Deutschland Mutter nach mutmaßlichem Babymord: Schwangerschaft verdrängt

Die Angeklagte wartet im Gerichtssaal auf den Prozessbeginn. Foto: Nicolas Armer/dpa/dpa

Als sich seine Freundin mit Bauchschmerzen ins Bad einschließt, weiß der Lebensgefährte nach eigenen Angaben nicht, dass sie dort ein Kind auf die Welt bringen wird. Von der Schwangerschaft erfährt der Vater erst, nachdem er beim Aufräumen eine schreckliche Entdeckung macht.

Schweinfurt (dpa/lby) - Nach dem Fund eines toten Neugeborenen in einem Badezimmer in Schweinfurt vor rund einem Jahr hat die Mutter vor Gericht erklärt, die Schwangerschaft verdrängt zu haben. Sie sei nicht für ein zweites Kind bereit gewesen, verlas ihr Verteidiger zum Auftakt der Verhandlung am Mittwoch vor dem Landgericht Schweinfurt (Az. 11 Js 9726/20).

Die 27-Jährige stehe immer noch unter Schock. Sie könne sich an das Geschehene nicht genau erinnern. Der Erklärung der Deutschen zufolge, die ihr Anwalt wiedergab, stellte ein Gutachter eine Persönlichkeitsstörung fest.

Der 29-jährige Lebensgefährte und Vater des Kindes sagte vor Gericht, dass er von der Schwangerschaft nichts gewusst habe. Seine Freundin hatte am Abend des 24. Augusts 2020 über Bauchschmerzen geklagt und sich im Bad eingeschlossen. Er habe geschlafen und von der Geburt des Jungen nichts mitbekommen.

Im Laufe der Nacht fand er seine Partnerin "zitternd und bleich", die Badewanne voller Blut. Nachdem sie vom Notarzt ins Krankenhaus gebracht worden war, hatte der Lebensgefährte das Badezimmer aufgeräumt. Unter Handtüchern und Kleidung fand er das tote Baby.

Die Staatsanwaltschaft geht in der Anklage von Mord aus. Das Neugeborene sei entweder erstickt, an Unterkühlung oder an einer Kombination aus beidem gestorben. "Die Angeschuldigte wusste, dass sie ihrem Kind zu Hilfe und Beistand verpflichtet war", sagte der Staatsanwalt. Sie habe einen Menschen aus niederen Beweggründen getötet, so der Vorwurf.

Die Mutter war zum Prozessauftakt sichtlich mitgenommen, zitterte und schluchzte während der Verhandlung. Sie gab an, den Tod des Kindes zutiefst zu bedauern. Bei der Verlesung der Anklageschrift und beim Zeigen der Bilder des toten Babys brach sie in Tränen aus.

Die 27-Jährige hatte eigenen Angaben nach ihren Traumjob ausgeübt und in einer festen Beziehung gelebt. Diese Lebenssituation wollte sie durch eine Schwangerschaft nicht gefährden. Zudem sei sie von ihrer ersten Geburt traumatisiert gewesen, bei der sie viel Blut verloren und Todesängste erlitten habe. Auch das erste Kind ist ein Junge.

Die Frau sitzt nach Gerichtsangaben in Untersuchungshaft. Mit ihrem Lebensgefährten ist sie verlobt. Das Paar plant weiterhin zu heiraten. Das Urteil ist für den 6. August vorgesehen.

Ob Berechnung, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit oder Überforderung - seit Jahren werden immer wieder Fälle bekannt, in denen Mütter ihre Schwangerschaft verheimlichen und ihr Kind unbemerkt von ihren Angehörigen zur Welt bringen und manchmal sogar töten.

Neben etwa 100 Babyklappen in Deutschland gibt es seit 2014 bei ungewollten Schwangerschaften auch die Möglichkeit der "vertraulichen Geburt". Dabei können Frauen inkognito entbinden und einen Vornamen für das Kind auswählen. Ihre persönlichen Daten werden in einem versiegelten Brief beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben verwahrt. Nach 16 Jahren darf das Kind den Namen seiner leiblichen Mutter erfahren - wenn es das möchte.

© dpa-infocom, dpa:210728-99-576918/3

 

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