Deutschland Parteien sagen wegen Krise politischen Aschermittwoch ab

Markus Söder spricht beim Politischen Aschermittwoch der CSU. Foto: Peter Kneffel/dpa/Archivbild/dpa

Der politische Aschermittwoch ist eine Traditionsveranstaltung. Der verbale Schlagabtausch mit derben Sprüchen steht bei Top-Politikern eigentlich fest im Terminkalender. In diesem Jahr nicht mehr. Eine CSU-Größe findet das nicht gut - und setzt sich in die Nesseln.

München (dpa/lby) - Wegen des Krieges in der Ukraine haben Parteien in Bayern ihre Veranstaltungen am politischen Aschermittwoch abgesagt. "Natürlich kann ein Aschermittwoch so nicht stattfinden", sagte CSU-Chef und Ministerpräsident Markus Söder am Donnerstag am Rande seiner Reise zu Österreichs Kanzler Karl Nehammer. Daher falle die Veranstaltung aus.

"Nach dem Angriff Russlands ist die Lage in der Ukraine dramatisch - es herrscht Krieg in unserer direkten Nachbarschaft. Selbstverständlich kann der politische Aschermittwoch in dieser Zeit nicht stattfinden", erklärte der bayerische Grünen-Parteichef Thomas von Sarnowski. Der Parteichef der Bayern-SPD, Florian von Brunn, sagte: "Jetzt steht die Sorge um die Menschen in der Ukraine und den Frieden für uns im Vordergrund." Ähnlich äußerten sich Vertreter von Freien Wählern, FDP und AfD.

Russland hatte am frühen Donnerstagmorgen einen Krieg gegen die Ukraine begonnen. Angriffe mit Kampfflugzeugen, Hubschrauber und Raketen wurden auch aus verschiedenen Teilen der Ukraine gegen militärische Infrastruktur gemeldet. Ukrainische Behörden berichteten von Dutzenden Toten und Verletzten.

Trotzdem hielt der ehemalige CSU-Chef Erwin Huber die Absage der Traditionsveranstaltung seiner Partei für falsch. "Der politische Aschermittwoch ist keine Gaudi, sondern ernsthafte Politik", erklärte Huber der "Passauer Neuen Presse" (Freitagsausgabe). Er hielte die Veranstaltung für "eine Gelegenheit, mit Putin abzurechnen und eine klare Position der CSU zu beschreiben".

Söder reagierte bei seiner Reise nach Wien prompt: "Es wäre völlig unangemessen das durchzuführen. Das ist eine Einzelmeinung", sagte der CSU-Parteichef und betonte, er habe sich mit den CSU-Ehrenvorsitzenden Theo Waigel und Edmund Stoiber abgestimmt.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein politischer Aschermittwoch ausfällt. Im Jahr 2016 fiel erstmals in der Geschichte einer aus. Grund war das Zugunglück von Bad Aibling am Vortag, bei dem zwölf Menschen ums Leben kamen und rund 80 verletzt wurden.

Im vergangenen Jahr fanden Aschermittwochs-Veranstaltungen trotz Corona-Pandemie statt - allerdings in deutlich abgespeckter Version. Die Parteien übertrugen Reden ihrer Spitzenpolitiker aus kleinen Räumen statt aus vollbesetzten Bierzelten ins Internet.

Der politische Aschermittwoch hat in Bayern eine lange Tradition. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten sich im niederbayerischen Vilshofen an diesem Tag die Bauern zum Viehmarkt getroffen. Dabei feilschten sie nicht nur um Tierpreise, sondern nahmen beim Bier auch die königlich-bayerische Regierung ins Visier. 1919 lud der bayerische Bauernbund anlässlich des Viehmarkts dann erstmals zu einer Kundgebung - das Politspektakel war geboren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der politische Aschermittwoch von der Bayernpartei wiederbelebt, die ihre Veranstaltung zu deftigen Angriffen auf die CSU nutzte. Die Christsozialen stiegen wenig später in die Tradition ein. Am 18. Februar 1953 lud die CSU zu ihrer ersten Aschermittwochs-Kundgebung: in den "Wolferstetter Keller" in Vilshofen. Franz Josef Strauß, damals CSU-Generalsekretär, war einer der Redner. Das Traditionslokal war am Aschermittwoch jahrelang die Heimat der CSU - aber am Ende so voll, dass die CSU 1975 nach Passau ausweichen musste, erst in die Nibelungenhalle, dann in die Dreiländerhalle.

Längst ist der politische Aschermittwoch ein mediales Politspektakel, das keine Partei, die etwas auf sich hält, auslassen kann. Große und kleinere Parteien laden ihre Anhänger an diesem Tag ein - und das längst nicht mehr nur nach Niederbayern.

© dpa-infocom, dpa:220224-99-264099/6

 

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