kann.

Können Sie sich irgendwann auch wieder eine Rückkehr ins Traineramt vorstellen?
Schneider: Darüber mache ich mir momentan keine Gedanken. Im Moment zählt für mich nur die EM und das, was ich dazu beisteuern kann, damit wir erfolgreich sind.

Gerade im Nachwuchsbereich wurde der deutsche Fußball in den vergangenen Jahren von anderen Nationen überholt. Thomas Schneider hat durch seine Arbeit einen guten Einblick, was auch in anderen Nationen passiert.

Wo ordnen Sie den deutschen Fußball im internationalen Vergleich aktuell ein?
Schneider: Wir haben eine junge, hochtalentierte Mannschaft mit viel Potenzial, die noch Raum und Zeit braucht, um sich zu entwickeln. Das Potenzial ist da, um irgendwann wieder an der Weltspitze anzuklopfen. Im Moment sind wir da noch nicht, das wissen wir und das treibt uns an. Aufpassen muss man allerdings bei den jüngeren Jahrgängen, ab den 1999ern oder 2000ern, da haben wir nicht mehr die Masse an Spitzentalenten. Da sind uns momentan andere Nationen wie Frankreich oder England voraus.

Was machen diese Nationen denn besser?
Schneider: Da gibt es ganz unterschiedliche Ansätze. Die Engländer haben zum Beispiel sehr viel in ihre Trainerausbildung investiert, trainieren häufig in kleinen Spielformen, fördern die Spieler sehr individuell.

Wird die individuelle Förderung auch in Deutschland an Bedeutung zunehmen?
Schneider: Das spielt sicher eine große Rolle und das muss sie auch. Joti Chatzialexiou (Sportlicher Leiter Nationalmannschaften, Anm. d. Red.) und sein Team machen sich dazu viele Gedanken und haben gute Ideen, an welchen Stellschrauben zu drehen ist, damit wir auch mit den nächsten Generationen international erfolgreich sein werden. Ein wesentlicher Punkt für mich ist, dass wir im Jugendfußball schon zu früh spielkonzeptionell und mannschaftsorientiert trainieren und das Ergebnis zu oft über allem steht. Durch die zur Verfügung stehenden Informationen wissen heute 99% aller Trainer wahnsinnig viel über Fußball, Systeme, Taktik, Ballbesitz und so weiter. Die häufigsten Kommandos, die man selbst bei Spielen jüngerer Jahrgänge auf den Plätzen bei uns in Niederbayern hört, sind ‚Spui, spui, spui‘, oder ‚pressen‘ und ‚verschieben‘. Wie soll sich da ein Gnabry entwickeln, wenn ein 10- Jähriger nach dem ersten Dribbling ‚zurückgepfiffen‘ wird? Im Jugendbereich geht es um Mut, um Spaß, um unendlich viele Ballkontakte, um viele Eins-gegen-Eins-Duelle, darum Fehler zu machen und auch machen zu dürfen. Ich finde es fantastisch, was ehrenamtliche Trainer in ihrer Freizeit an der Basis leisten und wie engagiert sie sind. Für uns als Verband muss das eine Aufforderung sein, die Trainer noch besser zu begleiten, zu schulen und darüber hinaus Wettbewerbsformen zu schaffen, in denen viele Ballkontakte und Erfolgserlebnisse garantiert sind.

Der Terminplan von Thomas Schneider ist bis zum Sommer fast täglich voll. Kein Wunder, schließlich steht dann mit der Europameisterschaft das nächste große Turnier an.

Wie ist Ihr Gefühl mit Blick auf die EM?
Schneider: Ich bin sehr optimistisch. Wir haben eine sehr junge Mannschaft, die sicherlich auch Fehler machen wird, aber über großes Potenzial verfügt.

Ist die starke Gruppe Fluch oder Segen?
Schneider: Das kann man so oder so sehen. Ich persönlich finde diese Konstellation sehr spannend und freue mich darauf. Jedem ist klar, dass wir ab dem ersten Trainingstag Vollgas geben müssen, um im ersten Spiel bereit zu sein.

Haben Sie direkt nach der Auslosung begonnen, die Gruppengegner zu analysieren?
Schneider: Wir haben uns natürlich einen Überblick verschafft und angefangen, Informationen zu sammeln. Aktuell stehen noch die davor anstehenden Länderspiele in Spanien und gegen Italien im Vordergrund. Parallel beschäftigen wir uns mit den Gruppengegnern und auch potenziellen Gegnern nach der Gruppenphase.

Seine Trainerlaufbahn hat Thomas Schneider in Niederbayern, beim FC Dingolfing, begonnen. Ab 2007 trainierte er dort erst eineinhalb Jahre die A-Junioren, darauffolgend weitere eineinhalb Jahre die erste Mannschaft.

Wie haben Sie die Anfänge in Dingolfing in Erinnerung?
Schneider: Das war eine wirklich schöne und lehrreiche Zeit für mich. Es hat super viel Spaß gemacht, ich konnte mich ausprobieren, als junger Trainer auch Fehler machen. Wir hatten eine tolle Mannschaft und der eine oder andere Spieler – zum Beispiel Sebastian Nachreiner oder Marco Jordan – hat später den Schritt in den Profifußball geschafft.

Wie ist heute Ihr Bezug zum niederbayerischen Fußball?
Schneider: Da ich viel unterwegs bin, bleibt leider zu wenig Zeit, um den niederbayerischen Fußball enger zu verfolgen. So oft es geht, schaue ich bei den Spielen meines Sohnes zu.

Im Jahr 2005, nachdem er seine aktive Laufbahn bei Hannover 96 beendet hatte, stellte sich die Frage für Thomas Schneider, wo der zukünftige Lebensmittelpunkt sein soll. Er hatte damals schon die Möglichkeit, im Jugendbereich des VfB Stuttgart einzusteigen. Er wollte aber erst einmal Abstand vom Fußball gewinnen, wollte sich neu ausrichten. Also fiel die Wahl auf Straubing, wo seine Frau aufgewachsen ist. Seitdem ist Straubing der Lebensmittelpunkt der Schneiders.

Was bedeutet Ihnen Straubing?
Schneider: Für mich ist Straubing ein Rückzugsort, ein Ort zum Abschalten. Ich bin oft in größeren Städten und in Stadien unterwegs. Das ist viel mit Hektik, Reisen und Stress verbunden. Straubing mit seiner Gemütlichkeit ist für mich ein Stück weit zur Heimat geworden.

Wie oft sind Sie in Straubing?
Schneider: Ich habe das Glück, dass ich in meinem aktuellen Job auch mal im Home-Office arbeiten kann. Dadurch kommt es vor, dass ich auch mal zwei, drei Tage am Stück zu Hause sein kann.

Beim Stichwort Straubing kommt man aktuell an den Tigers nicht vorbei. Verfolgen Sie auch mal das Eishockey?
Schneider: Ich habe dieses Jahr leider noch kein Spiel gesehen, verfolge aber die Leistungen der Mannschaft und freue mich über die guten Ergebnisse. Den Erfolg kann man gar nicht hoch genug bewerten. Ich glaube, der Mannschaft ist in dieser Saison alles zuzutrauen.

 

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