Deutschland Erlebnisreiche Stationen im Chiemgau

Idylle pur findet man im weitläufigen Park vor Schloss Herrenchiemsee. Foto: Rainer Hamberger

Scarlett Hasslberger schmunzelt noch immer über den schon über 60 Jahre zurückliegende Wirrwarr um ihre Taufe, an den sich ihre Mutter gerne erinnert. "Taufen wollt´r mi scho glei gar net. Das wäre kein christlicher Name, meinte Hochwürden."

Während sie erzählt, fischt sie in der kleinen Küche, auf der Dandl-Alm im Chiemgau, in Fett gebackene Hefeklöße aus dem Topf. Die "Auszogenen" sind eine Spezialität von ihr. Angeblich habe die aus Mainz stammende Mutter den berühmten Film "Vom Winde verweht" - das bekannte Südstaaten-Epos von Margaret Mitchell, die tragische Liebesgeschichte von Scarlett O'Hara und Rhett Butler in Zeiten des amerikanischen Bürgerkrieges - sich zehnmal angesehen. Als ihre Tochter zur Welt kam, war klar: Das war ihre Scarlett. Schließlich erklärten sich die Eltern bereit, noch den Namen Renate beizufügen. Damit war der Pfarrer zufrieden und die Taufe konnte stattfinden.

Eine gemütliche Wanderung, zirka eine Stunde entlang der Urschlauer Ache, führt hinauf zur Dandl-Alm, unterhalb des Gunwaldkopfes ins Röthelmoos auf 880 Meter Höhe. Das weitläufige Tal, in dem sich ein Hochmoor mit seltenen Pflanzen befindet, ist Überbleibsel der letzten Eiszeit.

Eine gemütliche Wanderung, zirka eine Stunde entlang der Urschlauer Ache, führt hinauf zur Dandl-Alm, unterhalb des Gunwaldkopfes ins Röthelmoos auf 880 Meter Höhe. Das weitläufige Tal, in dem sich ein Hochmoor mit seltenen Pflanzen befindet, ist Überbleibsel der letzten Eiszeit. "Bitte noch ein Almkäsebrot mit Tomaten!" Hasslberger gibt die Bestellung weiter. Wanderer, die auf der Alm rasten, schätzen den selbst gemachten Almkäse. Getränke gibt es zur Selbstbedienung aus dem Brunnen vor dem Haus. Auf der Wiese tummeln sich Hasen und Hühner. Lag es am Namen oder eher an der freiheitsliebenden Mutter, Scarlett Hasslbergers Leben verlief in ungewöhnlichen Bahnen. Nach der Ausbildung zur Hauswirtschaftslehrerin wollte sie die Welt sehen. Mit Rucksack zog sie los. New York, Australien, Asien, unbedingt nach Nepal: Das waren keine Ziele, die sich so nebenbei ergaben. Selbst auf die Fidschi-Inseln schaffte sie es, zusammen mit zehn Freunden. Vor der Abreise drückte eine Freundin ihr einen Hausschlüssel in die Hand: "Da kannst jederzeit hin zu den Einheimischen, wenn du nach Fidschi kommst," vertraute sie der Abenteuerlustigen. Dass sich das Haus als Hütte aus Strohmatten entpuppte, brachte Hasslberger nicht aus der Ruhe. "A Gaudi war´s trotzdem," erinnert sie sich.

Bodenständig wurde sie erst mit Einheirat auf einen Hof und eigenen Kindern. Und was ist aus dem Fernweh geworden? Hasslberger schüttelt den Kopf: "Schaut´s euch doch mal um." In der Stube verbreitet der Holzofen wohlige Wärme. Draußen vor der Hütte ziehen Kühe friedlich grasend über die Weide. Die Gipfel der umliegenden Berge leuchten im späten Nachmittagslicht. Für Hasslberger herrscht hier oben Frieden, sie genießt die Begegnungen mit Menschen und liebt ihre Aufgaben auf der Alm, da kommt kaum mehr Fernweh auf.

Räucherfisch und Geist der Pflanze

Nächste Station Frauenchiemsee: Sie bedarf besonderer Pflege, schließlich hat sie schon ein paar Jährchen auf dem Buckel, vielmehr in der Krone: Die tausendjährige Linde steht auf dem höchsten Punkt der Insel und muss mal wieder ausgeastet werden. Auf dem 1,4 Kilometer langen Weg rund um das Eiland ist sie allemal einen Abstecher wert. Ein Blick in die liebevoll angelegten Gärten zeigt, dass die Menschen, die hier beständig wohnen, einer alten Tradition treu geblieben sind: Vielfältige Kräuter sprießen aus der fruchtbaren Erde. Sie gedeihen in dem milden Klima hervorragend. Im 13. Jahrhundert waren es Klosterfrauen, die zahlreiche Rezepte aus den Gewächsen entwickelten. Auch war das Destillieren von Hochprozentigem auf der Insel seit dieser Zeit bekannt. Bereits 782 gründete Bayernherzog Tassilo III., Vetter Karls des Großen, ein Frauenkloster auf der Fraueninsel, sowie ein Männerkloster auf der Herreninsel im Chiemsee. Damit begann die wechselvolle Geschichte des Klosters Frauenwörth, das auch heute noch von 20 Benediktinerinnen bewohnt wird.

Es duftet verführerisch aus der Fisch-Räucherei. "Frisch aus dem Ofen!" Wer könnte da dem angebotenen Fischbrötchen widerstehen.

Die idyllische Lage im See zwischen den Bergen entdeckten auch viele Künstler im 19. Jahrhundert. So entstand eine der ersten Künstlerkolonien Europas. Bekannt wurden die am Chiemsee tätigen Landschafts- und Genremaler als Chiemseemaler. Heute üben verschiedene Töpfer ihr kreatives Handwerk dort aus. Oftmals lassen sie sich bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen. Trotz hoher Besucherzahlen hat die Insel den Charme eines Fischerdorfes nicht verloren.

Nach Herrenchiemsee mit dem Schaufelrad-Dampfer

Unten am Bootssteg tutet die "Ludwig Fessler". Einige Gäste sputen sich, um noch den nostalgischen Schaufelrad-Dampfer zur Weiterfahrt nach Herrenchiemsee zu erreichen. Auch wenn es sich nur um kurze Strecken handelt, eine Bootsfahrt ist immer etwas Besonderes. Allein schon das Prozedere des An- bzw. Ablegens, das Dahingleiten auf der Wasserfläche.

Um die Schifffahrt auf dem Chiemsee wäre es schlecht bestellt gewesen, hätte der bayerische König Ludwig II. einen anderen Platz für den Bau seines Schlosses auf Herrenchiemsee gewählt. Als zweite Wahl bezeichnete er die Insel, auf der er seinen Traum, einen Nachbau des französischen Versailles, verwirklichen wollte. Das schlechte Wegenetz umgehend überquerten Pferdewagen ab 1845 per Schiff den See schneller und bequemer als am Ufer entlang. Transportiert wurden Handwerker, Baumaterial und Schaulustige. Als nach dem Tod des Königs 1886 die Räume des prunkvollen Schlosses, sowie der kunstvoll angelegte Park für die Öffentlichkeit freigegeben wurden, setzte ein unglaublicher Boom für die mit Dampf betriebenen Schiffe ein. Der König selbst ist nie mit dem Dampfschiff gefahren. Er reiste per Bahn bis Rimsting und ließ sich von dort mit dem Ruderboot zur Herreninsel übersetzen. Traute der sonst technikaffine Monarch etwa dem dampfenden Ungetüm, das den Motor an trieb vielleicht nicht? Der Schiffs-Eigentümer-Familie Feßler zahlte er Geld, dass sie allzu Neugierige von seiner Insel fernhielten. Er wollte nicht durch die Schaulustigkeit der Passagiere gestört werden.

Die allerersten Dampfschiffe aus Holz gibt es nicht mehr. Nur das nostalgische Flaggschiff "Ludwig Fessler", ist während des Sommerfahrplans unterwegs. Die Flotte besteht heute aus 13 modernen Schiffen mit einer Kapazität zwischen 25 bis zu 350 Personen.

In Übersee, später am Nachmittag, kehren die Schiffe nach und nach zurück. Die ausgestiegenen Gäste planen schon für den nächsten Tag. Interessant wäre ein Besuch des "Klaushäusl" zwischen Grassau und Rottau, das gleich zwei Museen beherbergt: Salz und Moor. Anschaulich wird in der ehemaligen Solepumpstation an der 107 Kilometer langen Soleleitung zwischen den Solequellen Reichenhall und der Salzfabrik in Rosenheim, wo Kochsalz gesiedet wurde, erinnert. Originale Geräte und alte Fotografien zeigen die komplizierte Prozedur, das damals kostbare Salz zu gewinnen. "Schau mal, die komische Fliege", aufgeregt deutet der kleine Junge auf die überdimensionierte Libelle im Schaukasten. Daneben wird das Insekt in seiner natürlichen Größe gezeigt. Spaß haben nicht nur Kinder an den verschiedenen Ausstellungsstücken, die über das Entstehen einer Moorlandschaft, sowie über Flora und Fauna informieren. Da bietet sich nach dem Besuch des Museums gleich anschließend ein Rundweg durch das große Hochmoorschutzgebiet "Kendlmühlfilzen" an.

Am Himmel ziehen dunkle Wolken auf. Auf der Dandl-Alm schaut Hasslberger besorgt nach oben. "Ihr schaut´s, dass ihr noch vor dem Guss ins Tal kommt", scheucht sie die Gäste auf. Ein Donner macht ihre Forderung dringlicher. Ungern verlassen die Wanderer den idyllischen Platz zwischen den Bergen. Während sie Gläser und Teller abräumt, fallen die ersten Tropfen.

Hasslberger hat über die Jahre hier oben viel Erfahrung mit Wettereinbrüchen gesammelt. Sie weiß, das ist kein leichter Landregen, der da aufzieht. Blitz und Donner folgen. Dann treibt der Wind Regenfetzen über das Tal. Sie liebt es, die Naturgewalten zu beobachten, während sie in ihrem gemütlichen Wohnzimmer durchs Fenster schaut. Vielleicht wandern ihre Gedanken Jahrzehnte zurück an den Tag, als sie in Australien Schutz vor einem aufziehenden Sturm bei einer Farmer-Familie fand.

Weitere Infos: www.chiemsee-chiemgau.info

Weitere Artikel

 

idowa-Newsletter kostenlos abonnieren

E-Mail-Adresse:
 
 
 

0 Kommentare

Kommentieren

null

loading