Deutschland Im Frühsommer pilgern Tausende zur Heilig-Blut-Reliquie nach Walldürn

Höhepunkt der Festwochen sind die beiden großen Prozessionen zu Fronleichnam und am Donnerstag. Foto: Günter Schenk

Für die einen ist es Neugier oder sportlicher Ehrgeiz. Andere suchen in der Gemeinschaft mit Gleichgesinnten ein Stück Nähe.

Nur die wenigsten treibt noch immer ein konkretes Anliegen zur Wallfahrt. So wie die junge Frau, deren Bruder seit seinem Autounfall mit dem Tod kämpft. Für ihn zu beten hat sich die Schwester deshalb vorgenommen, sich auf den weiten Weg nach Walldürn gemacht hat. Zum Heilig-Blut-Altar, der einmal jährlich für vier Wochen zum Treffpunkt der Gläubigen wird. Bis zu 80.000 Pilger zählt das kleine Odenwald-Städtchen in diesen Tagen. Menschen aus allen Regionen, die in der Wallfahrt wie Generationen vor ihnen ein Stück Seelenheil suchen. Trost und Zuflucht, in der Regel aber nur ein bisschen Zufriedenheit. Vor allem aber Geselligkeit, weshalb die Touren nach Walldürn immer viele Freunde haben, zunehmend auch junge Leute.

Am Sonntag nach Pfingsten beginnt die jährliche Pilgersaison, startet Walldürn einen vierwöchigen Bet- und Sing-Marathon mit Gottesdiensten und Andachten fast rund um die Uhr. Feierlich öffnen die Franziskaner, die Deutschlands drittgrößten Wallfahrtsort heute betreuen, dann den Heilig-Blut-Schrein. Geben den Blick auf das sogenannte Wunderkorporale frei: ein quadratisches Leinentuch hinter Glas. Den Rest des Jahres ist es nur von hinten zu sehen, von einem kleinen Gang hinter dem Heilig-Blut-Altar aus. Höhepunkt der Festwochen sind die beiden großen Prozessionen zu Fronleichnam und am Donnerstag danach, wenn das sogenannte Blut-Korporale unter einem Baldachin durch die Stadt getragen wird.

Die Geschichte der Wallfahrt im Detail

Die Ursprünge der Wallfahrt reichen zurück ins 14. Jahrhundert. Damals soll einem Priester während des Gottesdienstes der Kelch mit dem geweihten Wein umgefallen sein. "Sofort", heißt es in einer gut zweieinhalb Jahrhunderte später veröffentlichten Schrift, "ergoss sich das Blut des Herrn über das darunter liegende Korporale...und wohin es floss, da formte es sich zu einem wunderbaren Bild: in der Mitte das Bild des Gekreuzigten an den Seiten aber mehrere "Veronicae", die das Haupt Christi mit Dornen umwunden zeigen." Obwohl es nicht an Augenzeugen fehlte, verbarg der Priester in seinem Schrecken jenes Tuch, so wie es war, gezeichnet mit den genannten blutigen Bildnissen, im gleichen Altar, indem er einen Stein entfernte..."

Wahrscheinlich würde heute niemand nach Walldürn fahren, hätte den Priester nicht schließlich das Gewissen geplagt. In der Stunde seines Todes verriet er das Versteck mit dem vom Blut getränkten Tuch, das man so wie beschrieben vorfand. Diese im Jahr 1589 erstmals gedruckte Geschichte legte den Grundstock für Walldürns Fremdenverkehr. Das passende Fundament hatte Papst Eugen IV schon 1445 mit einem kirchlichen Erlass geschaffen, der allen, die am Wallfahrtsort beichteten und Reue zeigten, einen mindestens dreijährigen Ablass ihrer Sündenstrafen und Bußen garantierte. Vorausgesetzt, sie hinterließen in Walldürn auch eine Spende.

Die ersten Wallfahrer kamen aus der Nachbarschaft. Menschen aus dem Odenwald und vom Main, die mit Naturalien nach Walldürn reisten. Mit Schafen und Lämmern, Korn und Eiern, die sie der Kirche spendeten. Pest und Bauernkrieg bremsten dann aber den Besucherstrom. Die Reformation brachte die Pilgerfahrten schließlich fast ganz zum Erliegen.

Erst im 17. Jahrhundert lebte die Wallfahrt wieder auf, förderten Orden wie die Jesuiten den Pilgergedanken aufs Neue. Würzburg, Köln und Aschaffenburg organisierten lange Wanderungen in den Odenwald. Vielerorts gründeten sich Bruderschaften, die sich die Verehrung des Heiligen Blutes zu Walldürn auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Pfingsten 1683 fanden sich erstmals im thüringischen Küllstedt mehr als hundert Männer und Frauen zusammen, um nach Walldürn zu laufen. Ein Fußmarsch, der als "Eichsfelder Walldürn-Wallfahrt" noch heute gepflegt wird.

Den nächsten Dämpfer bescherte die Aufklärung den Wallfahrtsfeierlichkeiten. Überall strichen Bischöfe liebgewonnene Feiertage, teilweise wurde das Pilgern "ins Ausland" ganz verboten. "Dergleichen Reisen", beschied etwa Fuldas Regierung den Wallfahrern, haben nicht nur "auf die Moralität und auf die Gesundheit den nachtheiligsten Einfluss", sondern hielten die Menschen auch von der Arbeit ab, die so "an den Müssiggang und das Betteln gewöhnt werden". Den echten Pilger aber störte das wenig, zumal Bahn und Auto schließlich die Reisezeit um Tage verkürzen sollten. Besonderen Zulauf fanden die Wallfahrten unmittelbar nach den beiden Weltkriegen, als es Zehntausende nach Walldürn zog. Frauen vor allem, die dort für ihre gefangenen oder verwundeten Männer beteten und oft nur mit Lappen an den Füßen oder ganz barfuß unterwegs waren. Heute sind es weniger Not und Elend, welche die Menschen nach Walldürn treiben. Vielmehr steht der Erlebniswert im Vordergrund, gehört längst auch der Weg zum Ziel. "Endlich", weiß einer der Wallfahrer, "hat man den Kopf frei, entdeckt Neues in sich. Findet Seiten, die man vor lauter Hektik im Alltag sonst übersehen hat".

"Zum Blut des Herren wallen wir...", tönt es noch immer auf dem Weg zur Basilika. Rund hundert Fußgruppen sind es jährlich, die laut singend und betend das Odenwald-Städtchen ansteuern. Zehntausende kommen mit Auto und Bus. Sogar für Motorrad- und Fahrradfahrer gibt es spezielle Wallfahrtstage, ebenso für Erstkommunionkinder und Jugendliche.

Für die meisten ist die Reise nach Walldürn so eine Art Urlaub für die Seele. Anlass, für ein paar Stunden oder Tage völlig abzuschalten. "Man wird für einige Tage aus dem Alltag gerissen, freut sich wie im Advent auf den langen Marsch". In Zeiten zunehmender Globalisierung, die von den meisten verlangt, immer schneller und besser zu werden, ist die Wallfahrt für immer mehr Menschen willkommene Auszeit. Manchmal können die dabei gewonnenen Erfahrungen das ganze Leben ändern, meist aber reicht es, die Welt ein paar Tage oder Stunden mit neuen Augen zu sehen. Die Natur zu genießen, Sonne und Regen als gottgegeben zu betrachten. "Den Weg hinzunehmen", beschreibt einer der Wallfahrer diesen Prozess, "so wie er ist: staubig, steinig, hart und weich, sonnig und schattig - und oft auch sehr holprig."

Das Walldürner Wallfahrtstuch zeigt den gekreuzigten Christus mit elf kleinen Christusköpfen. "Veronicae" nannte der Volksmund die dornengekrönten Häupter in Erinnerung an das Schweißtuch der Heiligen Veronika, die der Legende zufolge einst von Christus einen Abdruck seines Antlitzes genommen haben soll. Bei der Beschreibung des Walldürner Tuches im Zusammenhang mit der päpstlichen Bulle von 1445 ist die Zahl der Christusköpfe noch nicht fixiert. Erstmals werden elf dornengekrönte Häupter in der Druckschrift ("De Sacrae walturensis peregrinationis ortu et progressu") des Jahres 1589 erwähnt, von denen jedoch schon bald nichts mehr zu sehen war. Um das Jahr 1920 befestigte man hinter dem Korporale ein weißes Schutztuch, in dem man 1950 nach Ultraviolett-Analysen das vergilbte Bild eines menschlichen Körpers mit ausgebreiteten Armen entdeckte. Fachleute meinen, die Gestalt des im Tuchgewebe vor Jahrhunderten vertrockneten Weines habe das Durchströmen des Lichtes so behindert, dass im Laufe von drei Jahrzehnten sich die Vergilbungsumrisse auf dem Schutztuch abzeichnen konnten. Heute steckt das Korporale in einem in Augsburg gefertigten barocken Prunkrahmen.

Die Kernzeit der Wallfahrt beginnt immer nach Pfingsten Die vierwöchige Kernzeit der Wallfahrt beginnt immer am Sonntag nach Pfingsten. Dienstags danach ist Pilgerfahrt der Kölner, mittwochs die traditionelle Fulda-Eichsfeld-Prozession mit über tausend Gläubigen. Zu Fronleichnam und dem sieben Tage später folgenden "Großen Blutfeiertag" wird das Korporale in großer Prozession am späten Vormittag nach dem feierlichen Gottesdienst durch die Stadt getragen. Die Samstage der Festwochen beschließen große Lichterprozessionen, ebenso den Abschlussgottesdienst am fünften Wallfahrtssonntag. An fast allen Wallfahrtstagen gibt es eine Andacht vor dem Korporale.

Weitere Informationen

Tourismusbüro Walldürn,

Hauptstr. 27, 74731 Walldürn,

Telefon 06282-67106,

www.wallduern.de.

Pilgerinformation:

Katholisches Pfarramt,

Telefon 06282- 92030,

www.wallfahrt-wallduern.de

 

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