Der Nordosten Polens Burgen, Bienen, Biohöfe im Ermland

Das Ermland ist eine ländlich geprägte Gegend. Foto: Carsten Heinke

Dünne Nebelschwaden wachsen aus dem feuchten Gras. Sein Duft mischt sich mit dem von Laub und Kiefernnadeln. Wie frischer Atem strömt er durch das offne Küchenfenster. Ein Oktobertag neigt sich dem Ende zu.

"In Ermland kann man riechen, wenn es Abend wird" meint Marta Wysokinska und holt die Brote aus dem Ofen. Damit sorgt die junge Frau in Jeans und T-Shirt für noch mehr Wohlgeruch im "Siedlisko Pasieka" - deutsch: Bienen- oder Immenhof. Das kleine bäuerliche Anwesen ist Familienwohnsitz, Ferienranch und Imkerei. Es gehört zum Dörfchen Wonneberg (Studzianka) und liegt in einem Wald am Teich, irgendwo zwischen Allenstein (Olsztyn) und Heilsberg (Lidzbark Warminski), mitten in der stillen Wildnis Ermlands.

Die ländliche, nur dünn besiedelte Region im Nordosten Polens bildete zusammen mit dem Oberland und den Masuren, dem litauischen Memelland und dem Königsberger Gebiet (Kaliningrader Oblast) bis 1945 die deutsche Provinz Ostpreußen. Einst lebten hier die baltischen Pruzzen. Bevor der Landstrich 1466 als Fürstbistum an Polnisch-Preußen und 1772 an das preußische Königreich fiel, war es Teil des Deutschordensstaates.

An die ereignisreiche Vergangenheit des unscheinbaren Landstrichs erinnert die Route der Masurischen Befestigungsanlagen. Dazu gehören neben wehrhaften Schlössern und Kirchen auch Bunkerkomplexe wie die Wolfsschanze bei Görlitz (Gierloz), vor allem aber die zahlreichen, meist sorgfältig restaurierten Ordensburgen. Zu den bekanntesten der protzigen gotischen Backsteinbauten gehören die in Allenstein, Heilsberg und Frauenburg.

Honig in allen Bernsteinfarben

Im Haus des Immenhofs klappern Teller und Besteck, denn hier dreht sich gerade alles um das Essen. Während Marta die Suppe vorbereitet, stellt ihr Mann Tomek Schälchen auf den Tisch und füllt sie mit Honig in allen Bernsteinfarben - von tiefem Dunkelbraun bis Beinahe-Weiß. Bevor das Abendessen fertig ist, dürfen die Gäste kosten. Eine Sorte schmeckt besser als die andere. Die Erzeuger freuen sich.

Marta und Tomasz Wysokinski, beide Ökologen, kamen aus reinem Zufall zu den Bienen. Ein befreundeter Imker sei schuld gewesen. "Als er in die Stadt umzog, vererbte er uns seine Bienenstöcke samt Bewohnern", erzählt der Mann. Mittlerweile tummeln sich 70 Völker im privaten Wald der Wysokinskis. Mit einem jährlichen Honigertrag von zwei Tonnen revanchieren sich die fleißigen Insekten für die liebevolle Pflege. "Der Boden hier ist nicht sehr fruchtbar. Darum gibt es keine großen Äcker und kaum Probleme mit Agrarchemie", erklärt Tomek. Massenhaftes Bienensterben sei hier kein Thema.

Schon während des Studiums träumte das Paar davon, der Großstadt zu entfliehen - und zwar nach Ermland. "Hier sind Natur und Landleben noch sehr ursprünglich und die Preise günstig", sagt Marta. Jobs im Ausland und Sparen halfen ihnen, sich ihren Traum zu erfüllen, im Internet fanden sie das Anwesen.

14 Hektar Eichen, Kiefern sowie Bäume 13 weiterer Arten. Mittendrin ein ermländisches Bauernhaus, gebaut vor mehr als 100 Jahren. Bis Anfang der 1990er war das Gehöft bewohnt. Danach lag es lange brach. "Fast alles war kaputt", sagt Tomek. Die jungen Eheleute kauften Wald und Hof und schufen daraus ihr Domizil - nicht nur für die eigene Familie. Die drei geräumigen, gemütlichen Gästezimmer sind so gut wie immer belegt.

"Es spricht sich herum, dass es in Ermland und den Masuren außer den bekannten noch viele andere schöne Plätze gibt", sagt Artur, der mit seinem Partner Tomas die Landpension "Schöner Platz" (Fajne Miejsce) betreibt. Das hübsche Häuschen mit weitläufigem Grundstück liegt am Rande des Dorfes Lokau (Tlokowo), dessen prächtige Kirche ein wahres Kleinod gotischer Backsteinbaukunst ist.

Der Ringsee (Jezioro Pierscien), den man von dem leicht erhöht liegenden Haus sehen kann, ist nur 150 Meter entfernt. Zwischen den hügeligen Wiesen rund herum findet jeder sein privates Ruheplätzchen.

Ähnlich wie die Waldimkerfamilie entschied sich das Designer-Paar für ein Leben auf dem Land und dafür, es mit anderen zu teilen. Ihr liebevoll gepflegtes Anwesen gehört zum regionalen Ökotourismus-Netzwerk "Revita Warmia".

Dessen Gründer sind die Künstler-Eheleute Marcelina Mikulowska und Rafal Mikulowski, die im Zentrum von Seeburg (Jeziorany) ein Galerie-Café betreiben. Unter anderem kann man sich über die 26 Biobauernhöfe, Landpensionen und -gasthäuser des Vereins erkundigen.

Während der Saison findet jeden Samstag, auf dem Marktplatz vor der Galerie ein Ökomarkt statt. Immer mit dabei sind neben Martas und Tomeks Honig vegane Köstlichkeiten des "mobilen Restaurants" von Ewa Pe und Käsespezialitäten von der Schäferei Lefevre.

Obwohl es dort nur eine Ferienwohnung gibt, mangelt es im Sommer nicht an Besuchern. "Viele unserer Kunden kommen direkt auf den Hof, um Käse zu kaufen", sagt Lefevre. Der Franzose hatte jahrelang Brautkleider in Warschau verkauft, wo er seine Frau Magdalena kennenlernte. Sie heirateten und gingen nach Paris. Dann zog es sie aufs Land.

72 Milchschafe für zwölf Käsesorten

"Während des Studiums hatte ich oft in Ermland zu tun. Ich verliebte mich in seine stille Schönheit und wusste: Wenn ich einmal das Stadtleben aufgebe - dann nur dafür", erzählt die promovierte Landschaftsarchitektin. 2014 zogen sie, ihr Mann und ihre Tochter sowie 17 Lacaune-Milchschafe ins ermländische Kerstinowen (Kiersztanowo) bei Sensburg (Mragowo), um eine neue Existenz aufzubauen. Mittlerweile blöken 72 Tiere, die beide eigenhändig melken. Aus 1.500 Liter Milch stellen sie monatlich 300 Kilogramm Käse her - meist Roquefort und Frischkäse. Insgesamt sind es zwölf Sorten. Die mit Eichel-Asche heißt "Schwarzes Schaf".

Die Langsamkeit, die man an vielen Orten Ermlands spürt, ist in kleinen Städten wie Rößel, Heilsberg oder Bischofsburg (Biskupiec) Programm. Denn mit dem Anschluss an die internationale Cittàslow-Bewegung erhebt man hier die hausgemachte Lebensqualität zum leitenden Prinzip. Aussteiger und Großstadtflüchtlinge werden zu Biobauern, Natur- wie Landliebhaber entdecken die Region als individuelles Reiseziel.

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