Deutschland Naturwunder für Flusskreuzfahrer

Mit der Zille durch den Donaudurchbruch. Der niedrige Wasserstand machte in diesem heißen Sommer das Baden im Naturdenkmal möglich. Foto: Rosi Thoma
Mit der Zille durch den Donaudurchbruch. Der niedrige Wasserstand machte in diesem heißen Sommer das Baden im Naturdenkmal möglich. Foto: Rosi Thoma

Bayerns schönste "Mythen" zum Doppeljubiläum: der Donaudurchbruch und Kloster Weltenburg.

Der "Mythos Bayern" ist mehr als Wald, Gebirge und Königstraum, Prachtschlösser und jodelnde Sennerinnen, wie es uns die Landesausstellung im Kloster Ettal glauben lässt. Nicht nur in Oberbayern prägen Sehnsuchtsorte das Land, das im vergangenen Jahr 34 Millionen Gäste aus aller Welt anzog. Zum Doppeljubiläum 100 Jahre Freistaat und 200 Jahre Bayerische Verfassung begaben wir uns auf Mythen-Suche. Erste Station: die tausendjährige Benediktinerabtei Weltenburg mit dem noch viel älteren Donaudurchbruch.

Bayerns Erfolgsrezept "Laptop und Lederhose" fällt schon auf dem Weg nach Kelheim ins Auge: In der Hallertau wechseln sich dunkelgrüne Hopfengärten mit stromerzeugenden Sonnenkollektoren ab. Bald ist hoch über der einstigen Herzogsstadt ihr Wahrzeichen, die Befreiunghalle auf dem bewaldeten Michelsberg, zu sehen. Ludwig I. ließ den klassizistischen Rundbau zum Andenken an die Bezwingung der napoleonischen Truppen in den Schlachten von 1813 bis 1815 errichten. "Das Lied zur Grundsteinlegung dichtete der König selbst", verrät uns Jonas Fritsch. Der junge Mann lernt bei der Personenschiffahrt Schweiger, dem ältesten von drei Unternehmen, die sich zur Vereinigten Schiffahrt Kelheim zusammengeschlossen haben. Der Verbund ist mit 3.500 Passagierplätzen eine der größten Reedereien Bayerns und mit zehn Kapitänen sowie 130 weiteren Beschäftigten wichtiger Arbeitgeber der Region. Die komfortablen Dampfer verkehren bis 5. November fast täglich. In der kalten Jahreszeit finden eine Silvester- und zwei Glühweinfahrten statt. Das Event "Feuer & Flamme" zieht mit bengalischer Beleuchtung und Wasserfall rund 1.600 Gäste an. Heuer ist es für 10. November geplant.

Auf den schwer zu bewirtschaftenden Hängen findet man Raritäten

Langsam gleitet die "Maximilian II." donauaufwärts. Am Ufer ziehen Obstgärten, dann Wälder vorbei, deren Laub sich gerade gelb und rot färbt. Rechts grüßt das "Klösterl", eine Franziskanerklause aus dem 14. Jahrhundert mit einer Felsenkirche ohne Dach und gut erhaltenen Fresken. Man kann sie bequem erwandern und sich im Gasthaus daneben eine Brotzeit gönnen. Das Klösterl ist umgeben von einem Paradies voll seltener Pflanzen und Tiere. Auf den schwer zu bewirtschaftenden Hängen findet man Raritäten, wie die Donaumehlbeere und das vom Aussterben bedrohte Habichtkraut. In den Felsenhöhlen nisten Falke und Uhu. "Damit sich die Natur erholen kann, bieten wir keine Nachtfahrten an und halten die Winterpause ein", sagt Renate Schweiger, die als geprüfte Schiffsführerin häufig selbst am Steuer steht.

Die Klosterbrauerei Weltenburg ist die älteste der Welt

Vorbei geht es am "Bienenhaus", an "Peter und Paul", der "Steinernen Kanzel", "Räuberhöhle" und "Napoleons Reisekoffer", wie der Volksmund kuriose Felspartien getauft hat. "Die Wipfelsfurt" heißt ein vor 15 Millionen Jahren durch einen Meteoriteneinschlag entstandener Kessel.

Plötzlich verengt sich das breite Flussbett. Wir nähern uns dem Naturdenkmal Weltenburger Enge. Die Passagiere strömen aus dem Salon auf das Sonnendeck. Kameras klicken. Nur eine Gruppe Passauer bleibt bei Eiskaffee, Kuchen und Bier sitzen. Vor über 130.000 Jahren suchte sich die Donau hier einen neuen Lauf und verließ ihr angestammtes Tal, um es der Altmühl zu überlassen. In mühsamer, oft mit Hochwassern verbundener Arbeit grub sich der Strom durch 180 Millionen Jahre alten Kalksandstein in einem tropischen Meer - und schuf so ein einmaliges Naturschauspiel.

Im Garten des Kloster Weltenburgs erwartet uns nicht nur eine deftige Brotzeit, sondern auch das süffige Bier der ältesten Klosterbrauerei der Welt. Die Belegschaft der Klosterschänke leistet Gigantisches. 4.000 Essen verlassen an den Wochenenden die Küche, darunter an guten Tagen 1.000 Schweinshaxen, die Hausspezialität vor den "Pflanzerl" aus Donaufisch. "Alles Handarbeit", versichert Geschäftsführer Rolf Holthausen. Der studierte Betriebswirt aus Hessen führt die Gastronomie seit zwei Jahren und beendete damit die 82-jährige Wirtstradition der Familie Röhrl. Nach 30 Jahren Knochenarbeit ohne Feiertag zog sich die dritte Generation zurück. Nicht ohne eine Träne im Knopfloch. "Wirtshaus und Kloster sind ein Hotspot in Bayern", gaben Anton und Gabi Röhrl ihrem Nachfolger mit. "Sollte es nicht mehr laufen, wäre das eine Katastrophe." Doch es läuft - und wie!

"Überirdisches Licht" fällt in der Klosterkirche St. Georg durch die Fenster

Zugpferd ist neben der idyllischen Lage die prachtvolle Barockkirche. Sie gilt als einer der wichtigsten Sakralbauten im europäischen Raum. Die aufwändigen Stukkaturen und vier Seitenaltäre fertigte Egid Quirin Asam. Bruder Cosmas Damian Asam schuf die Altarblätter und das illusionistische Deckenfresco in der Himmelskuppel. "Sehen Sie den Drachenkampf des Hl. Georg, der mit Gottes Hilfe vor dem Opfertod gerettet wurde. Und dort den Hl. Martin mit der Gans, die den Drachen anzischt und den Puter, der sich ängstlich versteckt", schwärmt Abt Thomas Maria Freihart bei einer Privatführung und weist uns auf das "überirdische Licht" hin, das durch die raffiniert verdeckten Chorfenster fällt.

Die Benediktiner-Abtei soll bereits 1040 von iroschottischen Missionaren gegründet worden sein. Heute gehören dem Konvent sieben Mönche zwischen 35 und 58 Jahren an. Die Patres sind für die Pfarrei-Seelsorge da, arbeiten aber auch in Schreinerei und Landwirtschaft. Im Gästehaus St. Georg werden Seminare und Freizeiten angeboten.

Ein Unikat ist der historische Felsenkeller, eine Art Museum, in dem man auf frühchristlichen Spuren wandeln und die Entdeckung des "flüssigen Brotes" nachvollziehen kann. Heute überlassen die Mönche die Zubereitung der Fastenspeise Bier der Brauerei Bischofshof.

Nach so vielen Eindrücken dient die Rückfahrt dem Entschleunigen. In der Zille des Bootsführers Ludwig gleiten wir im Abendlicht entspannt flussabwärts, vorbei am Hl. Nepomuk, dem Schutzpatron des Schiffsleute.

An der "Langen Wand" sind 65 Eisenringe in den Fels gerammt. Daran zogen die Bauern ihre mit Waren beladenen Kähne stromaufwärts. "Mit Bootshaken", erinnert sich Ludwig. "Mein Vater und Großvater haben auch noch so gehandelt."

Alles Geschichte: Heute gehört das älteste Naturschutzgebiet Bayerns den leisen Flusskreuzern und nach Feierabend der paddelnden Bevölkerung.

 

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