Deutschland 45.000 Schritte der Besinnung

Idyllisch eingebettet ist die Kirche in Johannisberg. Foto: Günter Schenk

Der Rheingauer Klostersteig verbindet alte Abteien und Kirchen.

Ein bisschen Angst könnte der Wegname manchem einflößen, doch ein Steig, wie man ihn aus den Alpen kennt, ist der Klostersteig nicht. Eher ein streckenweise auch anspruchsvoller Wanderweg mit kurzen Anstiegen. Mehr als 800 Höhenmeter gilt es bei der Wanderung so mit einzurechnen. Genuss-Wanderer sollten sich für die Strecke zwei oder gar drei Tage Zeit lassen.

Mit dem gut ausgeschilderten Wanderweg haben die Touristiker eine Strecke auf den Höhen des Rheingaus ausgewiesen, auf denen schon im Mittelalter fromme Männer und Frauen unterwegs waren. Denn in nur wenigen Landschaften Europas ballten sich einst die Klöster auf so engem Raum wie hier. Das lag an herrlichen Grundstücken in tiefen, von kleinen Bächen durchzogenen Tälern, vor allem aber am Wein, dessen Trauben nicht weit weg an sonnigen Hängen reiften. So wie vor den Toren von Kloster Eberbach am Start des Klostersteiges.

Mitten im Grünen empfängt den Wanderer die romanisch-gotische Abtei. Sie wird heute von einer Stiftung betrieben, die in den alten Gemäuern nicht nur die Weinkultur pflegt, sondern auch mit Konzerten und Tagungen die Massen lockt. Zehntausende von Besuchern werden jährlich durch die Anlage geschleust, deren Anfänge ins frühe 12. Jahrhundert zurückgehen, als hier erstmals Augustiner-Chorherren siedelten. Schon bald aber übernahmen Zisterzienser aus Clairvaux das Kommando, die von hier aus viele Regionen mit Tochterklöstern besiedelten. Ackerbau und Viehzucht waren ihre Erwerbsquellen, vor allem aber der Weinbau. Noch heute zeugen davon alte Keltern und Fässer, die einem beim Rundgang begegnen.

Weil man den Mönchen in Eberbach schon früh einige Wunder zuschrieb, wurde das Kloster im Tal schnell zum Pilgerziel, dem eine ansehnliche Reliquiensammlung zusätzliche Attraktivität verschaffte. So entstand die 1186 geweihte Abteikirche, noch heute die größte Sehenswürdigkeit des Rheingaus: eine dreischiffige Basilika von romanischer Schlichtheit. Vom Chor führt eine Treppe in den ehemaligen Schlafsaal der Mönche, einer Bilderbuchschöpfung der Gotik. Sie ist sorgsam restauriert wie das ganze Kloster inzwischen, das mit der Reformation und den anschließenden Kriegen in eine Krise stürzte, von der es sich bis zur endgültigen Auflösung durch die Säkularisation 1803 nie mehr ganz erholte.

Drei Klosterbögen führen durch dichte Wälder

Zwei bis drei Stunden sollte der Wanderer zum Erkunden des Klosters schon einplanen, dann aber ruft der Klostersteig. "Das unruhige Herz ist die Wurzel der Pilgerschaft", heißt es dazu im Begleitheft, das dem Wanderer bei der Meditation an ausgewiesenen Ruhepunkten helfen soll. "Im Menschen lebt eine Sehnsucht, die ihn hinaustreibt aus dem Einerlei des Alltags und aus der Enge seiner gewohnten Umgebung. Immer lockt ihn das Andere, das Fremde." Drei Klosterbögen in Naturlandschaft, das Zeichen des Weges, führen Stunden durch dichte Wälder, die schließlich berühmten Weinlagen wie dem Winkler Hasensprung weichen. Durch das Rebenmeer geht es weiter nach Johannisberg, wo viele ihren Marsch für eine Nacht unterbrechen. Schließlich hat man hier fast die Hälfte des Steiges hinter sich.

Weit über den Rhein reicht von Johannisberg der Blick nach Ingelheim, wo Kaiser Karl einst einen seiner Sitze hatte. Pfalz nannte man die Stadt damals. Von dort, so die Legende, schaute er einst auf die Hänge über den Fluss, wo er sah, dass der Schnee dort schneller schmolz als ringsum. Daraufhin soll er beschlossen haben, hier Weinberge anzulegen. Jahrehundertelang waren hier auch Benediktiner zuhause, deren Kirche Johannes dem Täufer geweiht war und schließlich dem langsam besiedelten Bergrücken auch den heutigen Namen Johannisberg gab. Heute prägen eine einfache neoromanische Basilika und ein barockes Schloss das Bild des Ortes, der für sich den Geburtsort der Spätlese reklamiert.

Ein von Mühlen gesäumtes Tal führt den Wanderer weiter zum Kloster Marienthal. Schon im frühen 14. Jahrhundert war das dort angeblich an einem Baum befindliche Gnadenbild der Schmerzhaften Muttergottes mit ihrem toten Sohn Jesus auf dem Schoß das Ziel erster Pilger. 1330 baute man eine erste Wallfahrtskirche. Neu beseelt wurde die Gnadenstätte schließlich Mitte des 15. Jahrhunderts durch die "Brüder vom Gemeinsamen Leben", einer Priestergemeinschaft aus Köln, die im Todesjahr Johannes Gutenbergs hier der Welt erste Klosterdruckerei einrichteten.

Ihr Erbe übernahmen Augustiner und Jesuiten, unter denen die Wallfahrt neuen Schwung fand. Nach der Auflösung des Jesuitenordens aber, in deren Folge man das Gnadenbild ins benachbarte Geisenheim schaffte, verfiel die Kirche. Fürst von Metternich baute sie wieder auf. Das Gnadenbild kam zurück, die Wallfahrten gingen weiter. 1873 übernahmen Franziskaner das Kloster, die sich bis heute um die Pilger kümmern.

Marienthal und Nothgottes lagen im Tal, das nächste Ziel findet sich hoch oben in den Weinbergen. Die Abtei St. Hildegard hält die Erinnerung an eine Heilige fest, die wie kaum eine andere das Mittelalter prägte. Benediktinnerinnen pflegen heute in der Abtei ihr Erbe, laden zur Teilhabe an ihren Gebeten in der Basilika. Ein Café lockt mit Spezialitäten aus der Klosterküche, im Shop gibt es Schmuck und Kerzen, Dinkelprodukte und Weine, welche die Nonnen selbst produzieren.

Die passenden Rebstöcke stehen gleich vor der Klostertür und führen den Wanderer zum Ziel, dem Kloster Marienhausen im Rüdesheimer Stadtteil Aulhausen. 1189 wurde es dem Kloster Eberbach unterstellt, dem Ausgangspunkt des Klostersteiges. Wie dort waren auch hier Zisterzienser zu Hause. Erst 1811 wurde das Kloster säkularisiert, privatisiert und 1888 vom Bistum Limburg erworben, das dort eine Knabenerziehungsanstalt einrichtete. Anfang letzten Jahrhunderts brannte die romanisch-gotische Saalkirche nieder, wurde jedoch rasch wieder aufgebaut. Inzwischen wurde sie umfassend saniert und künstlerisch neu ausgestaltet. Von Menschen mit Beeinträchtigungen übrigens, die dem Gotteshaus so zu einem wertvollen Alleinstellungsmerkmal verholfen haben. Am Ende einer langen Wanderung zeugt Marienhausen so davon, dass nicht die Perfektion den Menschen ausmacht, sondern sein Wille zur eigenen schöpferischen Gestaltung. Eine Einsicht, die jedem auf dem Klostersteig neuen Mut machen kann!

Weitere Informationen: www.rheingau.de/wanderwege/klostersteig

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