Deutschland Wallfahrt zum Heiligen Wendelin

Das Hochgrab des Heiligen in der Basilika hinter dem Hochaltar. Foto: Günter Schenk

Wer nach innerer Einkehr sucht, für den empiehlt sich eine Wallfahrt – zum Beispiel ans Grab des Heiligen Wendelin im saarländischen St. Wendel.

Mitten in der historischen Altstadt reckt sich der Turm der gotischen Basilika hoch in den Himmel. Bis heute ist er das Wahrzeichen der gut 25.000 Einwohner zählenden Gemeinde St. Wendel, die bis zur Jahrtausendwende offiziell noch Sankt Wendel hieß. 1960 erhob der Papst das Gotteshaus wegen seiner kirchengeschichtlichen Bedeutung in den Ranges einer Basilika. Wendelsdom nennen die Lokalpatrioten das mächtige Bauwerk, in dem der Heilige Wendelin seit Jahrhunderten begraben liegt.

Sancto Wandolino nannte sich der Ort im Mittelalter, eine gewichtige Pilgerstätte im Herzen Europas. Von hier gingen immer wieder Glaubensimpulse aus, die bis heute im Vermächtnis des Heiligen Wendelin wurzeln. "Gott suchen wie St.Wendelin" ist deshalb auch das Motto der Jubiläumswochen, die am vergangenen Sonntag, 15. Oktober, mit einem Pontifikalamt begonnen haben. Anschließend war die Lade mit den Gebeinen des Heiligen auf einem Pferdewagen durch die Stadt unterwegs, ehe sie wieder einmal geöffnet und im Chor der Basilika zur Schau gestellt wurde.

Hier können die Gläubigen Wendelins Schrein berühren und die Kraft spüren, die nach christlicher Tradition von allen Heiligen ausgeht. Gerade in unserer Zeit, heißt es in der Stadtpfarrei, sei die Wallfahrt zu Wendelin wichtig, weil sie den Menschen Orientierung und einen Anker bieten könne, vor allem "im Hinblick auf die vielen Menschen unterschiedlicher Kultur, Rasse, Religion und Herkunft". Denn auch in St.Wendel sind die Herausforderungen der Gegenwart spürbar. So schrumpft die Zahl der Einwohner fast Jahr für Jahr, zieht es vor allem junge Menschen aus der ländlichen Idylle des saarländischen Nordostens in die Großstädte an Saar, Rhein und Mosel.

Der Königssohn verdingte sich als Schafhirte bei einem Adligen

Dabei war es gerade diese Idylle, eine grüne, kaum besiedelte Landschaft, die Wendelin einst anzog. Nach einer Pilgerreise nach Rom war der von einem Bischof erzogene iro-schottische Königssohn Mitte des 6. Jahrhunderts hier hängengeblieben, um als Einsiedler neue Kraft zu tanken. Den Lebensunterhalt verdingte er sich als Schafshirte bei einem Adligen. Seine fromme Lebensweise beeindruckte damals auch die Mitglieder einer Mönchsgemeinschaft, die ihn schließlich zum ersten Abt des Klosters Tholey gekürt haben soll. Am Morgen nach seinem Begräbnis, höchstwahrscheinlich anno 617, aber lag der Leichnam neben dem Grab, worauf man Wendelin auf einen Ochsenwagen bettete und die Tiere den Weg zur endgültigen Ruhestätte suchen ließ. Der war schließlich im heutigen St. Wendel.

Legenden sind diese Geschichten, denn über die historische Person Wendelin ist kaum etwas bekannt. Der erste schriftliche Hinweis auf seine Existenz findet sich erst rund 400 Jahre nach seinem Tod in der Lebensbeschreibung eines um 587 gestorbenen Trierer Bischofs, in der ein Abt namens Wandalinus erwähnt ist. Dieser ist nach Überzeugung der meisten Historiker mit dem Heiligen identisch. Auch an seiner Wallfahrt nach Rom und seiner hochrangigen Abstammung bestehen heute wenig Zweifel.

Historisch belegt ist auch, dass man schon im frühen Mittelalter zu seinem Grab nach St.Wendel pilgerte. Größte Förderer der Wallfahrten waren die Bischöfe, die Sankt Wendels Kirche auch gern mit Reliquien ausstatteten. Denn was heute Festivals und Kunstausstellungen, waren für die Menschen des Mittelalters die in den Kirchen gezeigten Knochen der Heiligen oder andere christliche Reliquien. So waren schon im 15. Jahrhundert neben den Gebeinen Wendelins auch Reliquien der Apostel Bartholomäus und Andreas in St.Wendel zu sehen - dazu Reliquien vom hl. Kreuz, vom Schweißtuch der Veronika, Reste von Jesu Purpurmantel und der Milch der heiligsten Jungfrau Maria. Stolz war man zudem auf sterbliche Überreste der Heiligen Christophorus, Quirinus, Laurentius und Gertrud. Es war eine staatliche Sammlung, deren gebündelte Heilkraft die Pilgerreise nach Sankt Wendel so wertvoll machte. Das Seelenheil förderte auch immer wieder der Erlass von Sündenstrafen, der mit der Wallfahrt verbunden war.

Die Popularität des Heiligen untermauerten schließlich im 14. und 15. Jahrhundert enstandene Legenden, die sein Leben in bunten Bildern und spannenden Geschichten ganz neu ausmalten. Sie festigten das Bild eines tugendsamen und frommen Hirten, eines Einsiedlers und Pilgers, dem man als Gläubiger nacheifern sollte. Noch volkstümlicher wurden diese Geschichten schließlich im Barock ausgeschmückt, die Wendelinus auch in den Alpenregionen bekannter machten. Dazu gehörten auch Berichte über angebliche Wunder wie die Wiederbelebung eines ertrunkenen Knaben oder die Heilung von Kranken.

Noch heute betet man am Pfingstmontag um Schutz für Mensch und Tier

Die zunehmende Beliebtheit Wendelins spiegelt heute auch die Ausstattung der Basilika, zu der neben der um 1370 entstandenen Tumba im Chor auch das um 1480 geschaffene Heilige Grab und das in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts hinter dem Hochaltar geschaffene Hochgrab des Heiligen gehören. Es erlaubte den Wallfahrern, unter ihm hindurch zu schreiten und so die Kraft des Heiligen auf sie zu übertragen.

Mit der Reformation und den folgenden Glaubenskriegen aber ließen die Pilgerströme nach, ehe sie im Barock wieder Fahrt aufnahmen. Wendelin, der anfangs als Schutzherr der Pilger, später auch als Pest- und Seuchenpatron wahrgenommen wurde, war nach den barocken Legenden, die seine Arbeit als Hirte besonders würdigten, jetzt vor allem Patron fürs Vieh. "St. Wendelin, verlass uns nie. Schirm unsre Stall, schütz unser Vieh. Verscheuch' die Seuch' von Mensch und Tier, St. Wendelin, wir danken dir", beten die Menschen so noch heute am Pfingstmontag in St.Wendel, wenn sie zur traditionellen Reiterwallfahrt zusammenkommen.

Inzwischen ist Wendelin auch Patron der Natur und Umwelt. "Hilf, guter Hirt, St. Wendelin, dass wir schützen, was da lebt und die gute Erde", heißt es in einem neuen Pilgerlied. Vor allem aber will man im Jubiläumsjahr der Missionstätigkeit des Heiligen gedenken, der sich auch die in St.Wendel beheimateten Steyler Missionare verpflichtet fühlen. Ein neuer Film unter dem Titel "Wendlin welt weit" hatte am 11. Oktober in St. Wendel Premiere - zum Auftakt der großen Feiern, die am Reformationstag, den 31. Oktober, mit einer "Nacht der offenen Kirche" ganz ökumenisch enden.

Reisetipps:

Jeder einzelne der Wallfahrtstage steht unter einem eigenen Motto, außerdem hat die Pfarrgemeinde St. Wendelin ein umfangreiches Rahmenprogramm zusammengestellt. Weitere Informationen bei der Tourist-Info St. Wendel, Rathausplatz 1, 66606 St. Wendel, Tel. 06851/1913, www.stankt-wendel.de. Unter dem Motto "Momente zum Innehalten" hat man außerdem einige der historischen Pilgerpfade neu belebt - so den Wendelinus-Pilgerweg (15 km) und den Wendelinus-Rundweg um St. Wendel (8 km). Die Routen sind mit einem Pilgerstab-Symbol in verschiedenen Farben ausgeschildert.

 
 
 

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